Rot-Grün will private Immobilienbesitzer zum Bau von günstigen Wohnungen zwingen. Doch im Stadtparlament macht die SP einen seltsamen RückzieherWeil Vakanzen die linke Ratsseite schwächen, erleidet die grösste Partei der Stadt Zürich im Parlament eine taktische Niederlage. 02.09.2026, 22.01 Uhr4 LeseminutenPrivate bauen in der Stadt Zürich mit Abstand am meisten Wohnungen – Rot-Grün will ihnen dabei nochmals strengere Regeln vorgeben.Christian Beutler / KeystoneDie Forderung der linken Parteien hat es in sich. Sie zielt darauf ab, Liegenschaftseigentümer in der Stadt Zürich unter Druck zu setzen. SP und Grüne haben zu diesem Zweck die schärfste Waffe gewählt, die es im Parlamentsbetrieb gibt: die Motion, die die Stadtregierung direkt beauftragt, eine Vorlage auszuarbeiten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Auge hat Rot-Grün «gewinnorientierte Private» im Wohnungsmarkt. Diese sollen dazu gezwungen werden, preisgünstigen Wohnraum zu schaffen – und zwar im Rahmen von allen Wohnbaugeschäften, in welche die Stadt in irgendeiner Form involviert ist. Das ist sie als Aufsichtsbehörde sehr oft.In all diesen Fällen, so die Idee von Rot-Grün, soll die Stadt Druck auf die Privaten ausüben. Dies geht deutlich über das Prinzip hinaus, das die Stadt erst kürzlich eingeführt hat: dass private Bauherren einen Mindestanteil an günstigen Wohnungen bauen müssen, wenn ihnen bei der Auf- oder Umzonung von Bauland eine höhere Nutzung gewährt wird.Bürgerliche sind alarmiertFortan soll ein Mindestanteil also auch dann gelten, wenn die Privaten gar keine zusätzliche Ausnützung gewinnen. Und als Druckmittel soll dienen, dass die Stadt Aufsichts- und Bewilligungsbehörde ist.Es ist eine Idee, die die Bürgerlichen alarmiert. Auf diese Weise schrecke die Stadt die Privaten, mit denen sie zuletzt ohnehin nicht zimperlich umgesprungen sei, endgültig ab, lautet der Tenor. Dies, obwohl die Privaten mit Abstand am meisten Wohnungen in der Stadt Zürich bauen – und die Leerwohnungsziffer rekordverdächtig tief ist.Am Mittwoch war der Vorstoss von SP und Grünen im Stadtparlament traktandiert. SP-Gemeinderätin Anjushka Früh begann ihr Votum mit erwartbaren Worten: «In Zürich herrscht eine riesige Wohnungsnot. Deshalb ist es wichtig, dass die Stadt Liegenschaften kauft.» Die Stadt müsse aber auch mit privaten Playern «in Kontakt» stehen und versuchen, ihren Einfluss geltend zu machen sowie «Gegenleistungen einzufordern».Was dann folgte, war überraschend. Früh sagt, in diesem Bereich «laufe bereits einiges». Und weil dies so sei, ziehe man den Vorstoss zurück. Ein Vorgang, wie man ihn im Stadtparlament selten erlebt.Nun könnte man tatsächlich zum Schluss kommen, dass die Stadtzürcher Politik das Thema Wohnen genug beackert hat. In den letzten fünf Jahren haben die drei linken Parteien SP, Grüne und AL nicht weniger als 50 Vorstösse dazu eingereicht und beispielsweise strengere Mietzinskontrollen oder Rezepte gegen Leerkündigungen gefordert.Hinzu kommt, dass die SP ohnehin seit vielen Jahren das Hochbaudepartement besetzt – die linken Stadtparlamentarier könnten also einfach direkt im Stadthaus anrufen.Griff in die politische TrickkisteAber natürlich dürften es nicht derlei Einsichten gewesen sein, die SP-Stadtparlamentarierin Früh zu ihrem Rückzug bewogen haben. Vielmehr sah sich die grösste Partei der Stadt offensichtlich gezwungen, in die politische Trickkiste zu greifen.Den Parteistrategen auf der linken Seite muss nämlich schon zu Beginn der Ratsdebatte klar geworden sein, dass es nicht reichen würde für eine Mehrheit. Die drei linken Parteien haben im Stadtparlament lediglich eine Mehrheit von 63 zu 62, wenn alle Parlamentarier vor Ort sind. An diesem Abend hatte die linke Seite aber zu viele Vakanzen.Die linken Parteien versuchten deshalb alles, um zu verhindern, dass ihr Vorstoss diskutiert wird.Erst zogen in der vorangehenden Diskussion um eine Frauenquote bei Führungspositionen in der Stadtverwaltung mehrere Rednerinnen die Debatte mit zahlreichen Zusatzvoten in die Länge. Und dann erklärte Ratspräsident Ivo Bieri (SP) die Sitzung für beendet: Die Zeit reiche nicht mehr, um den Vorstoss zum Wohnbau noch zu behandeln.Dies aber liess Sven Sobernheim (GLP) nicht auf sich sitzen. Es sei offensichtlich, dass die linke Seite absichtlich lange diskutiert und damit «gefilibustert» habe – weil sie wisse, dass sie unterliegen werde. Sobernheim erzwang mittels Ordnungsantrags die Fortsetzung der Diskussion, Mitte-Rechts obsiegte und die Debatte ging weiter. Danach zog Früh ihren Antrag zurück.FDP-Fraktionschef Emanuel Tschannen sagte nach der Ratsdebatte: «Wenn wir auf bürgerlicher Seite gut präsent sind und zusammenarbeiten, können wir Abstimmungen gewinnen.» Rot-Grün ist unter anderem wegen einer Vakanz bei den Grünen in der Unterzahl: Dort ist ein Mitglied zurückgetreten, und das Nachrücken klappt erst mit Verzögerung.Allerdings sind aufseiten von GLP und Bürgerlichen mehrere Parlamentarier davon überzeugt, dass die SP den Vorstoss in leicht veränderter Form erneut einreichen wird. Früh war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Man habe die Idee aber «zumindest verzögert», sagt FDP-Fraktionschef Tschannen. Bis das Geschäft in einer allfälligen Neuauflage erneut in den Rat käme, würde es Monate dauern.Passend zum Artikel