Es ist nicht ganz leicht, dem neuen Roman von Ronja von Rönne richtig unvoreingenommen zu begegnen. Jedenfalls wenn man die Autorin in den vergangenen Jahren ein bisschen verfolgt hat – ihr letztes Buch etwa oder ihren Instagram-Auftritt. „Nur gelitten beim Schreiben“, heißt es da in ihrer Ankündigung zum neuen Roman „Alles Liebe“ etwa, „nur gejammert, nur rumgeheult, meine Liebsten genervt.“ Danach hatte auch ihr letztes Buch „Trotz“ geklungen, das ein populärwissenschaftlicher Essay hätte sein sollen und am Ende als eine Mischung aus Psychogramm und kleiner Frechheit für 16 Euro trotzdem vorne auf den Büchertischen landete. Denn das las man beständig von der überdreht bis verzweifelt klingenden Autorin mit: Sie hatte den Großteil dieses Textes zwei Wochen vor Abgabe geschrieben.
Schreiben ist ein Handwerk und im Fall von Ronja von Rönne auch ein Beruf. Auf den darf man auch mal keinen Bock haben und sich beklagen. Nun ist Literatur aber auch Kunst, die im besten Falle eine Kritik bekommt. Und für eine solche spielt es schon eine Rolle, auf welche Art man einem Werk zum ersten Mal begegnet. Wer liest, wie die Autorin vor drei Jahren zu Protokoll gab, sie würde in nächster Zeit keine Romane mehr schreiben wollen, da das etwas für Geduldige sei, oder dass nur der Ausblick auf die Rückzahlung ihrer Vorschüsse sie jedes Mal davon abhalte, kurz vor der Deadline Projekte abzusagen, möchte eigentlich sagen: Quäle dich nicht! Mach etwas anderes, Berufe lassen sich wechseln.Nun hat von Rönne aber doch einen neuen Roman geschrieben. Und der zeigt sehr gut, warum sie schreibt und wieso dieser Beruf und ihr Erfolg einst zu ihr fanden. Es begab sich nämlich so, dass – das muss bis heute in jedem Text über diese Autorin erwähnt werden, weil es der Karriere-Kickstart war, von dem sie bis heute zehrt – sie 2015 eine recht bescheuerte Kolumne über Feminismus in der „Welt“ schrieb. Daraufhin gab’s einen großen Shitstorm sowie einen Buchvertrag, und sie überdachte ihre Haltung. Was sich bis heute jedoch hält, auch im neuen Buch, ist dieser „von-Rönne-Sound“, ein Gespür für schöne Sätze und pointierte Oberflächenbeschreibungen.Fünf Kurzgeschichten in einem RomanPassend zu diesen Talenten handelt es sich bei „Alles Liebe“ um fünf Kurzgeschichten, die durch wieder auftretende Figuren lose zu einem Roman verwebt werden. Das Korsett, das alles umschnüren soll (die Liebe), passt dem Buch zwar nicht so ganz, aber im Leben und in der Literatur kann ja eigentlich alles auf die Liebe zurückgeführt werden – oder auf einen Mangel daran. In dieser thematischen Anschlussfähigkeit erkannte wohl auch der Verlag eine Chance und kündigte an, im Rahmen einer großen Social-Media-Werbekampagne einen gebrandeten Ring zu verlosen. Gewidmet ist der Roman übrigens unter anderen der Momfluencerin Marie Nasemann, die auch die Premiere moderieren wird und eine sehr gute Freundin der Autorin ist.Von Rönnes Figuren sind alle Außenseiter, jede ihrer Storys zentriert eine andere vom Schicksal gebeutelte oder moralisch bankrotte Person, nach denen die Geschichten jeweils benannt sind, „Laura“, „Barbara“, „Heike“, „Fedor“ und „Mattis“. Keiner scheint sozial gut eingebunden zu sein, und alle sind einsam.Krankheit als Chance?So auch Laura, ein Schulkind und die Einzige, die uns selbst von ihrer Geschichte erzählt. Ihre beste Freundin Miriam ist an Krebs erkrankt – für Laura praktisch ein Sechser im Lotto. In der Krankheit ihrer „Freundin“ wittert sie die Chance, sich Mitleid, Respekt und Interesse von Eltern und Mitschülern zu sichern. „Die beste Freundin eines Krebskinds zu sein“, findet sie, „das war fast so gut, wie selbst Krebs zu haben.“Ronja von Rönne: „Alles Liebe“dtvAuf Instagram teilte von Rönne einen Screenshot ihrer Notizen-App, dem Werktagebuch von heute, mit Ideen für ihr Buch: „Sau makaber, alle lügen“ steht da. Und so kommt es auch. Laura erfindet Lügen, um Miriam von sich abhängig zu machen und dem irgendwann schwindenden Interesse ihrer Klassenkameraden entgegenzuwirken.In einer anderen Story lügt Barbara ihre Selbsthilfegruppe an, um den Tod ihrer Tochter nicht akzeptieren zu müssen, und flüchtet sich in eine imaginäre Beziehung mit einem Katalog-Model. Heike lügt sich selbst an, um keine eigenen Lebensentscheidungen treffen zu müssen, und fristet weiterhin ein tristes Dasein mit einem abwesenden Mann und einer miesen Schwiegermutter unter dem Dach.Fedor scheint sie alle zu toppen; er erlügt sich eigentlich alles, inklusive seines Namens, und es wird ein bisschen wirr – wieso liebt er seine Freundin Christina, wenn er sie eigentlich hasst, ist er jetzt ein Schwein oder kommt er bei den Leuten gut an? Zum Schluss, bei Mattis, bricht dann alles zusammen – bis auf ein System, das Täter schützt. Mit einer Ausnahme haben alle Männer in dem Buch ihre Familien verlassen oder sind Vergewaltiger.Das klingt – und ist auch – alles heavy, doch schwer ist das Lektüreerlebnis selbst trotzdem nie. Der Roman kombiniert die Erkenntnisse eines frühen Ferdinand von Schirachs (ein Mensch kann Opfer und Täter zugleich sein!) mit dem erzählerischen Sog eines Caroline-Wahl-Romans. Von Rönne schreibt sehr eingängig. Die Form puffert den Plot ab; nichts stört den Lesefluss, und oft bietet der Erzähler die Deutung der Geschehnisse gleich mit an.Auch der Ton fließt mit und ändert sich nicht, ob nun ein Schulkind von sich selbst erzählt oder ein Erzähler von einem erwachsenen Mann. Manchmal schafft es das Buch, bei der Lektüre eine praktisch körperliche Reaktion auszulösen: Der Puls geht hoch, man bangt, gleich passiert es! Gleich kommt jemand den Figuren auf die Schliche! Nie lässt sich voraussagen, was als Nächstes passiert – eine Qualität.Von null auf hundert die Bodenhaftung verlierenTrotzdem bleibt wenig von der Lektüre zurück. Das liegt an der zwar kreativen, letztlich aber doch recht eindimensionalen Figurenzeichnung: In Laura regt sich kein einziges ambivalentes Gefühl, sie scheint die personifizierte Niedertracht zu sein. Barbara verliert von null auf hundert die Bodenhaftung, und Christina durchläuft in den etwa zwanzig Jahren ihres Lebens, von denen wir erfahren, keinerlei Entwicklung, nicht mal durch ihre Schwangerschaft.Und auch wenn alle Figuren in ihren Handlungen der Maxime einer Miranda-July-Protagonistin zu folgen scheinen (so merkwürdig entscheiden wie möglich), fehlt es ihnen an deren liebenswürdiger Absurdität und an einem gewissen doppelten Boden. Denn man fragt sich nach dem Lesen eben auch: Wieso wurde mir das jetzt erzählt?Die menschlichen Anteile von Gut und BöseVielleicht einfach, weil es unterhält. Daran ist auch nichts verkehrt. Eine Ausnahme ist die letzte sehr gute Erzählung „Mattis“. Sie hebt sich insofern vom Rest des Buchs ab – jetzt muss es etwas kryptisch bleiben, um nicht zu spoilern –, als sie komplexer den menschlichen Anteilen von Gut und Böse nachgeht. Mattis ist großem Unrecht auf der Spur und verübt dann selbst ein unbeschreibliches. Hier zeigt sich, wie schnell ein Mensch zum Täter werden kann. Da grübelt man dann doch.Und bevor sich jetzt wieder einige beschweren, dass das Werk einer jungen Frau von einer anderen jungen Frau nicht unumwunden für genial befunden wurde, so wie es bei von Rönnes vorigem Buch von Sophie Passmann kritisiert wurde – seht es doch so: Sich die Mühe einer differenzierten Kritik zu machen, ist Ausdruck von Wertschätzung. In diesem Sinne (wirklich unironisch): Alles Liebe. Ronja von Rönne, „Alles Liebe“. Roman. Verlag dtv, München 2026. 240 S., geb., 23 €.







