Zwei Soldaten robben über den schlammigen Boden auf einen Tunnel zu. Ein Mann, dem der Matsch bis zum Hals reicht, kriecht Zentimeter um Zentimeter vom Dunkel des Tunnels ins Licht hinaus. Ein Soldat streckt ihm seine Hand entgegen, dann zieht er ihn aus dem Schlamm hervor. Kurz danach zeigen die Bilder, die vom nepalesischen Militär verbreitet wurden, zwei Nepalesen, die von Soldaten aus dem Gebiet des Tunnels geführt und auf dem Rücken getragen werden. Außerdem sind zwei verschlammte Gerettete in einem Hubschrauber zu sehen.Mit den Videosequenzen dokumentieren Nepals Sicherheitskräfte ihre Rettungsarbeiten seit der verheerenden Sturzflut am Mittwoch vergangener Woche. Auf den Bildern werden Arbeiter gezeigt, die in der Nähe von Staudammprojekten in mehreren Tunneln verschüttet worden waren. Die Rede ist von 900 Arbeitern, nach denen gesucht werde. Spezialteams aus Indien, China und Südkorea unterstützen Nepal dabei. Insgesamt sind laut Regierung bisher 279 Personen im Zusammenhang mit Staudammprojekten gerettet worden.Von der Armee gerettet: Zwei Männer haben die Sturzflut im Tunnel überlebt.EPADie Zahl der Toten liegt mittlerweile bei mehr als 900, mehr als 4200 Menschen werden allein in Nepal vermisst. Doch der Zugang in dem rauen Berggebiet ist schwierig. Trümmer- und Schlammberge, kaputte Straßen und ungünstige Wetterverhältnisse erschweren die Lage. Dem nepalesischen Ministerpräsidenten Balendra Shah zufolge wurden bisher 9435 Menschen per Hubschrauber und Landweg in Sicherheit gebracht. 20.000 Sicherheitskräfte seien im Einsatz. „Unser Land wurde von einer unvorstellbaren und herzzerreißenden Naturkatastrophe heimgesucht“, schrieb Shah am Montag auf Facebook.Berichte von fehlenden Straßen und riesigen ErdrutschenDas Rote Kreuz schätzt, dass etwa 90.000 Menschen von den Folgen der Katastrophe betroffen sind. Shakeb Nabi, Landesdirektor der Welthungerhilfe in Nepal, berichtete der F.A.Z. am Wochenende aus dem Katastrophengebiet, mit welchen Schwierigkeiten die Retter zu kämpfen hätten. „Die Hilfsmaßnahmen werden eine große Herausforderung darstellen. Es gibt keine Straßen. Letzte Nacht hat es sehr stark geregnet. Überall gibt es riesige Erdrutsche“, schrieb er per Whatsapp. Aus dem Ort Dhunche schickte er Fotos von Menschen, die sich um ein Verlängerungskabel drängten, um ihre Handys aufzuladen.Zusätzliche Videos, die Nabi schickte, zeigen Rettungshubschrauber, die über wolkenverhangenen Berggipfeln kreisten. Nach seiner Rückkehr nach Kathmandu am Montag lobte er die „phantastische Leistung“ von Armee und Polizei. Aber es fehle an vielem, darunter Generatoren, medizinischen Geräten und Leichensäcken für die zahlreichen Toten. Viele Menschen seien sofort in Tränen ausgebrochen, wenn er mit ihnen sprach. „Können Sie helfen, meine Familienmitglieder zu finden?“, fragten sie. „Können Sie uns etwas zu essen geben? Wir brauchen Wasser!“Die Notunterkünfte sind überfülltWegen der Gefahr von Erdrutschen werden die Helfer der Nichtregierungsorganisationen laut Nabi derzeit nur zu dem Punkt vorgelassen, an dem die neu errichtete Behelfsstraße endet. Trotzdem verteilen einige von ihnen bereits Nahrungsmittel für den unmittelbaren Bedarf. In vielen Fällen wüssten die Behörden gar nicht, wo sich die Menschen aufhalten, so der Welthungerhilfe-Landesdirektor. Es sei schwierig zu wissen, wer wo welche Hilfe benötige, weil viele bei Verwandten untergekommen seien, sagt Nabi. Er geht davon aus, dass die Organisation in einer Woche, wenn sich die Lage etwas stabilisiert hat, Lebensmittel, Hygieneartikel und Zelte verteilen wird.In Kathmandu: Angehörige suchen per Aushang nach Vermissten.ReutersGleichzeitig harren aber auch Tausende Menschen in Schulen und Sportanlagen aus. Nach Angaben von „Save the Children“ schlafen viele auf dem Boden, es sei heiß und stickig, und es gebe nicht genug Toiletten und Duschen. Zudem fehlt es an ausreichendem Zugang zu Nahrung, Trinkwasser und medizinischer Hilfe. „Wir sind äußerst besorgt um Kinder, die nach einer solch schweren Katastrophe psychisch labil sind“, sagt Tara Chettry, Länderdirektorin von Save the Children in Nepal. Einige Kinder trügen noch immer die verschlammte Kleidung, die sie am Tag der Sturzflut anhatten.Keine Nachrichten über Schicksale aus TibetAuf chinesischer Seite werden die Rettungsmaßnahmen betont, die die Volksrepublik auf beiden Seiten leiste. In den Staatsmedien wurde der Anflug von schweren Transportflugzeugen der Volksbefreiungsarmee in Kathmandu gezeigt, die 50 Tonnen mit insgesamt 13.200 Hilfsgütern nach Nepal brachten. Zudem kamen chinesische Experten zur Tunnelrettung mit ins Nachbarland. Rund 100 chinesische Staatsbürger werden auf nepalesischer Seite weiter vermisst, teilte das Außenministerium in Peking am Montag mit.Auf der von China beherrschten Seite in Tibet dringen dagegen grundsätzlich keine persönlichen Nachrichten über Verschüttete und Angehörige nach außen. In den Staatsmedien berichten Rettungshelfer von der Schwierigkeit, Überlebende zu finden. Die meisten Gebäude an der Grenze von Gyirong habe die Flutwelle dem Erdboden gleichgemacht, sagte ein Helfer der Staatsnachrichtenagentur Xinhua. An vielen Stellen sei der Schlamm einen Meter tief, was die Fortbewegung erschwere. Retter wurden per Helikopter an den Übergang geflogen, da auch die Hauptstraße nach Gyirong durch die Flutwelle zerstört wurde. Drohnenaufnahmen des Staatsfernsehens zeigten Rettungskräfte, die mit zahlreichen Baggern versuchten, die Hauptstraße nach Gyirong wiederherzustellen, wozu am Montag noch ein weiterer Kilometer fehlte.Bis Stand Montagnachmittag erklärten die chinesischen Behörden dort 16 Menschen für tot und 546 weitere Menschen für vermisst. Diese Zahlen können von unabhängigen Stellen nicht verifiziert werden.