«Sagen Sie doch wenigstens Monsieur Idiot» – Ein Taxifahrer aus Paris nimmt Beleidigungen mit HumorMonsieur Guirand erzählt, was er tut, wenn Fahrgäste nicht zahlen, und was er von Touristen über seine Stadt lernen kann.08.09.2026, 05.30 Uhr3 Leseminuten«Wenn jemand nicht bezahlen will, werde ich mich nicht mit ihm prügeln.»NZZMonsieur Guirand, so nennt er sich, wurde am 20. April 1968 in Haiti geboren und lebt seit fast vierzig Jahren in Frankreich. Seit siebzehn Jahren fährt er Taxi in Paris. Er wohnt im Département Val-d’Oise nördlich der Hauptstadt und ist Vater von vier Söhnen. Guirand fährt eine schwarze Lexus-ES-Limousine. Seinen Arbeitstag beginnt er meist um fünf Uhr morgens. Seine Taxilizenz kostete ihn rund 247 000 Euro. Finanziert hat er sie mit einem Kredit über zehn Jahre. Die Fahrt vom Arc de Triomphe ins Geschäftsviertel La Défense kostet 17 Euro 20.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Frage: Wie sind Sie Taxifahrer geworden?Antwort: Ich habe in meinem Leben schon viele Berufe ausgeübt. Ich war Elektriker, arbeitete in der Metallverarbeitung und hatte mein eigenes Unternehmen. Immer wenn ich das Gefühl hatte, dass ein Beruf nicht mehr zu mir passt, habe ich mir etwas Neues gesucht. So bin ich beim Taxi gelandet.Frage: Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf?Antwort: Anfangs habe ich gezögert, weil man fast den ganzen Tag sitzt. Man muss ständig konzentriert sein und verbringt bis zu zehn Stunden am Steuer. Mit der Zeit habe ich den Beruf aber lieben gelernt. Kein Tag ist wie der andere. Ich begegne ständig neuen Menschen und höre ihre Geschichten.Frage: Sprechen Sie mit allen Fahrgästen?Antwort: Nein. Manche möchten ihre Ruhe haben. Vielleicht hatten sie einen schlechten Tag oder beschäftigen sich mit ihren eigenen Problemen. Dann lasse ich sie in Frieden. Andere erzählen sofort aus ihrem Leben. Man muss als Taxifahrer spüren, was der Fahrgast möchte.Frage: Welche Fahrt ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?Antwort: Eine werde ich nie vergessen. Ich kam vom Flughafen und sah an der Porte d’Orléans einen Mann auf Krücken. Er bat mich, ihm beim Einsteigen zu helfen. Der Mann hatte keine Beine mehr. Er erzählte, drei oder vier Taxis hätten zuvor nicht angehalten oder ihm nicht helfen wollen. Ich half ihm ins Auto und später auch wieder hinaus. Die Fahrt kostete kaum zehn Euro, aber er wollte mir fünfzig geben. Ich lehnte ab. Während der Fahrt erzählte er, wie er als Kind bei einem Unfall mit dem Traktor seines Vaters beide Beine verloren hatte. Diese Geschichte begleitet mich bis heute.Frage: Haben Sie auch schon unangenehme Fahrgäste erlebt?Antwort: Natürlich. Aber ich habe mir von Anfang an gesagt: Wenn jemand nicht bezahlen will, werde ich mich nicht mit ihm prügeln. Das ist die Energie nicht wert.Frage: Hat denn schon einmal jemand die Taxifahrt nicht bezahlt?Antwort: Ja. Einmal brachte ich einen gut gekleideten Mann vom Centre Pompidou ins 15. Arrondissement. Als wir ankamen, sagte er einfach: «Danke.» Ich antwortete, er habe wohl vergessen zu bezahlen. Darauf meinte er: «Ich habe Ihnen doch Danke gesagt. Reicht Ihnen das nicht?» Ich liess ihn gehen. Ein anderes Mal rannten mir einige Jugendliche einfach davon. Natürlich ärgert mich das. Ich lebe von diesem Beruf. Aber wenn jemand ehrlich sagen würde, dass er kein Geld hat, würde ich ihn wahrscheinlich trotzdem mitfahren lassen.Frage: Werden Sie im Strassenverkehr oft beschimpft?Antwort: Man hat mich schon alles Mögliche genannt. Ich versuche dann, die Situation mit Humor zu entschärfen. Manchmal sage ich: «Sagen Sie doch wenigstens Monsieur Idiot.» Oft müssen die Leute dann selbst lachen und entschuldigen sich sogar.Wie sieht ein normaler Arbeitstag aus?Antwort: Ich verlasse das Haus um fünf Uhr morgens und komme meist zwischen sechs und sieben Uhr abends zurück. Ein guter Tag ist für mich nicht unbedingt ein Tag mit viel Umsatz. Ein guter Tag ist einer, an dem nichts passiert ist, ich niemanden betrogen habe und ehrlich arbeiten konnte. Erst danach interessiert mich, wie viel Geld ich verdient habe.Frage: Haben Sie einen Lieblingsort in Paris?Antwort: Eigentlich nicht. Ich fahre dorthin, wo es Arbeit gibt. Weil ich viele Geschäftsleute fahre, bin ich oft im 7., 8. oder 16. Arrondissement unterwegs. Wir Franzosen schimpfen ja ständig über unsere Stadt. Die Touristen dagegen erinnern uns daran, wie schön sie ist. Eigentlich ist ganz Paris ein Museum.FrankreichEinwohner: 69,1 Millionen.BIP pro Kopf: 39 700 Franken.1 Liter Benzin: 1 Franken 80.1 Liter Milch: 1 Franken 20.1 Liter Coca-Cola: 1 Franken 60.Big Mac: 7 Franken 60.1 Kilogramm Reis: 2 Franken 10.Netflix-Abonnement pro Monat: 13 Franken 90.Packung Zigaretten: 11 Franken.Passend zum Artikel
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