Neuer Roman von Ronja von Rönne: Wenn wir plötzlich eine Lüge lebenDie einen suchen die Wärme, die anderen gieren nach Prestige: Ronja von Rönne erzählt subtil von Menschen, die sich immer tiefer in Unwahrheiten verstricken04.07.2026, 14.56 Uhr5 LeseminutenAktualisiertIst dem Menschen ein authentisches Leben zumutbar? Schriftstellerin RönneCarolin SaageEin nostalgischer Schimmer liegt über diesen Geschichten von Ronja von Rönne. Sie spielen vorwiegend in einer vordigitalen Zeit, weit weg sind Smartphones und Influencer, Migrationskrise und Populismus. Es ist meistens irgendwann in den nuller Jahren, vermutlich.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kinder tauschen Pokémon-Karten auf dem Schulhof, später kaufen sie die «Bravo» und lesen «TKKG». «Alles Liebe» wird im Untertitel als «Roman» bezeichnet, allerdings handelt es sich eher um eine Abfolge abgeschlossener Kurzgeschichten, die Rönne kunstvoll miteinander verknüpft. Jedes Kapitel trägt den Namen seiner Hauptfigur, die später in anderen Erzählungen wieder auftaucht. Manchmal prominent, manchmal nur als Zaungast oder Anekdote.Ronja von Rönne – auch bekannt als Autorin der Wochenzeitung «Die Zeit» und als Moderatorin des Kultursenders Arte – eröffnet den Reigen mit Laura. Die Schülerin ist in den Sommerferien mit ihrer Freundin Miriam. Letztere ist die beliebtere der beiden, aber sie hat Krebs, ist immer müde und kann irgendwann nicht mehr in die Schule gehen. Allmählich verkehrt sich die Hierarchie. Laura sieht eine Chance, mithilfe ihrer Freundin ihr soziales Kapital zu mehren: «Schon in der siebten Klasse war mir klar, dass man ohne Drama niemand war, dass Aufmerksamkeit eine Währung ist, die man sich verdienen muss. Und jetzt hatte ich das perfekte Drama – eine todkranke beste Freundin. Das würde mir Respekt verschaffen, Mitleid einbringen, mich interessant machen. All die Dinge, die ich bisher vergeblich gesucht hatte, würden mir jetzt zufallen.»Muss sich mit einem Schattendasein begnügen, wer ehrlich leben will? Wann kippt die Selbstinszenierung in Selbstbetrug? Solche Fragen durchziehen Rönnes Storys. Eine ausgeschmückte Anekdote wird zur Flunkerei, die Flunkerei zur Lüge. Und auf einmal wird die Lüge zum Kern einer Identität, zur Lebenslüge.Ein erfundener FreundRonja von Rönne beschreibt diese Prozesse mit einer subtilen Sprache und einer einfühlsamen Erzählhaltung. Auch im Zentrum ihrer zweiten Geschichte, «Barbara», steht eine Krebserkrankung.Sie handelt von einer brutalen Verdrängungsleistung: Die alleinerziehende Mutter will den Tod ihres Kindes nicht wahrhaben, sie flüchtet sich in eine Konsumwelt und häuft immer neue Dinge an. Etwa ein Gerät, das automatisch Kuchenteig anrühren soll. Barbara scheitert bei der Bedienung, bald verschandeln herausgeschleuderte Teigbrocken die Küchenablage. Wobei es ihr ja gar nie um das Produkt an sich gegangen ist, sondern um den Katalog dazu. Barbara verwendet ihre ganze Freizeit darauf, sich fiktive Leben für die posierenden Mannequins auszudenken und sich selber in eine Liaison mit einem Model hineinzuphantasieren, das sie «Rolf» zu nennen beginnt.Rönne schildert eine fanatische, zugleich tieftraurige Obsession: «Wenn sie und Rolf zwei Kinder gehabt hätten, die mit patschigen kleinen Händen in der Küche gesessen und auf dem Boden miteinander gespielt hätten, hätten sie wahrscheinlich alle gelacht über den fliegenden Teig, denn Dinge gehen manchmal schief. Und dann landen Teigbrocken plötzlich an der Wand, und in ein paar Wochen würde es eine schöne, lustige und gemeinsame Familienerinnerung werden.» Barbara verstrickt sich in ihr Hirngespinst. Aber leben nicht auch echte Paarbeziehungen von fiktionalen Elementen, von Idealisierungen, Schwärmereien und Wunschvorstellungen, zumal in ihren Anfängen?In «Heike» erzählt Rönne die Geschichte einer Frau, die einer Ehe zu entkommen versucht, die in jeder Hinsicht unbefriedigend ist. «Vielleicht waren Heikes Träume deshalb so klein gewesen, weil sie sich vor Enttäuschungen zu schützen versuchte. Sie war ja schliesslich selbst eine, das hatte ihre Mutter nie vergessen zu erwähnen, seit ihr Vater sich von einem auf den anderen Tag abgesetzt hatte. Heike war damals erst drei gewesen, trotzdem lag die Schuld auf ihr. Sie sei ein Schreibaby gewesen, das könne kein Mann ertragen.»Nun wohnt Heike in der pfälzischen Provinz mit Norbert zusammen, einem leider ziemlich einfältigen, auch recht faulen Elektriker. Und, schlimmer noch: Im Haus wohnt zudem Edith, die furchtbare Schwiegermutter. Sie ist Rönnes schwächste Figur, da von absoluter Boshaftigkeit und bis zur Karikatur verzerrt. Edith verwendet ihren Spazierstock als Befehlsstab: «Dreimal kurz hintereinander, das war das Signal für Heike.» Dermassen zermürbt, vertieft sich Heike in ein junges, neue Welten eröffnendes Medium: ins Internet. Sie entdeckt die Webpage eines Hobbygärtners.«Ich bin Erik, willkommen auf meinem kleinen, aber feinen Blog. Seit dem Tod meiner geliebten Frau versuche ich, ihr Erbe und ihren ganzen Stolz, nämlich unseren Garten, so gut weiterzupflegen, wie ich nur kann.» Lange liest Heike nur mit. Doch irgendwann beginnt sie Erik zu schreiben und sich innerlich von Norbert und Edith zu verabschieden.Wer einmal lügt . . .Wenn «Alles Liebe» eine Hauptfigur hat, dann die eingangs erwähnte Laura. Sie tritt in der letzten Geschichte als erwachsene Frau wieder auf, als Journalistin, ausgerechnet. Sie ist keine Zierde ihrer Zunft: Laura fingiert spektakuläre Storys. Die Messie-Frau, die ihre Wohnung mit Katalogen zumüllt. Die Gattin, die ihre Schwiegermutter im Teich ertrinken lässt. Einmal trifft Laura im Büro auf Mattis, den Namensgeber des Kapitels.Der ­Nachwuchsjournalist ist anfänglich beeindruckt von ihr. Doch als Laura von ihrem Publizistikstudium in Augsburg erzählt, wird er misstrauisch. Zufällig weiss er nämlich, dass man in Augsburg gar keine Publizistik studieren kann. «Es war ein kleines Ding. Eine Fliege, die gegen die Scheibe knallte, immer und immer wieder.» Mattis beginnt, Lauras Lügen nachzuforschen, doch bekommt er alsbald die Hackordnung auf der Redaktion zu spüren. Laura wird vom Chef protegiert, was Mattis zunehmend frustriert. Dann, während der Weihnachtsfeier, trinkt er zu viel. Laura kommt zu ihm.«Sie lehnte sich neben ihn ans Fenster. Ihre Schulter berührte seine. Er roch ihr Parfüm, etwas Zitroniges, Scharfes.» Was danach passiert, wird später zum Gerichtsfall. Laura klagt wegen Vergewaltigung, doch kann Mattis auf seinen Ordner «L.» zurückgreifen, in dem er Lauras Betrügereien gesammelt hat.Die vielen bewiesenen kleinen Lügen zersetzen den Prozess. Sie überwiegen die eine, seine grosse Lüge. Er wird freigesprochen. Mattis weiss selber, wie falsch das ist. Aber «er konnte den Gedanken einfach nicht abstellen: Hätte er Laura nie getroffen, wäre er nie Täter geworden. So war es doch. Oder?»Zuweilen erinnert «Alles Liebe» an «Sommerhaus, später», Judith Hermanns bedeutenden Erzählband von 1998. Wegen ähnlicher Lebenswelten und Figuren, aber auch wegen der präzisen Psychologie und der ausgekühlten Sprache, die in Kontrast zu einer oft verstörenden Handlung steht. Judith Hermann löste damals eine Short-Story-Euphorie aus.Gleiches ist nun Ronja von Rönne zu wünschen.Ronja von Rönne: Alles Liebe. DTV 2026. 240 Seiten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel