In den aktuellen Debatten entsteht bisweilen der Eindruck, Europa könne es gar nicht abwarten, sich von den Vereinigten Staaten loszusagen. Dabei gerät das Wesentliche aus dem Blick: die Dringlichkeit der Lage.Wir stehen in einer neuen Phase strategischer Risiken. Zwei parallele Konflikträume – in der Ukraine und Iran – fordern unsere bereits stark beanspruchten Streitkräfte und Verteidigungsindustrien bis an die Grenzen ihrer derzeitigen Leistungsfähigkeit und belasten die Munitionsvorräte enorm. Russland hat derweil vollständig auf Kriegswirtschaft umgestellt.Der Westen läuft Gefahr, von seinen Gegnern übertroffen zu werden – in Produktion, Skalierung und Tempo. Die Langsamkeit der Rüstungsproduktion, die beileibe nicht nur der Industrie anzulasten ist, ist das größte Risiko für Europas Abschreckung und Verteidigung.Die USA tragen nicht auf Dauer die Hälfte der NATO-FähigkeitenVor diesem Hintergrund ist die transatlantische Partnerschaft nicht Relikt, sondern Rückgrat europäischer Sicherheit. Europa tut gut daran, diese Partnerschaft nicht durch politische Illusionen zu schwächen, sondern durch eigene Leistungsfähigkeit zu stabilisieren.Das bedeutet: Europa muss militärisch erwachsen werden, ohne dem Irrtum der Selbstgenügsamkeit zu verfallen. Europa muss stärker werden, nicht einsamer. Wer glaubt, die USA würden dauerhaft die Hälfte der NATO-Fähigkeiten tragen, ohne dass Europa substantiell nachzieht, verkennt die politische Realität auf beiden Seiten des Atlantiks. Das gilt gerade auch in Zeiten des heissen Konflikts.Zu Recht fordern daher die Amerikaner, dass sich was tut – die Debatte um gerechte Lastenverteilung in der NATO, geht schon auf Präsident Eisenhower zurück. Heute mag sich Präsident Trump zurecht fragen, wo sie sind, die Flugabwehrbataillone, die weitreichenden Präzisionswaffen, die Kommunikationssatelliten Europas, die amerikanische Fähigkeiten ablösen können.General Markus Laubenthal ist Chief of Staff SHAPE bei der NATO. Er leitet im Supreme Headquarters Allied Powers Europe (SHAPE) im belgischen Mons den Stab des Obersten Alliierten Befehlshaber Europa (SACEUR), der für alle militärischen Operationen der Allianz verantwortlich ist.NatoDie Antwort darauf entscheidet über Glaubwürdigkeit. Wir Europäer sollten das nicht als Belastung verstehen, sondern als Chance – für mehr Gestaltungskraft und Selbstachtung.Europäischer werden, um transatlantisch zu bleiben, wie es Verteidigungsminister Pistorius sagt. Darum geht es, nicht um Abkoppelung. Wir sollten nicht unser bester Feind sein: Zusammenhalt in Europa und im Bündnis ist unser grösstes Pfund.Weniger Auflagen und Berichtspflichten für die RüstungsindustrieDie NATO ist und bleibt das Verteidigungsbündnis, es bietet alles, was eine wirksame Abschreckungsarchitektur benötigt: Verteidigungspläne, integrierte Führungsstrukturen und eine klar definierte Kommandokette mit operativer Handlungsfreiheit für den NATO-Oberbefehlshaber. Diese Struktur ist stark – aber ihre Stärke bemisst sich an den Fähigkeiten, die die Nationen tatsächlich bereitstellen. Hier entscheidet sich, ob Europa die Handlungsfähigkeit der NATO auch künftig sichern kann.Der Druck auf Europa ist dabei gleich dreifach: Wir müssen bestehende Lücken in unseren Streitkräften schließen, Reserven wieder auffüllen und die Fähigkeiten ersetzen, die bislang die USA für uns bereitgestellt haben. Das demand signal ist also klar.Und Zeit ist der entscheidende Faktor: Wir haben bis zur vollständigen Rekonstitution Russlands jetzt ein kleines Zeitfenster, um uns in Europa voll kriegstüchtig aufzustellen. Nicht, um Krieg zu führen, sondern um Frieden, Freiheit, Wohlstand glaubhaft zu schützen.Was hindert uns daran, jetzt weitere Produktionskapazitäten zu bauen, so dass innerhalb eines Jahres die ersten Flugabwehrraketen vom Band laufen? Bringen wir Europäer zusammen, um Ressourcen zu bündeln und gemeinsam mit den Amerikanern in Koproduktion oder Lizenz in die Umsetzung zu gehen. Bringen wir gemeinsam High-Tech-Systeme voran und mit smarten Low-Cost-Lösungen zusammen, um Innovationsüberlegenheit zu schaffen. Kommen wir bei der Beschaffung weg von Stückzahlen hin zum Aufbau von Produktionskapazität, um der notwendigen Skalierung Rechnung zu tragen: Nicht 250.000 Drohnen bestellen und einlagern, sondern die Kapazität dafür vorhalten und jedes Jahr einige Tausend für die Truppe zum Üben einsetzen – auch das macht Eindruck auf Russland.Europa bremst sich an entscheidenden Stellen immer noch selbst aus. Es braucht weniger Auflagen und Berichtspflichten, dafür mehr Ausnahmegenehmigungen für den schnellen Bau von Produktionsstraßen oder Munitionsanlagen. Verteidigungsrelevante Unternehmen benötigen Rechtssicherheit, um Flexibilisierungen des EU-Arbeitsrechts vollständig zu nutzen und Produktionskapazitäten maximal auszuschöpfen.Gleichzeitig behandeln wir verteidigungskritische Rohstoffe und Chemikalien weiterhin mit Regulierungslogiken aus Friedenszeiten und verstärken Abhängigkeiten von Lieferketten, deren Stabilität wir nicht kontrollieren, Stichwort China. In der gleichen Logik verfahren wir bei der Zertifizierung von Systemen, die sich bereits in der Ukraine im Einsatz bewähren. Das verzögert, wenn nicht die ganze Einführung, zumindest die rasche Ausbildung unserer Streitkräfte.Europa diskutiert über Verteidigungsfähigkeit, während es an zentralen Stellen immer noch nicht vollständig auf Kriegstüchtigkeit umgestellt hat. Europa, und Deutschland im Besonderen, haben die Stellschrauben in der Hand. Jetzt geht es darum, diesem Führungsanspruch Substanz zu verleihen, dabei ist beileibe nicht nur die Verteidigungscommunity in die Pflicht zu nehmen. Der überzeugendste Weg zur europäischen Selbstbehauptung ist: machen. Die Zeit dafür ist jetzt.
NATO-General Markus Laubenthal: Die Rüstungsproduktion ist zu langsam
Der Westen läuft Gefahr, von seinen Gegnern übertroffen zu werden. Was hindert uns daran, die Produktion zu beschleunigen, sodass in einem Jahr die ersten Flugabwehrraketen vom Band laufen?








