Noch 900 Arbeiter von Wasserkraftwerken in Nepal vermisst – Rettungskräfte suchen in Tunneln nach ÜberlebendenDie verheerende Sturzflut in dem Himalaja-Tal hat mehrere Staudämme zerstört und unterirdische Kraftwerke geflutet. Für die Regierung von Balen Shah ist die Krise eine ernste Bewährungsprobe.31.08.2026, 15.48 Uhr5 LeseminutenEin nepalesischer Armeeangehöriger zieht nach der Sturzflut am Mittwoch den Mitarbeiter eines Kraftwerks aus einem gefluteten Tunnel.Nepal Army Handout via EPANoch gibt es Hoffnung, in Nepal einige der Vermissten lebend zu finden, doch mit jedem Tag wird sie kleiner. Nach der Sturzflut fehlte am Sonntag von über 4200 Menschen jede Spur, unter ihnen knapp 900 Mitarbeiter von Wasserkraftwerken am Trishuli-Fluss. In dem engen Himalaja-Tal, das am Mittwoch von einer verheerenden Flutwelle verwüstet wurde, gab es elf Wasserkraftwerke, darunter mehrere im Bau. Hunderte Bauarbeiter und Ingenieure werden noch in den Tunneln und den unterirdischen Anlagen der Kraftwerke vermutet, wo sie zum Zeitpunkt der Katastrophe arbeiteten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist ein Rennen gegen die Zeit. Allein in dem Kraftwerk Upper Trishuli 3A könnten sich dreissig bis vierzig Mitarbeiter befinden. Ein vier Kilometer langer Triebwassertunnel führt zu dem Kraftwerk, das tief unter einem Berg verborgen liegt. Es gibt auch einen Kabelschacht und einen weiteren Zugang zu der unterirdischen Anlagen, doch wurden die Eingänge durch die Sturzflut verschüttet. Immerhin gelang es den Rettungskräften am Sonntagnachmittag, ein Loch bis zu dem Kabelschacht zu bohren.Dies erlaubte es den Rettungskräften, zusätzlich Luft hineinzupumpen. Auch konnten Mitglieder der Rettungskräfte sich in den Tunnel abseilen. Allerdings fanden sie ihn teilweise überflutet. Auf ihre Rufe erhielten sie keine Antwort, wie Nepals Regierung mitteilte. Auch fünf Tage nach der Katastrophe fehlt damit jedes Lebenszeichen von den vermissten Arbeitern. Langsam schwindet die Hoffnung, dass in der mehrstöckigen Anlage unter dem Berg Mitarbeiter überlebt haben.Rettungskräften gelang es am Sonntag, in einen Tunnel des Kraftwerks Upper Trishuli 3A vorzustossen.Nepal Prime Minister's Office / Handout via ReutersNaturkatastrophen sind eine stete Gefahr im HimalajaNepal bezieht seine gesamte Elektrizität aus Wasserkraftwerken und exportiert sogar Strom in die Nachbarländer. Die Täler des Himalaja bieten gute Bedingungen für den Bau von Kraftwerken, doch sie sind anfällig für Naturkatastrophen. Erdbeben, Lawinen, Sturzfluten und Erdrutsche sind in den Tälern und Schluchten im Hochgebirge eine stete Gefahr. Durch die Sturzflut, die vergangene Woche vermutlich durch den Abbruch eines Gletschers ausgelöst wurde, wurden sieben Kraftwerke im Trishuli-Tal schwer beschädigt oder ganz zerstört.Die Regierung hat knapp 21 000 Rettungskräfte von Armee und Polizei mobilisiert, wie Ministerpräsident Balen Shah am Sonntag mitteilte. Unterstützt werden sie von Expertenteams aus Indien, China und Südkorea. Da die Sturzflut zahlreiche Brücken mitgerissen und Strassen fortgespült hat, sind viele Orte nur per Helikopter zu erreichen. Laut dem Ministerium für Energie und Wasser konnten gut 360 Mitarbeiter von Wasserkraftwerken in Sicherheit gebracht werden.Doch allein am Kraftwerk Upper Trishuli-1 werden noch 576 Mitarbeiter vermisst. Es ist unklar, wie viele der Vermissten in Tunneln feststecken und wie viele von der Flut fortgerissen oder von Erdrutschen begraben wurden. Die Gewalt der Wassermassen war so gross, dass viele Opfer Dutzende Kilometer den Fluss hinabgetragen wurden. Die meisten Toten wurden in Chitwan am Fuss der Berge gefunden, wo der Trishuli in den Narayani-Fluss übergeht und das Wasser an Geschwindigkeit verliert.Die Sturzflut hat viele Ortschaften mit einer Schlammschicht überzogen, die alles unter sich begrub.Rajesh Kumar Singh / APDie Krise ist eine Bewährungsprobe für die RegierungDie Opferzahl in Nepal erreichte am Sonntag 903 – und sie steigt ständig weiter. Die Zahl der Toten ist so gross, dass die Spitäler in Chitwan und anderen Orten rasch überfordert waren. Da in den Leichenhallen nicht genug Platz war und die Toten in der feuchten Hitze des Monsuns nicht länger aufbewahrt werden konnten, begannen die Behörden, sie in einem Waldstück in Chitwan zu bestatten. Nur wenige Opfer konnten zuvor identifiziert werden. Viele waren schwer zugerichtet und auf den von den Behörden verbreiteten Fotos der Leichen für die Angehörigen nur schwer zu erkennen.Unzählige Nepalesen klappern seit Tagen die Spitäler ab auf der Suche nach vermissten Angehörigen, in der Hoffnung sie lebend zu finden. Die meisten Verletzten wurden in die Hauptstadt Kathmandu gebracht. Vor den Spitälern wurden Listen mit den Namen der Verletzten sowie Fotos der Toten ausgehängt, dazu klebten verzweifelte Angehörige Bilder ihrer vermissten Familienmitglieder. Zur Lagerung der Toten hat die Regierung im Ausland um zusätzliche Kühlanlagen gebeten.Für die Regierung von Ministerpräsident Balen Shah ist die Katastrophe die erste grosse Bewährungsprobe. Der 36-jährige Rapper und ehemalige Bürgermeister von Kathmandu hatte mit seiner Rastriya Swatantra Party (RSP) die Parlamentswahl im März haushoch gewonnen. Er profitierte dabei von dem Unmut der Wähler über die Korruption und die Misswirtschaft der etablierten Parteien, die sich in Nepal seit dem Ende des Bürgerkriegs 2006 an der Macht abgelöst hatten.Als Ministerpräsident hat Balen Shah oft wenig auf demokratische Gepflogenheiten gegeben.Navesh Chitrakar / ReutersSeit der Wahl mehrt sich die Kritik an BalenDie vorherige Koalitionsregierung war im September gestürzt worden, nachdem die Polizei bei Protesten vor dem Parlament in Kathmandu in eine Menge von Schülern und Studenten gefeuert hatte. Balen Shah wurde in der Folge zum Hoffnungsträger der Jugend, doch seit seinem Amtsantritt mehrt sich die Kritik an seiner oft intransparenten und wenig kooperativen Regierungsführung. Seine Kritiker werfen ihm vor, per Dekret zu regieren, das Parlament zu übergehen und mit der Öffentlichkeit vor allem über Facebook zu kommunizieren.Schon vor seiner Wahl zum Regierungschef hatte Balen keine Interviews gegeben und sich auch sonst den Fragen von Journalisten und der Opposition entzogen. Seit März war er nur ein Mal im Parlament, um sich der monatlichen Fragestunde zu stellen, wie es das Gesetz verlangt. Auf Druck der Opposition forderte der Parlamentspräsident Balen schliesslich auf, am 26. August vor den Abgeordneten zu erscheinen, doch wurde die Sitzung wegen der Sturzflut abgesagt.In der Krise wird Balen nun beweisen müssen, ob er der in ihn gesetzten Hoffnung gerecht werden kann. Derartige Naturkatastrophen bieten Politikern die Chance, als zupackende und mitfühlende Krisenmanager über sich selbst hinauszuwachsen, doch können sie daran auch scheitern. Nach der Sturzflut reiste Balen umgehend in das Katastrophengebiet, um sich ein Bild der Lage zu machen. Seither ist er vor allem in Kathmandu, um den Rettungseinsatz zu leiten. Es wird sich zeigen, wie die Nepalesen über sein Krisenmanagement urteilen.Passend zum Artikel