Das Existenzielle und die Banalität des KörpersPéter Nádas wurde jahrzehntelang als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt. Zeit seines Lebens hat er sich für die Ebene des Körperlichen umgetrieben. Nun ist er 83-jährig gestorben.29.08.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenEr war ein Autor mit Blick für das Monumentale und das Minuziöse: Péter Nádas.Vilhelm Stokstad / TT / ImagoEr ist dem Tod schon einmal entwischt. 1993 hatte Péter Nádas 51-jährig einen Herzinfarkt, dem er gemäss eigenen Worten «mit einem Nickerchen beizukommen» versuchte. Schliesslich musste er im Krankenhaus reanimiert werden. Diese Grenzerfahrung beschreibt er in seinem Buch «Der eigene Tod» (aus dem er 2004 in Zürich las): «Es gab in der Luft keine Luft, darin bestand mein Problem. Das erwies sich als völlig neue Erfahrung und Erkenntnis.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Buch ist überraschenderweise ein Bildband, wobei sich der teils drastische, teils ironisch distanzierte Text mit ästhetischen Bildern abwechselt, die Nádas als ausgebildeter Fotograf vom Birnbaum in seinem Garten gemacht hat. Der Band enthält im Kleinen, was den ungarischen Autor auch in seinem grossen, epochalen Roman «Parallelgeschichten» (2005) umtrieb: Das merkwürdige Nebeneinander des menschlichen Strebens nach Höherem bei der gleichzeitigen profanen Realität des Körpers.Es ist eine Realität, deren Präsenz man ihm als Kind früh «mittels Liebesentzug und Entzug der Fürsorge» aberziehen wollte. Umso mehr hat sie Nádas beschäftigt. In seinen «Parallelgeschichten» hat er das 20. Jahrhundert aus der Perspektive des Körpers beschrieben. Von der Lebendverbrennung jüdischer Menschen durch die Nazis über die stets anwesende Libido bis hin zur Spurensuche eines Forensikers anhand einer Leiche.Im epochalen Roman wird das Existenzielle mit dem Banalen, das Monumentale mit dem Minuziösen und die Trauer mit dem Humor enggeführt. «Auch die traurigsten Menschen sind oft sehr einfach zum Lachen zu bringen», sagte er 2012 anlässlich einer Residenz in Zug. Er sprach leise und kontrolliert, vielleicht eine Folge der autoritären Systeme, in denen er gelebt hatte. Schon seit längerem galt er als Anwärter auf den Literaturnobelpreis. Erhalten hat er ihn nie.Geboren wurde Péter Nádas 1942 in Budapest. Bis 1989 hatte er zwei Diktaturen überlebt (und beschrieben), von denen jede einzeln gereicht hätte, um ihn als Juden und Intellektuellen umzubringen. Dass der Tod Teil des Lebens ist, hatte er aber schon als Jugendlicher erfahren müssen: Nachdem seine Mutter an Krebs gestorben war, nahm sich sein Vater 1958 das Leben.Als Russland die Ukraine angriff, fragte ihn die «NZZ am Sonntag» um einen Essay an. Er antwortete: «Schnelle Reaktion» sei nicht seine Stärke. «Als ich Ihren Brief bekam, habe ich gleich Materialien ausgesucht, Notizen gemacht, versuchte endlich etwas Vernünftiges zu schreiben, ohne nennenswertes Ergebnis. Wenn ich sehe, dass ich zu einem Text kommen kann, melde ich mich bei Ihnen.» Diesen Text ist er uns nun schuldig geblieben. Die Realität des Körpers, die ihn lebenslang faszinierte, hat Péter Nádas eingeholt. Am 26. August ist er 83-jährig plötzlich gestorben.Passend zum Artikel
Literarischer Abschied: Péter Nádas und seine Suche nach dem Körperlichen
Péter Nádas wurde jahrzehntelang als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt. Zeit seines Lebens hat er sich für die Ebene des Körperlichen umgetrieben. Nun ist er 83-jährig gestorben.











