Zu Blut gewordene Erinnerung – zum Tod des ungarischen Schriftstellers Péter NádasMit Péter Nádas verliert Ungarn einen Autor, der nicht nur über ein eminentes körperliches Sensorium für das Glück und die Tragik des Daseins verfügte, sondern dieses aus der Tiefe seines Ich auch radikal zu formen und zu durchschauen verstand. Er wurde 83 Jahre alt.Wilhelm Droste26.08.2026, 17.18 Uhr5 LeseminutenDie Ambition, «das Ganze» literarisch zu fassen: Péter Nádas im Literaturhaus Zürich, 2012.Alessandro Della Bella / KeystoneAm Mittwoch um acht Uhr in der Früh ist der ungarische Schriftsteller Péter Nádas im kleinen Dorf Gombosszeg, dem Ort seiner Zurückgezogenheit, verstorben. Die traurige Nachricht hat sich in Ungarn rasch verbreitet, die Erschütterung ist tief, denn über Jahre schon haben sich viele Menschen an seine Schriften und an sein Auftreten geklammert, weil er mit seinen Einsichten und seiner Haltung Glaubwürdigkeit zu garantieren verstand, mit der sich persönliche wie auch gesellschaftliche Krisen durchhalten oder gar lösen liessen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Jetzt müssen die Bücher für ihn sprechen, wie er selbst es eigentlich immer gewollt hat. Im Jahr der grossen Wende 1989 gab er sich glücklich darüber, dass die Schriftsteller nunmehr keine politisch-moralischen Stellvertreter mehr sein müssten, sondern Literatur endlich allein das sein dürfe, was sie eigentlich darstellt, reine Sprachkunst. Dann aber wurde ausgerechnet Ungarn in Ostmitteleuropa das Land, das sich politisch gewaltig verirrte und unversöhnlich gespalten hat. Da musste Literatur dann doch wieder für alles und alle sprechen.Beispiellose RadikalitätDas hat Nádas dann immer wieder auch getan, nur in den letzten Jahren zog er sich geradezu vollständig zurück, weil er glaubte, den Ungarn im Rückzug mehr sagen zu können, als wenn er sich weiter ins tagespolitische Gemetzel eingemischt hätte. Bei aller Trauer ist es dennoch ein Geschenk des Himmels, dass seit dem 12. April dieses Jahres das Land mit der Abwahl des autokratischen Viktor Orbán einen anderen Weg einzuschlagen versucht. Nádas ist mit dabei gewesen, hat viel dafür getan und es am eigenen Leib erlebt.Das gewaltige schriftstellerische Werk von Péter Nádas beruht auf seiner Kunst der vollkommenen Vereinzelung, auf seiner aussergewöhnlichen Fähigkeit, sich mit aller Wucht und Neugier für menschliches Leben zu interessieren, daran leidenschaftlich zu partizipieren, dann aber mit beispielloser Radikalität die Einsamkeit zu suchen und diese zu nutzen, um all die Erfahrungen, Beobachtungen und Erinnerungen in Sprache festzuhalten.So werden die vielen zersplitterten Fremden und verwundeten Gestalten des 20. Jahrhunderts zu Teilen seines eigenen Bewusstseins, mehr noch, sie werden zu Energiequellen seiner eigenen Sinnesorgane, zu Bewohnern seiner Seele. Ihm ist in seiner auswuchernden und dennoch ungeheuer disziplinierten Prosa gelungen, was Rainer Maria Rilke seinen Helden Malte Laurids Brigge zur Voraussetzung gelingender Poesie erklären lässt: «Denn die Erinnerungen selbst sind es noch nicht. Erst wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebärde, namenlos und nicht mehr zu unterscheiden von uns selbst, erst dann kann es geschehen, dass in einer sehr seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus ihnen ausgeht.»Péter Nádas hat diesen schweren Akt mit seiner Prosa geschafft, das macht ihn zu einem wahren Klassiker der zeitgenössischen Literatur, der bis in seine letzten Jahre auf höchstem Niveau äusserst produktiv geblieben ist. 2025 erschien sein letztes grosses Buch, «Meine toten Freunde», in dem er sich mit Alaine Polcz, seinem Meister Miklós Mészöly und dem Freund und Rivalen Péter Esterházy auseinandersetzt, auch das ein «Buch der Erinnerung». So lautete 1986 der Titel seines vielleicht wichtigsten Werkes, es könnte auch der Titel all seiner Schriften, all seiner Lebensforschung sein.Jetzt hat sich der Kreis geschlossen, der in den späten fünfziger Jahren ansetzt, als Nádas mit fotografischen Arbeiten begann, seinen eigenen Blick und Ausdruck zu suchen.Aus den geheimen Räumen der SeeleDie «Parallelgeschichten», das grosse Werk aus dem Jahr 2005, sind nicht willkürlich ausufernd, sie brauchen dieses Gewirr der zahllosen Nebenflüsse, um den grossen Strom bilden zu können, der aus den vielen Quellen dann endlich ins Meer und zugleich nach Hause fliessen kann. Die kleine Vorbemerkung, die er seinem «Buch der Erinnerung» vorausschickt, verweist kristallklar auf die «Parallelgeschichten» von 2005: «Es war meine Absicht, Erinnerungen zu schreiben, ein wenig wie Plutarch, parallele Erinnerungen verschiedener Personen zu verschiedenen Zeiten, und die verschiedenen Personen wären alle ich, ohne dass ich es wirklich wäre.»Die Vervielfältigung des eigenen Ich ist das Produktionsgeheimnis seiner Kunst. Das Foto ist die Erweiterung der eigenen Augen, weil es neue Perspektiven, Lichter und Farben erlaubt. Seine Hinwendung zum Schreiben in den sechziger Jahren ist ein Akt der Konsequenz, denn keine andere Kunst ist derartig übergriffig wie die der Sprache. Sie kommt aus dem Innersten des eigenen Gehirns, aus den geheimsten Räumen der Seele und ist doch grenzenlos bereit, sich einfühlend in andere Seelen hineinzuversetzen und mit ihnen vertraut, ja für Augenblicke identisch zu werden. So kommt seine Sprache über die Vervielfältigung der Augen hinaus zur Ausdehnung der Sinne und Häute, Wahrnehmung und Erinnerung werden universal.Auf diese zugleich individuelle, aber auch gesellige Weise entsteht, wuchert und wächst der verwirrende und überaus erfahrene Kosmos des Péter Nádas. Dieser Kosmos verdankt seine Gültigkeit nicht zuletzt der Peripherie. Nur auf den ersten Blick sind die mitteleuropäischen Metropolen Budapest und Berlin die Hauptstädte seiner Welt, ihre Wahrheit erhält sie aber erst im kleinen Kisoroszi an der nördlichen Spitze der Donauinsel vor Szentendre (seit 1968) und im noch kleineren Gombosszeg am südwestlichen Rand Ungarns mit seinen fünfzig Einwohnern (ab 1984 bis heute).Nádas trägt seine Welterfahrung und sein urbanes Wissen seit Jahrzehnten schon in diese abgelegenen Dörfer, dort lässt er sie gären und reifen, erst was diese Ausflüge ans Ende der Welt besteht, wird Fundament und Ausgangspunkt seiner Virtualität.Ihm, dem jüdischen Kind im Untergrund arbeitender kommunistischer Eltern, drohte 1943 gleich mit der Geburt die Auslöschung seines Lebens durch das faschistische Deutschland und seine ungarischen Marionetten. Kaum geboren, retteten ihn in Budapest Verwandte, Verstecke und falsche Papiere.Das Trauma als UrstoffNach dem Krieg hörte das nackte, vor allem auch psychisch erdrückende Elend nicht auf. Die Mutter stirbt jung im Mai 1955 nach langer Krankheit, der Vater gerät in die Mühlen falscher kommunistischer Anklagen, im Volksaufstand 1956 wird er dazu noch gerade als Kommunist zur Zielscheibe öffentlicher Wut. 1957, nach der Niederschlagung der Revolution, wird er zwar vom kommunistischen Apparat rehabilitiert, zu spät, er erträgt dieses Leben in allseitiger Bedrohung nicht und bringt sich wenige Tage nach der Freisprechung um.In einem Abschiedsbrief des Vaters erfahren die Söhne Péter und der jüngere Pál, dass sie eigentlich mit ihm hätten sterben sollen, bevor er sich dann doch entschlossen habe, allein zu gehen. Traumatische Kindheiten sind leider häufig der Urstoff grosser Literatur. Nádas hat ganze Bergwerke davon. Sein Schreiben hat dafür gesorgt, dass sie ihm jetzt nicht mehr ins Grab werden folgen können.Péter Nádas hat ungewöhnlich viel geleistet, seine ungarischen Leser von Ängsten und Krämpfen zu befreien. Die Trauer um diesen Verlust ist grenzenlos. Seine internationale Wirkung gerade auch im deutschen Sprachraum zeigt erneut: Wer sich ganz und gar auf seine höchsteigene Wahrheit konzentriert, der hat wahrhaftig Entscheidendes zu sagen.Passend zum Artikel
Péter Nádas: Der Schriftsteller, der Erinnerungen zu Kunstformen erhob
Mit Péter Nádas verliert Ungarn einen Autor, der nicht nur über ein eminentes körperliches Sensorium für das Glück und die Tragik des Daseins verfügte, sondern dieses aus der Tiefe seines Ich auch radikal zu formen und zu durchschauen verstand. Er wurde 83 Jahre alt.










