Durch den Tod von Ratko Mladić neigt sich eines der dunkelsten Kapitel der serbischen Geschichte seinem Ende zu. Ganz zu Ende ist es allerdings noch nicht. Denn es wird aufschlussreich sein, in den kommenden Tagen zu beobachten, wie sich serbische Medien und die Staatsspitze, allen voran Präsident Aleksandar Vučić, zu dem Todesfall äußern. Was sagen sie – und was sagen sie nicht? Wird die Belgrader Führung imstande sein, einen der übelsten Kriegsverbrecher in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg als solchen zu bezeichnen? Zweifel sind angebracht.In Serbien hat es in den vergangenen Jahren einen zumindest indirekt staatlich geförderten Kult um die Person Mladićs gegeben. Seine Verbrechen wurden geleugnet oder gar gepriesen. Deutlich wurde das unter anderem an einem überlebensgroßen Wandgemälde an einem Wohnhaus in der Belgrader Innenstadt. Bevor es am Ende doch entfernt wurde, stand das Grafitto offenkundig unter dem Schutz staatlicher Stellen. Ein Politiker aus der Führungsriege des serbischen Staates machte dort demonstrativ seine Aufwartung.Auch in der serbisch kontrollierten Staatshälfte von Bosnien-Hercegovina, der bosnischen Serbenrepublik, wird ein Mladić-Kult gepflegt. Dabei tut sich vor allem der bosnische Serbenpolitiker Milorad Dodik hervor, der sowohl zu Russlands Diktator Wladimir Putin als auch zur amerikanischen MAGA-Bewegung eine demonstrative Nähe pflegt.14 Bilder Ratko MladicEin General und KriegsverbrecherDie Fragen, die sich in den kommenden Tagen in Serbien stellen werden, sind zum Teil ganz praktischer Art, und dennoch von hoher politischer Brisanz: Wo wird Mladić begraben – und wie? Im engsten Familienkreis oder mit staatlicher Beteiligung? Diese Frage hatte sich ähnlich schon nach dem Tod des früheren serbischen Präsidenten Slobodan Milošević im Jahr 2006 gestellt. Der war vor dem Ende seines Prozesses, und damit formal unschuldig, in der Zelle seines Haager Gefängnisses an einem Herzinfarkt gestorben. Wo sollte man ihn begraben, ohne eine Wallfahrtstätte für den großserbischen Nationalismus zu schaffen? Vor zwei Jahrzehnten wurde eine ungewöhnliche Lösung gefunden: Milošević wurde im Garten seines Hauses in seiner Geburtsstadt Požarevac südöstlich von Belgrad begraben.Im Fall Mladić stellen sich nun wieder heikle Fragen: Werden Vertreter des serbischen Staates an dem Begräbnis des Kriegsverbrechers teilnehmen? Das würde kein gutes Licht auf Serbien werden. Wenn sie teilnehmen, was werden sie sagen? Wie werden sich die Oppositionspolitiker dazu äußern? Aus solchen Aussagenwerden sich Rückschlüsse ziehen lassen über den Zustand des Balkanstaates, der bei der Aufarbeitung seiner blutigen Vergangenheit schon einmal weiter war als heute.Eine Beerdigung in Bosnien wäre besonders heikelEin Politikum wäre Mladićs Beerdigung noch viel mehr in Bosnien-Hercegovina, dem Tatort seiner schrecklichen Verbrechen. Mladić wurde in dem keinen Ort Kalinovik im Osten Bosniens geboren. Damals, 1942, stand Bosnien noch unter der Okkupation der Deutschen und ihrer kroatischen Juniorpartner. Seit dem Ende des Bosnienkrieges 1995 gehört Kalinovik zur bosnischen Serbenrepublik, deren Grenzen mit Blut gezogen wurden, dem Blut der bosnischen Muslime vor allem. Die Serbenrepublik ist kein souveräner Staat, auch wenn Milorad Dodik als ihr mächtigster Politiker gerne so tut, als wäre sie es. Anerkannt ist sie nur als Bestandteil und innerhalb der Grenzen von Bosnien-Hercegovina. Dass Mladić ein Grab in Bosnien bekommen könnte, erscheint schwer vorstellbar. Es müsste rund um die Uhr vor den Wut der muslimischen Bosnier geschützt werden.Mladić selbst war bis zum Schluss uneinsichtig, ähnlich wie nahezu alle anderen der vor dem Haager Tribunal angeklagten 160 Männer. Das gilt auch für seinen drei Jahre jüngeren Mittäter Radovan Karadžić, der ebenfalls zu lebenslanger Haft verurteilt wurde und der nun der letzte noch lebende „große“ Kriegsverbrecher der jugoslawischen Zerfallskriege ist. Mladić war der zynische Exekutor einer Politik, als deren politische Architekten Karadžić und Milošević hervortraten. Es besteht wenig Anlass zu der Annahme, dass sein Tod zu einer offenen serbischen Debatte über die im Namen eines großserbischen Staates begangenen Verbrechen der neunziger Jahre führen wird.Dass der zu lebenslanger Haft verurteilte bosnisch-serbische Kriegsverbrecher Ratko Mladić gestorben ist, hatte seine Familie am Donnerstag serbischen Medien mitgeteilt. Zu den Verbrechen, für die er verurteilt wurde, gehörte das später gerichtlich als Völkermord eingestufte Massaker von Srebrenica. Dabei wurden im Jahr 1995 binnen weniger Tage nach bosnischen Angaben mehr als 8000 bosnische Muslime unter Mladićs Oberbefehl ermordet.Das Massaker von Srebrenica und die Belagerung SarajevosAuch die Belagerung Sarajevos von 1992 an mit mehr als 10.000 Todesopfern wurde ihm angelastet. Dabei starben viele Opfer durch serbische Scharfschützen, die regelrecht Jagd auf die Bewohner machten. Nach Kriegsende 1995 verließ Mladić Bosnien und tauchte, mutmaßlich mit Hilfe des serbischen Geheimdiensts, in Serbien unter, um einem Verfahren vor dem Haager Tribunal zu entgehen. Doch der Druck auf ihn wuchs. Belgrad wurde klar gemacht, dass es ohne Auslieferung Mladićs keine Fortschritte für den Balkanstaat bei der Annäherung in die EU geben werde.
Ratko Mladić gestorben: Wo wird der Kriegsverbrecher begraben?
Ratko Mladić hat in seinem Heimatland Bosnien übelste Kriegsverbrechen begangen. Eine Beerdigung dort scheint ausgeschlossen. Aber auch für Serbien ist der Fall heikel.











