Fördert das Inseldasein die Selbstfindung? Ursula Wiegeles utopischer SommerromanUrsula Wiegeles Inselroman «Nur die Laute der Vögel» erzählt von Selbstfindung – und liest sich leicht wie ein Traum am Strand.Björn Hayer28.06.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenAllein auf einer Insel in einer italienischen Lagune – wie hier in Grado – will der Romanheld zu sich selbst kommen.Moreno Geremetta / Mauritius Images / KeystoneEs ist eine Geschichte, wie wir sie uns oft herbeiwünschen, wenn es das Leben wieder einmal nicht gut mit uns meint. Kontemplativ versetzt uns Ursula Wiegeles Roman auf eine einsame Insel in der oberitalienischen Lagune von Grado. Dort verbringt der Ich-Erzähler Luca einige Monate, nachdem ihm das Schicksal einen üblen Streich gespielt hat. Seine Hand will nicht mehr so, wie er will – für einen Gambisten ein herber Rückschlag. Doch nicht allein die Gesundheit zwingt den Mittdreissiger zum Innehalten. Auch seelischer Unrat treibt ihn um.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seinem Vater, einem bekannten Cellisten, geht er aus dem Weg, und über den Freitod seiner Mutter kommt er nur schwer hinweg. Ein Rückzug tut also not. Lucas Wahrnehmung beschränkt sich auf das Hier und Heute, auf die Kräuter in den Tontöpfen und den Gang der Katzen, auf die Reise der Wolken und das Meer. Das «Haus mit den hellblauen Läden und der grossen Pinie darüber» wird zum Raum der Stille und Einkehr. Der Lärm des Alltags rückt in weite Ferne.Die österreichische Autorin ruft damit einen klassischen Ort der Literaturgeschichte auf, den Locus amoenus, auf den man in der Hirtendichtung oder in Inselerzählungen trifft. Diese «lieblichen» Gefilde befördern die Selbstfindung. Es dürfte kein Zufall sein, dass Wiegeles Protagonist in der Abgeschiedenheit wieder zu Kräften kommt und zu musizieren beginnt. «Beim Blick auf die Noten», so Luca, «höre ich diese Werke, noch bevor sie zum ersten Mal hier auf der Insel erklingen.» Die Ruhe schult das Gehör. Passend dazu bedient sich die Autorin eines lakonischen Stils. Ihre Wortökonomie schafft Konzentration – und ermöglicht dadurch den Wandel: «Auf einmal war ich Sonne und Himmel, Welle und Wind, war ich Rauschen und Möwenschrei.»Zweifellos haben wir es mit einem Sommerbuch zu tun, das nicht ganz frei von Kitsch und manch esoterischer Phrase ist. Gleichwohl erweitert «Nur die Laute der Vögel» das Tableau der Inselromane unserer Zeit. Werke wie Lutz Seilers «Kruso» oder Roman Ehrlichs «Malé» entwickeln auf der Folie des Eilands vor allem Zukunftsvisionen, sowohl hoffnungsvolle als auch pessimistische, wenn es um die Folgen des Klimawandels geht. Sie stehen in einer langen Tradition des Möglichkeitsdenkens und verhandeln wie ihr Archetyp, «Utopia» von Thomas Morus, gesellschaftsrelevante Themen.Wiegele setzt dagegen beim Einzelnen an. Statt nach dem grossen Umbau zu rufen, lotet sie aus, welche Potenziale das Individuum mitbringen muss, um seine kleine Welt zu retten. Damit gelingt ihr ein zärtlicher, eleganter Entwurf, wie ein wohltuender Traum während eines kurzen, intensiven Schlafes am Strand.Ursula Wiegele: Nur die Laute der Vögel. Otto Müller 2026. 164 Seiten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Ursula Wiegeles neuer Roman ist so leicht wie ein flüchtiger Traum am Strand
Ursula Wiegeles Inselroman «Nur die Laute der Vögel» erzählt von Selbstfindung – und liest sich leicht wie ein Traum am Strand.








