Die Beschaffung von Patriot-Raketen ist so aufwendig wie deren Produktion. Zwei Jahre können von der Bestellung bis zur Fertigstellung der modernsten Variante der begehrten Flugkörper vergehen. Mehr als 400 Zulieferer sind beteiligt. Viele Komponenten – vom Zielsuchkopf über das Triebwerk bis hin zu Navigations- und Kontrollsystemen – müssen zusammengefügt werden. Nicht nur die Ukraine, sondern Staaten weltweit, insbesondere in Europa, lechzen nach der amerikanischen Luftverteidigung.Patriot ist eines von wenigen Systemen, das ballistische Raketen, die in extrem hoher Geschwindigkeit fliegen, weitgehend zuverlässig abwehren kann. Aber die Industrie kommt mit der Produktion schon lange nicht mehr hinterher; der hohe amerikanische Verbrauch von Patriot-Flugkörpern im Irankrieg hat den Mangel weiter verschärft. Und für die europäische Alternative – SAMP/T – ist die Munition ebenfalls knapp.Die Politik versucht dieses Dilemma zu lösen, indem sie die Rüstungsbranche antreibt, mehr und schneller zu liefern. Derzeit werden in den USA jährlich rund 600 der modernsten Patriot-Raketen des Typs PAC-3 MSE hergestellt. Bis in die frühen 2030er-Jahre will das Pentagon die Produktionskapazitäten mehr als verdreifachen. Es gilt, den eigenen Bedarf und den von insgesamt 19 Nutzerstaaten des Systems zu decken. So hat Deutschland mehrere Hundert weitere Patriot-Raketen bestellt; die aktuellen Bestände der Bundeswehr sind geheim.„Eine Behördenrallye ohnegleichen“Der weltweite Mangel drängt Europa dazu, künftig selbst in die Produktion einzusteigen. Im oberbayerischen Schrobenhausen entsteht derzeit das erste Werk zum Bau von Patriot-Abfangraketen auf europäischem Boden, es ist eine Kooperation zwischen dem amerikanischen Hersteller Raytheon und dem Rüstungsunternehmen MBDA Deutschland. An dem Standort wird jedoch nur die ältere Variante PAC-2 GEM-T hergestellt. Anders als PAC-3 explodieren diese Raketen in der Nähe ihres Ziels und treffen es nicht direkt: Deshalb sind in der Regel – wie es die Erfahrung in der Ukraine zeigt – mehr Flugkörper erforderlich, um eine Rakete zuverlässig vom Himmel zu holen.Rheinmetall strebt darüber hinaus eine Kooperation mit dem US-Unternehmen Lockheed Martin an, um künftig auch PAC-3-Varianten in Deutschland zu produzieren. Die Flugkörper gelten dank ihrer präzisen „Hit-to-Kill“-Technologie als besonders geeignet zur Abwehr ballistischer Raketen. Die Pläne haben sich bislang allerdings nicht verfestigt. Markus Schiller, der an der Universität der Bundeswehr München zu Fernflugkörpern lehrt, kritisiert die grundsätzlich langwierigen Genehmigungsverfahren in Deutschland. Selbst wenn die Amerikaner grünes Licht für weitere Patriot-Standorte in der Bundesrepublik geben würden, müsste die Industrie „eine Behördenrallye ohnegleichen“ durchlaufen.Zumindest haben die USA, Deutschland, Polen, die Niederlande und Schweden auf dem NATO-Gipfel in Ankara im Juli eine Vereinbarung über die Einrichtung eines Wartungszentrums für PAC-3-Flugkörper in Europa unterzeichnet.Russland nützt die Lücke gnadenlos ausDeutlich weiter ist man in Schrobenhausen, wo seit 2024 am Ausbau des Standortes für Patriot-Raketen gearbeitet wird. Vom Ende dieses Jahres an soll dort die PAC-2-Produktion anlaufen, die ersten Lieferungen sind für 2027 geplant. Die weltweite Produktionskapazität werde sich dadurch deutlich erhöhen, heißt es aus Berlin. Deutschland, Spanien, die Niederlande, Rumänien und Schweden haben bereits insgesamt 1000 Patriot-Raketen in Schrobenhausen bestellt. Aus dem bayerischen Rüstungswerk dürften auch die 600 PAC-2-Raketen kommen, die Deutschland der Ukraine nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj in den kommenden zwei Jahren zugesichert hat.Für die europäische Rüstungsindustrie ist das Projekt in Schrobenhausen ein wichtiger Schritt. Für die Ukraine kommt er jedoch zu spät: Russland nutzt die derzeitige Lücke in der ballistischen Raketenabwehr gnadenlos aus. Wie dramatisch die Lage ist, schilderte ein ukrainischer Chefingenieur einer Flugabwehrbatterie kürzlich dem Sender CNN: Er habe seit sechs Wochen kein Patriot-Startgerät mehr feuern sehen. „Ballistische Raketen fliegen über deinen Kopf hinweg, und du kannst nichts dagegen tun – und hinter dir befinden sich Zivilisten.“ Selenskyj hat den Bedarf für diesen Winter auf mindestens 300 PAC-3-Raketen beziffert; das entspräche rund der Hälfte der derzeitigen globalen Jahresproduktion. Das werde nicht einfach, räumte er ein.Ob etwa Deutschland kurzfristig weitere Flugkörper liefern könnte, ist fraglich. Berlin hat der Ukraine bereits mehrere vollständige Patriot-Batterien sowie Raketen übergeben. Der deutsche Brigadegeneral Jürgen Schrödl sagte laut „Politico“ im Juli: „Wir stoßen hier wirklich an unsere Grenzen.“ Man müsse auch für seinen eigenen Schutz sorgen. Auch muss die Bundeswehr ihre Verpflichtungen im Rahmen der NATO-Luftverteidigung erfüllen.„Wir brauchen mehr“Zwar erklärte Selenskyj am Dienstag, dass „ein paar weitere“ Patriot-Raketen in der Ukraine eingetroffen seien, ohne den Lieferanten zu nennen. Aber: „Wir brauchen mehr.“ Für schnelle Hilfe bleiben Kiew wohl nur zwei Optionen: Nachschub aus den Beständen der USA oder verbündeter europäischer Staaten, die bislang nur zaghafte oder gar keine Patriot-Unterstützung geleistet haben. Nichts davon zeichnet sich bislang ab.Der amerikanische Präsident Donald Trump hat nach einem Bericht der „Financial Times“ bei einem Treffen im Weißen Haus Ende Juli eine Anfrage Selenskyjs nach mehreren Hundert Abfangraketen abgelehnt. Als Gründe nannte die Zeitung unter Berufung auf mit den Gesprächen vertraute Personen die knappen Bestände und Washingtons Eigenbedarf im Krieg gegen Iran. Auf der anderen Seite steigt der Druck auf europäische Verbündete, die wohl noch Patriot-Raketen abgeben könnten. Die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen erklärte, dass westliche Staaten durchaus weitere Flugkörper an die Ukraine liefern könnten. „Sofern der politische Wille dazu da ist“, fügte sie hinzu.Dänemark, das selbst keine Patriots besitzt, könne nicht helfen. Aber wenn man nichts unternehme, „steht der Ukraine ein Winter bevor, in dem die Russen unerbittlich zuschlagen, bombardieren – auch mit ballistischen Raketen – und viele Menschen töten werden“. Frederiksen nannte keine bestimmten Länder, aber die Erwartungen richten sich insbesondere an Griechenland und Spanien. Schon in der Vergangenheit hat etwa Deutschlands Verteidigungsminister Boris Pistorius sein Unverständnis über ausbleibende Lieferungen geäußert. Jedoch gibt es bislang weder aus Athen noch aus Madrid öffentliche Anzeichen, die auf einen baldigen Patriot-Nachschub für Kiew schließen lassen.Ein SAMP/T-System in Polen 2014ReutersBleibt ein europäischer Hoffnungsträger: SAMP/T, ein französisch-italienisches Produkt, das als ernsthafte Alternative zu den Patriots gilt. Fachleute wie Markus Schiller gehen davon aus, dass es trotz anfänglicher Softwareprobleme mittlerweile bei der Verteidigung ballistischer Raketen mit dem amerikanischen System konkurrieren kann. „Warum auch nicht? Jeder weiß, wie es theoretisch funktioniert.“ Die Ukraine besitzt bereits mehrere Batterien und soll von 2027 an die neueste Generation SAMP/T NG erhalten. Das Problem: Von den dazugehörigen Aster-30-Abfangraketen werden noch weniger hergestellt als vergleichbare Flugkörper für die Patriots. Das Fachportal „Hartpunkt“ schätzt, dass die Produktion jener Aster-30-Varianten, die ballistische Raketen abwehren können, im Jahr 2026 bei 230 bis 270 Stück liegt.Der Hersteller plant, die Rate massiv hochzufahren. Und auch Deutschland prüft den Einstieg in die Produktion. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat Berlin im Juli ein entsprechendes Angebot unterbreitet. Boris Pistorius zeigte sich grundsätzlich offen dafür. Er sagte aber auch mit Blick auf die Patriots, die die Bundeswehr derzeit nutzt: „Es ist nicht ohne Weiteres und vor allen Dingen nicht leicht vorstellbar, mit zwei verschiedenen Systemen innerhalb der Streitkräfte zu arbeiten.“ Dennoch sollte man das französische Angebot „sehr, sehr ernst nehmen“, so der deutsche Minister, und sich inhaltlich damit auseinandersetzen. „Ohne dass ich heute schon sagen könnte, mit welchem Ergebnis.“Schiller kann Pistorius’ Einwand nachvollziehen: „Mit zwei Systemen macht man sich das Leben erst einmal nicht einfacher.“ Dafür bräuchte es komplett unterschiedliche Ausbildungslinien für die Soldaten, separate Strukturen, zusätzliche Wartung und Personal. Wenn ein Land aber tatsächlich verteidigungsbereit sein wolle, „nimmt es alles, was es kriegen kann“, betont Schiller. „Besser zwei Systeme als gar keins.“