Der ungarische Schriftsteller Péter Nádas ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Der Tod traf ihn in seinem Haus in der südwestungarischen Gemeinde Gombosszeg (Bezirk Zala), sagte die für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Mitarbeiterin des Budapester Verlags Sarközy es tarsai der Deutschen Presse-Agentur. Der Verlag gibt das literarische Werk des Schriftstellers heraus. Sie berief sich auf die Familie des Verstorbenen.

Nádas galt als Großmeister der weit ausgreifenden und monumentalen Erzählung. Seine auch auf Deutsch erschienenen Werke »Buch der Erinnerung«, »Parallelgeschichten« und »Aufleuchtende Details« sind Epochenromane über das 20. Jahrhundert mit seinen Gräueln und Absurditäten. Als »großen Vermesser der europäischen Seelenlandschaft« bezeichnete ihn die Literaturkritikerin Iris Radisch.Nádas wurde am 14. Oktober 1942 in Budapest geboren. Den Holocaust überlebte er mit seiner Familie in Verstecken und mit falschen Papieren. In der Familie des Heranwachsenden war die jüdische Herkunft dennoch kein Thema. Die Eltern waren überzeugte und dann enttäuschte Kommunisten. Die Mutter erlag früh einer Krankheit, als Nádas 13 Jahre alt war. Drei Jahre danach verübte der Vater Suizid.

Von 1965 bis 1969 arbeitete Nádas bei diversen Zeitungen, seitdem war er freier Schriftsteller. Seine Schreibweise fand im kommunistischen Ungarn nur zögerlich Anerkennung. Fast zwölf Jahre arbeitete er am »Buch der Erinnerung« (auf Deutsch 1991 erschienen), einem Opus von 1300 Seiten, das ihm zum Durchbruch im deutschen Sprachraum verhalf. Lesen Sie hier, warum es für den Lyriker Joachim Sartorius das Buch seines Lebens ist.Lange Schaffensprozesse kennzeichnen etliche seiner Großwerke. 17 Jahre widmete Nádas dem Roman »Parallelgeschichten« (auf Deutsch 2012). Auf den 1700 Seiten der deutschen Fassung verwebt er scheinbar zusammenhanglos Personen, Motive und Ereignisse zu einem Universum jenseits des Textes. Schauplätze und Zeitebenen wechseln oft abrupt. Minutiös seziert der Autor die wechselseitige Wirkung menschlicher Körper aufeinander, ihr gegenseitiges Begehren und die in ihnen abgespeicherten Erinnerungen und menschheitsgeschichtlichen Katastrophen. 2025 wurde »Parallelgeschichten« in den SPIEGEL-Literaturkanon »Hundert Jahre Weltliteratur« aufgenommen. Lesen Sie hier eine Rezension.