Erst kürzlich war Péter Nádas wieder einmal in Deutschland, seiner zweiten Heimat, zumindest in literarischem Sinne, denn hier hatte er sein treuestes Publikum. Treuer als in Ungarn, wo er 1942 geboren wurde, mitten im Krieg in Budapest, als Sohn einer jüdischen Familie, die damals noch von dem Schutz profitierte, den die ungarische Regierung den einheimischen Juden garantierte und den das nationalsozialistische Deutschland zähneknirschend akzeptierte, weil es sich bei Ungarn um ein verbündetes Land handelte. Dieser Schutz hielt aber nur bis 1944, und etliche von Nádas’ Verwandten wurden dann ermordet. Dass er dem Nachkriegs-Deutschland überhaupt Sympathie entgegenbringen konnte, ist erstaunlich, aber auch eine Folge davon, dass Deutsch zu seinen Kindheitssprachen zählte.Er sprach es fließend, aber er schrieb natürlich auf Ungarisch. Begonnen jedoch hatte er mit einer universell verständlichen Kunstsprache: der Fotografie – Nádas’ erste berufliche Tätigkeit war die eines Fotografen, nach Abschluss eines Chemiestudiums, das ihm im Fotolabor beste Dienste leistete. Diese Leidenschaft betrieb er auch weiterhin im Privaten, nachdem er sich in der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre als freier Schriftsteller im kommunistischen Ungarn etabliert hatte. Ausstellungen mit seinen Aufnahmen aus allen fotografischen Schaffensphasen hat es in den letzten Jahren zahlreiche gegeben, und eine besonders enge Freundschaft und wechselseitige Bewunderung verband ihn mit der Fotografin Barbara Klemm.Was ihm Deutschland bedeuteteNach Deutschland kam Péter Nádas zum ersten Mal für längere Zeit im Jahr 1981, dreizehn Monate auf Einladung des DAAD in Westberlin, wie so viele seiner osteuropäischen Schriftstellerkollegen. Und in der Mauerstadt, die neben Budapest zur zweiten Metropole seines Lebens wurde, schärfte sich noch einmal sein unnachgiebiger Blick auf die kommunistische Herrschaft in seinem Heimatland, die viel früher zum Thema seiner Bücher wurde als die deutschen Verbrechen. Nádas’ Roman „Buch der Erinnerung“ erschien 1986 in Ungarn, ging aber auf eine Konzeption aus Berliner Tagen zurück, und darin erzählte er unter anderem vom Schicksal seiner Eltern, die beide die Schoa überlebt hatten, aber in den Fünfzigerjahren starben, die Mutter krankheitsbedingt, der Vater aber durch Suizid – er hatte die Verluste nicht verkraftet, auch nicht den der individuellen Freiheit im totalitären Regime.Péter Nádas im Jahr 1977 in seiner Budapester WohnungPicture AllianceDieses Buch erschien auf Deutsch 1991, in einem Moment, als nach dem Fall der Mauer der ganze Reichtum der aktuellen ungarischen Literatur sichtbar wurde. Die drei großen Namen waren dabei Nádas, Péter Esterhazy und Imre Kertész. Letzterer war es, der 2002 den Literaturnobelpreis bekam, und erst im vergangenen Jahr war mit László Krasznahorkai ein anderer Landsmann Empfänger dieser höchsten literarischen Ehre. Dass sie Nádas verwehrt blieb, ist ein Unrecht der Literaturgeschichte, aber damit befindet er sich in bester Gesellschaft.Weitere Hauptwerke, jeweils ziegelsteindick, wurden dann die Bände „Parallelgeschichten“ (auf Ungarisch 2005, deutsch 2012) und „Aufleuchtende Details“, der 2017 parallel in beiden Sprachen erschien. Diese Gleichzeitigkeit war neben der wachsenden Faszination der Prosa aufs deutsche Publikum auch der Tatsache geschuldet, dass Nádas hier bis auf die Kriegszeit und seine Kindheitserinnerungen zurückgriff, um dann das Panorama des Ungarn der Fünfzigerjahre mit all den enttäuschten Hoffnungen betreffs eines reformierbaren Sozialismus zu zeichnen. Das war neu, obwohl er damit sein Hauptthema variierte. Aber das war überhaupt ein Merkmal dieses Schreibens: die Variation als Folge der Unmöglichkeit, die Schrecken so in Literatur zu bannen, dass sie nicht als persönliche Gespenster immer wiederkamen.Der hellwache Chronist des zwanzigsten JahrhundertsWer Nádas damals aus „Aufleuchtende Details“ hat lesen hören können, der wird sich an die ruhig-eindringliche Stimme erinnern, mit der dieser Autor eine Dreiviertelstunde lang aus dem in großen absatzlosen Abschnitten gefassten Text vortrug. Unvergesslich seine Bilder von der zerstörten Donaubrücke und von den bürgerlichen Vierteln an den Hängen der ungarischen Hauptstadt. Der Präzision der literarischen Beschreibung und den Stimmungsschilderungen des Schriftstellers merkte man den Fotografen an. Der optische Bezug des Buchtitels legte schon vor der Lektüre die Spur zur Herkunft der ästhetischen Methode.Nádas war dem Tod da bereits einmal von der Schippe gesprungen: Als noch relativ junger Mann, 1993, hatte ihn ein Herzinfarkt ereilt. Auch aus dieser Erfahrung wurde ein Buch, „Der eigene Tod“ (2002), das auf Deutsch sogar deutlich früher als in Ungarn erschien. Der massive Einschnitt ins Selbstverständnis eines bis dato zwar immer mit dem Tod anderer Konfrontierten, aber selbst noch nie Todgeweihten war der eigentliche Anlass für Nádas, nunmehr die genannten beiden Großprojekte seines Schreibens anzugehen und auch seine Fotografie für die Öffentlichkeit sichtbar neu zu beleben. Im „Eigenen Tod“ steht der Fotograf Nádas gleichberechtigt als Autor neben dem Schriftsteller.Péter Nádas zu begegnen, hieß, einem Chronisten des zwanzigsten Jahrhunderts zuzuhören, der gleichwohl hellwach das 21. beobachtete. Ungarn verließ er auch unter Viktor Orbán nie, doch Deutschland verhieß ihm eine sichere Zuflucht, und wenn es zu schwierig wurde, kam er dorthin. Doch das wahre Refugium war sein Landhaus in Gombosszeg nahe der slowakischen Grenze, von dessen Bäumen er so großartige Langzeitserien fotografiert hat. Von einem Nachlassen seiner Kräfte, intellektuell und künstlerisch, war nichts zu spüren gewesen, bis er heute Morgen in Gombosszeg dreiundachtzigjährig gestorben ist.