Kein Ankommen in der Realität: Neige Sinno sucht in Mexiko nach sich selbstDie französische Bestsellerautorin schreibt in «La Realidad» über das Reisen und alternative Gesellschaftsentwürfe – vielschichtig und autofiktional.Rainer Moritz26.08.2026, 05.30 Uhr4 Leseminuten«Alles aufschreiben, um es in einen Kontext zu stellen»: die Schriftstellerin Neige Sinno.Laurent Denimal / Opale / Imago«Trauriger Tiger» hiess das als literarische Sensation gefeierte Memoir, in dem Neige Sinno 2023 unerbittlich vom Missbrauch berichtete. Als Kind war die französische Autorin jahrelang von ihrem Stiefvater vergewaltigt worden, ohne sich jemandem anvertrauen zu können. Erst mit Anfang zwanzig offenbarte sie sich ihrer zuerst perplexen, dann aber unterstützenden Mutter und zeigte den Täter an, der zu einer langen Freiheitsstrafe verurteilt wurde.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vor «Trauriger Tiger» verfasste Sinno, zuerst auf Spanisch, die autobiografische Reiseerinnerung «La Realidad», die vergleichbaren ästhetischen Prinzipien folgt und nun auf Deutsch erschienen ist (mit dem unnötigen Zusatz «Ort der Frauen»).Wie der herkömmliche Roman mit seinen Fiktionalisierungen für «Trauriger Tiger» ungeeignet schien, um das Geschehene angemessen zu vermitteln, ist auch «La Realidad» kein geschlossener literarischer Raum. Es geht der 1977 geborenen Schriftstellerin um Suchbewegungen, um einen Weg, zu sich selbst zu finden und gleichzeitig Gesellschaftsentwürfen nachzuspüren, die helfen können, die «traurige Triade Kolonialismus-Kapitalismus-Patriarchat» zu überwinden.Mit Marx zu MarcosDrei Reisen nach Mexiko beschwört Sinno herauf, die ursprünglich das Ziel hatten, zu dem geheimnisumwitterten, im Gliedstaat Chiapas liegenden Ort La Realidad zu gelangen, also zur «Realität». Dort will sie den nicht minder geheimnisumwitterten Subcomandante Marcos treffen, der als Anführer der indigenen Freiheitsbewegung der Zapatisten 1994 mit einem Aufstand in Chiapas weltweit für Aufsehen gesorgt hatte.Neige Sinno, die in «La Realidad» als Ich-Erzählerin Netcha fungiert, reist 2003 erstmals nach Mexiko, begleitet von ihrer spanischen Freundin Maga (die der Verlag im Klappentext hartnäckig «Marga» nennt). Im Rucksack haben die jungen Frauen Bücher zur marxistischen Theorie, die sie – das kann nicht schaden – dem Subcomandante überreichen wollen. Dazu wird es freilich nicht kommen, denn Netcha und Maga bleiben in San Cristóbal de las Casas hängen und geben ihr Reiseziel La Realidad irgendwann auf. Der Neugier auf Mexiko und seine Bewohner tut das keinen Abbruch. Wenig später wird sie dorthin übersiedeln, als Literaturwissenschafterin an Universitäten lehren und schliesslich mexikanische Staatsbürgerin werden.All diese Annäherungen führen nicht dazu, dass Sinno ihre Wahlheimat wirklich versteht. Eine Fremdheit bleibt, und so ist ihr Buch bewusst, wie sie selbstironisch schreibt, eine «recht wirre Geschichte», die von Abschweifungen und Assoziationen geleitet ist: «Ich habe angefangen, das alles aufzuschreiben, um es in einen Kontext zu stellen, das heisst, um es nicht so aussehen zu lassen, als wären meine Reisen nach Chiapas das Ergebnis eines klar umrissenen Projekts gewesen.»«Klar» ist in dieser Erzählung aber nichts. Gewiss, ihr liegt ein scharf konturiertes Weltbild zugrunde, in dem eindeutig ist, dass überall «Verantwortungslose» regieren und der Planet Erde dem Untergang geweiht ist. Dennoch ist Sinno keine naive Aktivistin, die glaubt, die Wahrheit zu besitzen. «Sichtweisen» will sie sammeln, und diese Offenheit spiegelt die nicht immer eingängige Struktur ihres Textes wider.So sinniert sie über die Etymologien von «indigen» und «indianisch», begreift, dass die sechzig autochthonen Völker Mexikos nur von einem engstirnigen westlichen Blick auf einen Nenner gebracht werden können, und will nachvollziehen, worin sich die Zapatisten von anderen Freiheitsbewegungen unterscheiden.Kämpfende FrauenEine Spur führt Sinno dabei zum schillernden Künstler und Avantgardisten Antonin Artaud, der mit seinem «Theater der Grausamkeit» nicht nur Literaturgeschichte schrieb, sondern 1936 – um die «europäische Zivilisation zu fliehen» – auch nach Mexiko zu den Tarahumara reiste. Seine Werke und Briefe studierend, will sie entschlüsseln, wonach Artaud in Mexiko gesucht hatte – eine Recherche, die zu viel Platz in «La Realidad» einnimmt und beim Lesen weit weniger fesselt, als wenn die Autorin von ihren Reiseerlebnissen erzählt.Es bleibt nämlich nicht bei der Reise von 2003. Zehn Jahre später macht sie sich, diesmal mit ihrem Ehemann Max und ihrem Kind, erneut auf, um die Hintergründe der Zapatisten und ihres geheimnisvollen Anführers Marcos zu beleuchten. Und 2019 bricht Netcha erneut nach Chiapas auf, um an einem «Internationalen Treffen der kämpfenden Frauen» teilzunehmen.Ideologisch weitaus weniger gefestigt als ihre Mitstreiterinnen, verfolgt sie die chaotisch verlaufenden Diskussionen, und natürlich geht es dabei auch um die «seit Jahrhunderten» ausgeübte Gewalt gegen Frauen. Dies ist schliesslich der Ort, an dem Netcha vom Missbrauch erzählen kann, der ihre Kindheit zerstört hat. Dass nicht alle «kämpfenden» Frauen ihrer Geschichte zuhören wollen und sich lieber anderen, vermeintlich wichtigeren Themen zuwenden, gehört zu den ambivalenten Erfahrungen dieser Reise nach Mexiko.«La Realidad – Ort der Frauen» ist ein sperriges, vielschichtiges Buch, dessen Komposition einer Weltsicht gerecht werden will: der Erkenntnis nämlich, dass die Wahrheit nur polyperspektivisch erfassbar ist, dass sie sich den Menschen immer wieder entzieht und dieser Umstand dennoch nicht bedeutet, sich Gewalt und Unterdrückung zu beugen.Neige Sinno: La Realidad – Ort der Frauen. Aus dem Französischen von Michaela Messner. DTV, München 2026. 271 S., Fr. 36.90.Passend zum Artikel
Kein Ankommen in der Realität: Neige Sinno sucht in ihrem neuen Buch «La Realidad» nach sich selbst
Die französische Bestsellerautorin schreibt in «La Realidad» über das Reisen und alternative Gesellschaftsentwürfe – vielschichtig und autofiktional.












