Nach dem Tod von Ratko Mladic: Serbiens Nationalisten ehren den KriegsverbrecherIn Serbien wird über ein Staatsbegräbnis für den verurteilten früheren General diskutiert. Der serbische Präsident Vucic umgeht das Thema. Er weiss: Die EU blickt mit Sorge auf den Umgang der serbischen Nationalisten mit dem Tod von Mladic.01.09.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenAusserhalb einer Kirche von Banja Luka in der Republika Srpska salutiert ein kleiner Junge vor einem Bild von Ratko Mladic.Radivoje Pavicic / APDer Kriegsverbrecher Ratko Mladic wird in Teilen von Serbien und Bosnien noch immer glorifiziert. Das zeigt sich bei der Nachricht vom Tod des ehemaligen bosnisch-serbischen Generals vom vergangenen Donnerstag. In verschiedenen Städten der Region kam es zu spontanen Gedenkveranstaltungen. Vor allem in der Republika Srpska, der serbisch dominierten bosnischen Teilrepublik, versammelten sich Personengruppen, um Mladic zu ehren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sie schwenkten serbische Flaggen, skandierten seinen Namen, zündeten Kerzen an, hängten Bilder von ihm auf. Fans der serbischen Fussballmannschaft Roter Stern Belgrad hissten während eines Europa-League-Spiels ein Transparent zu dessen Ehren. Der Klub postete ein Bild davon auf seinem offiziellen X-Account, worauf der europäische Fussballverband Uefa ein Disziplinarverfahren eröffnete.Den Haag wird verbal angegriffenMladic starb nach langer Krankheit im Alter von 84 Jahren in einem Uno-Gefängnisspital in Den Haag. Dort verbüsste er eine lebenslange Haftstrafe für Kriegsverbrechen, die er im Bosnienkrieg zwischen 1992 und 1995 begangen hatte. Im November 2017 hatte ihn das Den Haager Kriegsverbrechertribunal unter anderem wegen des Massakers von Srebrenica im Juli 1995, der Geiselnahme von Blauhelmtruppen und der Belagerung Sarajevos schuldig gesprochen.Mladic war zwar bosnischer Serbe, erhielt aber Sold und Rente von der serbischen Armee. Sowohl die offizielle Führung in Belgrad als auch diejenige der Republika Srpska leugnen den Völkermord von Srebrenica bis heute. Für einen Grossteil der serbischen Nationalisten blieb Mladic denn auch ein Held und Beschützer des serbischen Volkes. Das zeigt sich auch nach seinem Tod.In der Republika Srpska nahm Milorad Dodik, der frühere Präsident und bis heute mächtigste Politiker der Teilrepublik, an einer kirchlichen Gedenkfeier für Mladic teil. Er lobte dessen «ehrenhaften» Kampf für die Verteidigung der Serben und sagte, Den Haag habe ihn umgebracht. Mladic hätte wahrscheinlich länger gelebt, wenn er eine andere medizinische Versorgung erhalten hätte, meinte er. Dieses Narrativ wurde auch von der nationalistischen, regierungstreuen Presse in Serbien aufgenommen und verbreitet.In Belgrad polterte der serbische Präsident Aleksandar Vucic am Freitag: «Wir haben nun gesehen, dass Den Haag Mladics Tod hinter Gittern wollte.» Er warf dem Uno-Kriegsverbrechertribunal «unzivilisiertes Verhalten» vor, weil es Mladic nicht gestattet habe, in Serbien zu sterben. Das Gericht hatte einen entsprechenden Antrag wiederholt abgelehnt, zuletzt eine Woche vor seinem Tod. Es begründete seine Entscheidung damit, dass Mladics Gesundheitszustand zwar kritisch, aber stabil sei und er in der Haftanstalt angemessen versorgt werde. Nach dessen Ableben leitete es umgehend eine Untersuchung zu den Todesumständen ein.Vucic sicherte Mladics Familie derweil Hilfe bei der Organisation einer Bestattung in Serbien zu, sollte sie dies wünschen. Von einem offiziellen Staatsbegräbnis sprach er aber wohl absichtlich nicht – obschon sein Justizminister ein solches zuvor angedeutet hatte. «General Mladic ist ein General, und das Protokoll ist bekannt», sagte dieser im bosnisch-serbischen Fernsehsender ATV. Seine Regierung respektiere, was Mladic zustehen würde, fügte er hinzu.Zwar teilt eine grosse Mehrheit der politischen Führung in Belgrad und Banja Luka, der Hauptstadt der Republika Srpska, diese Meinung. Es gibt aber auch Stimmen, welche die anhaltende Glorifizierung des Kriegsverbrechers kritisieren und sich gegen ein Staatsbegräbnis aussprechen. Vor allem sind es liberale serbische Oppositionsabgeordnete, Menschenrechtsorganisationen, die noch übrig gebliebenen unabhängigen Medien oder Intellektuelle. Sie werden jedoch von der dominierenden, regierungsnahen Presse oft als Verräter oder ausländische Agenten abgetan und haben darum einen schweren Stand.Socken, die Kriegsverbrecher ehren: In Belgrad gibt es Fusswärmer mit Bildern von Slobodan Milosevic, Ratko Mladic und Radovan Karadzic zu kaufen.Darko Vojinovic / APDie EU-Kommission warntDie EU-Kommission verfolgt die Debatte auf dem Balkan derweil genau. Am Freitag erklärte sie, die serbischen Behörden hätten zu entscheiden, welche Rolle sie bei der Beisetzung von Mladic spielen wollten. Zugleich stellte sie klar, dass die Verherrlichung von Kriegsverbrechern den europäischen Werten widerspreche und weder in der EU noch bei ihren Beitrittskandidaten Platz habe.Serbien ist zwar seit 2012 offizieller Beitrittskandidat der EU. Die Verhandlungen liegen jedoch seit Jahren brach. Die EU kritisiert Belgrads mangelnde Rechtsstaatlichkeit, die fehlenden Fortschritte in der Kosovo-Frage sowie die Weigerung, die Russland-Sanktionen mitzutragen.Ein offizielles Staatsbegräbnis für Mladic könnte einen beispiellosen Bruch zwischen Brüssel und Belgrad herbeiführen. Die EU verfügt über diverse politische und wirtschaftliche Hebel, um darauf zu reagieren. Vucic ist sich dessen bewusst. Wohl auch deshalb laviert er zwischen den Fronten. Er bedient seine nationalistische Basis, indem er gegen Den Haag poltert und seine Minister von einem Staatsbegräbnis reden lässt. Um Brüssel nicht zu verärgern, betont er gleichzeitig, dass die Organisation der Beisetzung Mladics bei dessen Familie liege.Passend zum Artikel