Nach der Flutkatastrophe in Nepal werden Hunderte Arbeiter in Kraftwerkstunneln vermisstViele von ihnen sollen sich zum Zeitpunkt der Flut in rund einem halben Dutzend Tunneln aufgehalten haben. Der Boom der Wasserkraft verschärft die Dimension der Katastrophe.31.08.2026, 14.11 Uhr4 LeseminutenEin Rettungsarbeiter im Eingang eines Kraftwerkstunnels.Ashish Gurung / UGC(Reuters) Rettungskräfte in Nepal haben am Montag ihre Bemühungen verstärkt, Hunderte Menschen zu erreichen, die nach der verheerenden Flut der letzten Woche in Tunneln von Wasserkraftprojekten eingeschlossen sind. Nepalesische Einheiten werden dabei von Spezialisten aus China und Indien unterstützt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Flut hatte am Mittwoch im Grenzgebiet zwischen Nepal und Tibet eine gewaltige Masse aus Eis, Fels, Schlamm und Geröll talwärts gerissen und ganze Ortschaften verwüstet. Laut den nepalesischen Behörden kamen allein in Nepal mindestens 903 Personen ums Leben, 4247 Personen werden vermisst. Auf chinesischer Seite meldeten die Behörden 16 Tote und 546 Vermisste im Kreis Gyirong.Fast tausend Arbeiter in Tunneln vermisstBesonders dringlich ist die Lage an den zahlreichen Wasserkraftanlagen in den schwer getroffenen Bezirken Rasuwa und Nuwakot. Nach Angaben der nepalesischen Regierung werden an 11 Projekten insgesamt 933 Arbeiter vermisst. Viele von ihnen sollen sich zum Zeitpunkt der Flut in rund einem halben Dutzend Tunneln aufgehalten haben.Bilder und Videos der Rettungskräfte zeigen, wie Bagger und anderes schweres Gerät auch nachts Schlamm, Felsbrocken und Geröll beseitigen. Soldaten versuchten mit Scheinwerfern und Taschenlampen, durch ausgehobene Gruben Zugang zu verschütteten Tunnelabschnitten zu finden.Die nepalesische Armee setzt nach eigenen Angaben kontrollierte Sprengungen, Bagger und starke Beleuchtungsanlagen ein, um Wasser und Schlamm zu entfernen und zu den Eingeschlossenen vorzudringen. In zwei Tunneln konnten Rettungskräfte bisher drei Leichen bergen. Andere Abschnitte seien weiterhin unter grossen Mengen Geröll und Schlamm begraben.«Es hat sich eine enorme Menge an Trümmern abgelagert. Das macht die Öffnung der Tunnel ausserordentlich schwierig», sagte der Armeesprecher Raja Ram Basnet der Nachrichtenagentur Reuters. Vorrang habe derzeit, die Zugänge zu den Tunneln freizulegen.Soldaten der nepalesischen Armee setzen am Sonntag bei den Rettungsarbeiten an einem Wasserkraftprojekt in Upper Trishuli eine Bohrmaschine ein.APBoom der Wasserkraft verschärft die Dimension der KatastropheNepal hat seine Wasserkraftkapazitäten seit der Jahrtausendwende massiv ausgebaut. Das gebirgige Land versucht damit, seine reichen Wasserressourcen zur Deckung des eigenen Strombedarfs zu nutzen und zugleich Elektrizität in das südlich gelegene Indien zu exportieren.Viele Kraftwerke in den steilen Himalaja-Tälern sind auf lange Tunnel angewiesen. Sie leiten Wasser durch die Berge und nutzen die grossen Höhenunterschiede zwischen Flüssen und Kraftwerksanlagen zur Stromerzeugung. Gerade diese Tunnel sind nun zu einem Schwerpunkt der Rettungsarbeiten geworden.Zu den besonders schwer betroffenen Anlagen gehören mehrere Kraftwerksprojekte am Trishuli und an seinen Zuflüssen. Beim im Bau befindlichen Upper-Trishuli-1-Kraftwerk mit einer geplanten Leistung von 216 Megawatt waren am Wochenende nach Angaben von Ministerpräsident Balendra Shah rund 250 Personen gerettet worden. An den Arbeiten sind unter anderem chinesische und südkoreanische Teams beteiligt.Beim staatlichen Kraftwerk Upper Trishuli-3A mit 60 Megawatt werden 42 Arbeiter vermisst. Dort haben Armeetechniker mit Sprengungen begonnen, um verschüttete Bereiche zu öffnen. Ein rund neunzigköpfiges Rettungsteam erreichte bis Sonntag den Hauptbereich eines Tunnels.Beim 37-Megawatt-Projekt Upper Trishuli-3B, das sich über die Bezirke Rasuwa und Nuwakot erstreckt, werden 122 Menschen vermisst. Dort arbeiten die Armee und die staatliche Nepal Electricity Authority mit chinesischen Spezialisten zusammen.Weitere Vermisste werden unter anderem bei den Kraftwerken Rasuwagadhi, Chilime, Langtang Khola, Mailung Khola und Rasuwa-Bhotekoshi gesucht. Allein beim 111-Megawatt-Projekt Rasuwagadhi gelten 93 Arbeiter als vermisst.Ministerpräsident Shah bezeichnete die Flut als «beispiellose und verheerende Naturkatastrophe». Eine vollständige Bilanz der Schäden sei weiterhin nur schwer zu erstellen.Insgesamt beteiligen sich nach Angaben der Behörden fast 21 000 Angehörige der Sicherheitskräfte an den Such- und Rettungsarbeiten. Das Rote Kreuz schätzt, dass mehr als 90 000 Menschen von der Katastrophe betroffen sein könnten.Hunderte Leichen in provisorischen GräbernDie Wucht der Flut hat zahlreiche Opfer über grosse Distanzen aus den Bergen bis in tiefer gelegene Regionen gespült. Hunderte Leichen konnten bisher nicht identifiziert werden. Weil sie sich im feuchtwarmen Klima rasch zersetzten, wurden viele von ihnen in flachen, provisorischen Gräbern bestattet.Auch zahlreiche ausländische Staatsangehörige werden vermisst. Nach Angaben Pekings galten in Tibet 261 Ausländer aus 23 Ländern als nicht auffindbar, vor allem im Gebiet in der Nähe eines wichtigen Grenzübergangs zu Nepal. Andere Quellen sprechen von fast 600 vermissten Ausländern aus 39 Staaten.Der Sprecher des chinesischen Aussenministeriums, Guo Jiakun, sagte am Montag zudem, dass auf nepalesischer Seite zu fast hundert chinesischen Staatsbürgern kein Kontakt bestehe. China habe neben Spezialisten für Tunnelrettung auch finanzielle Soforthilfe und humanitäre Güter nach Nepal geschickt.China unternehme gegenwärtig «alle Anstrengungen», um Vermisste sowohl im eigenen Land als auch jenseits der Grenze zu finden und zu retten, sagte Guo. Peking stehe zudem in engem Kontakt mit ausländischen Botschaften, um das Schicksal vermisster ausländischer Staatsangehöriger zu klären.Gefahr weiterer GletscherabbrücheDie Rettungsarbeiten mussten mehrfach wegen schlechten Wetters und neuer Gefahren unterbrochen werden. Besondere Sorge bereitet ein See, der infolge der Katastrophe im Grenzgebiet zwischen Nepal und China entstanden ist. Nachdem Wasser aus dem See begonnen hatte, in nepalesische Flüsse überzulaufen, wuchs die Furcht vor weiteren Sturzfluten.Am Montag berichtete der chinesische Staatssender CCTV, dass die Gletscher rund um einen durch den Kollaps entstandenen Einschlagsbereich auf nepalesischer Seite weiterhin instabil seien. Drohnenaufnahmen zeigten zahlreiche Ablagerungen von Erdrutschen an beiden Ufern. Diese könnten erneut abrutschen, Flüsse blockieren und weitere Seen entstehen lassen.Nepal hat bisher erklärt, für die allgemeinen Such- und Rettungsarbeiten keine umfassende internationale Hilfe zu benötigen. Bei der Bergung von Menschen aus verschütteten Tunneln greift das Land jedoch gezielt auf die Erfahrung seiner beiden grossen Nachbarn Indien und China zurück.Passend zum Artikel
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