Pro ArtikelEuropas gefährliche RaketenlückeDem Westen fehlen für den Krieg in der Ukraine Abfangraketen und weit reichende Waffen. Der Krieg gegen Iran verschärft das Defizit.25.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenEin Flugabwehrsystem Patriot, aufgebaut auf einem Stützpunkt der polnischen Streitkräfte im Dezember 2025.Jacek Marczewski / Wyborcza / ReutersEs ist die Nacht auf den 4. August dieses Jahres, als Russland einen seiner verheerendsten Luftangriffe des gesamten Krieges auf Kiew startet. 24 ballistische Iskander-Raketen und vier Überschallflugkörper Zirkon fliegen auf die Hauptstadt zu, begleitet von mehr als hundert Langstreckendrohnen. Die ukrainische Luftverteidigung kann keine der 28 Raketen stoppen, weil die Abfangraketen, die gegen solche Waffen eingesetzt werden, knapp geworden sind.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Angriff auf Kiew zeigt ein Problem, das längst weit über die Ukraine hinausreicht. Den europäischen Staaten und den USA fehlen Lenkflugkörper, mit denen sie sich gegen Raketen verteidigen können. Vereinfacht gesagt geht es darum, einen rasend schnellen Flugkörper mit einem ebenso rasend schnellen Flugkörper innerhalb weniger Sekunden in der Luft zu finden und zu treffen.Die Raketenabwehr gehört zum Anspruchsvollsten, was die Rüstungsindustrie produziert. Die USA beherrschen diese Technik, auch einige Staaten in Europa, etwa Deutschland, Frankreich und Norwegen. Doch ihre Bestände sind knapp, sind teilweise dramatisch geschrumpft. Kaum ein westliches Land will grosse Mengen entbehren.Wie konnte der Westen sich selbst, vor allem aber die Ukraine in diese Situation bringen? Wie kann es sein, dass Russland den Europäern im fünften Kriegsjahr beim Verhältnis von ballistischen Angriffswaffen zu Abfangraketen immer noch überlegen ist?Der erste Teil der Antwort ist schnell erzählt. Die europäischen Regierungen haben in der Vergangenheit zu wenig in das Militär investiert. Abfangraketen wurden nur in kleiner Zahl beschafft. Das führte dazu, dass besonders in Europa die Industrie ihre Produktionsanlagen und Lieferketten auf geringe Mengen dimensioniert hat.Der andere Teil der Antwort ist komplizierter. Für die Produktion eines Flugkörpers werden unter anderem feste Raketentreibstoffe, Batterien, Leiterplatten, Halbleiter, Industriegase und Teststände benötigt. Bei manchen Komponenten besteht eine grosse Abhängigkeit vom Ausland.Enorme Abhängigkeiten von ChinaNach Angaben des International Institute for Strategic Studies (IISS) werden rund 90 Prozent aller Leiterplatten weltweit in Asien hergestellt, allein gut 60 Prozent in Werken taiwanischer, japanischer, südkoreanischer und amerikanischer Firmen in China. Solche Leiterplatten gehören zu den zahlreichen elektronischen Komponenten moderner Lenkflugkörper.Für militärisch geeignetes HTPB, schreiben die Autoren zudem, gebe es nur wenige Lieferanten weltweit. HTPB ist ein Bindemittel für feste Raketentreibstoffe. Das US-Verteidigungsministerium hat inzwischen waffenfähiges HTPB als sicherheitsrelevantes Material eingestuft, weil es bisher nur über eine Quelle beschafft wurde.Doch das sind noch nicht alle Abhängigkeiten und Engpässe. Eine moderne Abfangrakete muss ein Ziel, das sich selbst mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit bewegt, innerhalb weniger Sekunden erfassen, seine Flugbahn berechnen und den eigenen Kurs fortlaufend korrigieren. Dafür benötigt sie Sensorik, Elektronik und Steuerungstechnik. Für diese Komponenten werden seltene Erden benötigt, bei denen China weltweit marktbeherrschend ist.In Anbetracht dieser Abhängigkeiten dürfte es schwierig werden, genau das zu tun, was als Reaktion auf den Mangel an Abfangraketen geboten ist: die Produktion zu erhöhen. Doch das ist der Plan. So will der amerikanische Rüstungskonzern Lockheed Martin die Zahl der PAC-3-MSE-Flugkörper für Patriot von 620 im vergangenen Jahr bis auf 2000 im Jahr 2030 erhöhen. Der deutsche Raketenhersteller MBDA will noch in diesem Jahr eine Produktionslinie für Patriot-Flugkörper vom Typ PAC-2 GEM-T in Betrieb nehmen, während Diehl aus Überlingen die Produktion von Iris-T-Lenkflugkörpern ausweitet.Russland hat die Raketenproduktion ausgebautEs gibt jedoch ein Problem: Die zusätzlichen Raketen kommen erst in einigen Jahren, die Nachfrage aber besteht heute. Das liegt auch daran, dass Russland seine Raketenproduktion erheblich ausgeweitet hat.Bereits im September vorigen Jahres berichtete der Washingtoner Think-Tank Center for Strategic and International Studies (CSIS), moderne chinesische Maschinen hätten Russland dabei geholfen, die Produktion der ballistischen Iskander-M von 2023 bis 2024 zu verdreifachen. Zugleich seien 2024 rund 70 Prozent der russischen Importe von Ammoniumperchlorat, einem wichtigen Bestandteil fester Raketentreibstoffe, aus China gekommen.Es ist davon auszugehen, dass Russland seitdem die Produktion von Raketen und Marschflugkörpern noch weiter ausgebaut hat. Kürzlich bezifferte der stellvertretende Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes den russischen Iskander-M-Bestand gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters auf etwa 130 Raketen. Allein im Juli habe Russland 65 neue produziert.Start eines Patriot-Abfangflugkörpers.Eloisa Lopez / ReutersUnabhängig überprüfen lassen sich diese Geheimdienstangaben nicht. Eine separate Schätzung des Raketenfachmanns Fabian Hoffmann vom norwegischen Institut für Verteidigungsstudien weist allerdings in dieselbe Richtung. Im Juli 2026 zitierte ihn Reuters mit der Aussage, Russland produziere wahrscheinlich rund 600 bis 800 ballistische Raketen jährlich, vor allem Iskander-M und Kinschal.Der «Ukraine Air War Monitor» der Konrad-Adenauer-Stiftung zählt für das vergangene Jahr rund 600 eingesetzte Iskander-M und Kinschal sowie etwa 1300 Marschflugkörper. Doch Russland verschiesst offenbar nicht seine gesamte Produktion. Der «Ukraine Air War Monitor» geht davon aus, dass Moskau zugleich ballistische Raketen zurückhält und seine Bestände aufstockt.Das erklärt die immer dringlicheren Bitten des ukrainischen Präsidenten um Abfangraketen und zugleich die Zurückhaltung der Europäer.Die USA manövrieren sich selbst in einen EngpassAuf die USA können die Europäer hier kaum setzen. Durch den Krieg gegen Iran haben sich die Amerikaner selbst in einen Engpass manövriert. Nach Berechnungen des CSIS verschossen die US-Streitkräfte allein in den ersten 39 Kriegstagen schätzungsweise 1060 bis 1430 Patriot-Abfangraketen. Den amerikanischen Vorkriegsbestand an PAC-3 und PAC-3 MSE beziffert das Institut auf rund 2330 Stück. Die tatsächlichen Bestände sind geheim.Die «Washington Post» berichtete am 23. Februar dieses Jahres, General Dan Caine, der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs und oberste militärische Berater des Präsidenten, habe Trump vor den Risiken eines Angriffs gewarnt. Zu seinen Sorgen hätten ausdrücklich die begrenzten Bestände von Flugabwehrraketen gehört. Trump stellte Caines Haltung öffentlich anders dar und erklärte, sein General halte einen Krieg gegen Iran für leicht gewinnbar.Wenn jedoch die Militärführung Trump vor knappen Raketenbeständen warnte, stellt sich die Frage, weshalb die USA dennoch einen Krieg gegen einen Gegner begonnen haben, dessen zentrale Vergeltungswaffe neben Drohnen vor allem ballistische Raketen sind. Laut dem CSIS könnte es nun drei Jahre oder länger dauern, bis die USA wieder die Vorkriegsbestände erreichen. Das beträfe vor allem Lenkflugkörper für Patriot und Thaad, aber auch Angriffswaffen wie den Marschflugkörper Tomahawk.Auch die europäische Patriot-Produktion wird daran kurzfristig wenig ändern. Deutschland, die Niederlande, Spanien und andere Staaten haben mehr als tausend Flugkörper der älteren PAC-2-Generation bestellt. Dafür entsteht beim deutschen Lenkflugkörperhersteller MBDA in Kooperation mit dem amerikanischen Konzern Raytheon eine neue Produktionslinie. Sie soll Ende dieses Jahres anlaufen.Die modernen PAC-3 MSE, die insbesondere für die Abwehr anspruchsvoller ballistischer Raketen benötigt werden, werden in Europa dagegen bis jetzt nicht hergestellt. Die USA planen zunächst lediglich ein europäisches Wartungszentrum. Auf dem Nato-Gipfel in Ankara im Juli liess die US-Regierung jedoch erkennen, dass sie für eine externe PAC-3-MSE-Produktion prinzipiell offen sei.Die verschiedenen Patriot-FlugkörperPAC-3: Wirkungsweise nach dem Prinzip «hit-to-kill», also direkter Treffer gegen Raketen, Marschflugkörper und Flugzeuge.PAC-3 MSE: Weiterentwicklung der PAC-3 mit grösserem Aktionsradius, grösserer Abfanghöhe und besserer Manövrierfähigkeit, besonders gegen ballistische Raketen.PAC-2 GEM-T: Grössere, ältere Patriot-Rakete mit Sprengstoff statt «hit-to-kill», vor allem gegen Flugzeuge und Marschflugkörper, auch gegen ballistische Raketen.Doch wie schwierig eine lizenzierte Produktion ist, zeigt Japan. Mitsubishi produziert dort PAC-3-Flugkörper, konnte die eigene Fertigung aber nicht wie geplant verdoppeln. Der Grund ist, dass Boeing nicht genügend der in Alabama gefertigten Suchköpfe liefern konnte.Nun fehlen auch noch die TomahawksDer Mangel an Lenkflugkörpern ist an sich schon herausfordernd genug. Doch es kommt noch ein weiteres Problem hinzu. Deutschland will so schnell wie möglich Tomahawks beschaffen, um damit russische Raketensysteme tief im Hinterland bekämpfen zu können. Das könnte nun dauern, da die Amerikaner auch hier erst einmal ihre eigenen Bestände auffüllen müssen.Das CSIS schätzt, dass die USA im Krieg gegen Iran mehr als tausend Tomahawks verschossen haben, bezieht sich dabei aber auf Berichte amerikanischer Medien. Zuletzt seien weniger als 200 Tomahawks im Jahr produziert worden. Selbst die nun drastisch erhöhten amerikanischen Bestellungen sollen nach derzeitiger Planung erst ab 2030 ausgeliefert werden. Es ist deshalb offen, wann Deutschland seine Tomahawks erhält.Das Problem reicht damit weit über fehlende Patriot-Raketen hinaus. Schon 2017 warnten amerikanische Strategen davor, sich bei massierten Raketenangriffen allein auf die Abwehr der anfliegenden Flugkörper zu verlassen. Eine wirksame Verteidigung müsse auch die Möglichkeit einschliessen, die Angriffskette vor dem Start zu unterbrechen.Europa hat eine Lücke auf der EskalationsleiterFast zehn Jahre später fehlt Europa beides in ausreichendem Mass. Der europäische Westen besitzt zu wenige Abfangraketen, um einen langen russischen Raketenkrieg wie derzeit in der Ukraine rein defensiv führen zu können. Zugleich fehlen den Europäern weitreichende konventionelle Waffen, mit denen sie russische Abschussanlagen, Depots und andere Teile der Angriffskette tief im Hinterland in grosser Zahl bekämpfen können.Das ist mehr als eine Lücke in den Arsenalen. Es ist eine Lücke auf der Eskalationsleiter. Denn gegen einen Gegner wie Russland, der über ein grosses Arsenal ballistischer Raketen und zugleich über Atomwaffen verfügt, fehlen Europa ausgerechnet jene konventionellen Optionen, die zwischen dem blossen Abfangen eines Angriffs und einer wesentlich höheren Eskalationsstufe liegen.Passend zum Artikel
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Dem Westen fehlen für den Krieg in der Ukraine Abfangraketen und weit reichende Waffen. Der Krieg gegen Iran verschärft das Defizit.









