KommentarEuropa handelt viel zu spät: Die Ukraine braucht jetzt eine bessere Raketenabwehr, nicht erst in einigen JahrenRusslands Raketen töten fast täglich Menschen. Umso schwerer wiegt das Versagen des Westens: Statt Soforthilfe gegen den Terror des Kremls bietet er den Ukrainern nur Versprechungen für die Zukunft.14.07.2026, 17.00 Uhr4 LeseminutenAmerikanische Patriot-Lenkwaffen wie diese sind ein bewährtes Mittel gegen russische Raketen. Doch die ukrainischen Patriot-Vorräte sind praktisch leer.Eloisa Lopez / ReutersEnergisch, zukunftsweisend, voller Tatendrang: So präsentieren sich westliche Staatsführer dem Publikum gerne – besonders dann, wenn sie in Wirklichkeit eklatante Versäumnisse kaschieren wollen. Auf den ersten Blick könnte man meinen, die Ukraine werde nun von allen Seiten mit Lösungen gegen die tödliche Bedrohung durch russische Raketen überhäuft. Doch der Schein trügt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Mit der systematischen Zerstörung von Kraftwerken, Gasspeichern und anderen Energieanlagen möchte Moskau das Land zur Kapitulation zwingen.Der Westen hat das Problem verschlafenDer ukrainische Präsident Wolodimir Selenski hat am Nato-Gipfel und am Montag in Paris beim Treffen der «Koalition der Willigen» inständig um Nachschub an Patriot-Lenkwaffen gebeten. Sie sind derzeit fast das einzige Mittel, um die wegen ihrer Sprengkraft gefürchteten ballistischen Raketen Russlands abzuwehren. Doch Selenski kam zweimal mit leeren Händen nach Hause. Vermutlich erhielt er von den Amerikanern und Europäern die Antwort, dass ihre eigenen Vorräte gefährlich knapp geworden seien. Im vergangenen Jahr hatten die USA wenigstens noch einige Patriot-Verkäufe bewilligt, aber seit dem enormen Verbrauch von 1700 solchen Lenkwaffen im Iran-Krieg – dies entspricht der Gesamtproduktion von etwa zwei Jahren – liefert Washington nicht einmal mehr gegen gutes Geld.Ob die westlichen Partner im Moment wirklich nichts tun können, lässt sich nicht überprüfen. Aber sicher ist, dass sie das Problem verschlafen haben. Den Aufbau zusätzlicher Produktionskapazitäten nahmen Amerikaner wie Europäer viel zu zaghaft in Angriff. Dabei mahnten Experten bereits in den ersten Kriegswochen, also vor mehr als vier Jahren, dass die Ukrainer bei der Flugabwehr Unterstützung brauchen.Damals lautete im Pentagon die erste Reaktion, dass die Lieferung von Patriots an Kiew überhaupt nicht infrage komme. Die Systeme seien viel zu kompliziert, als dass man sie den Ukrainern überlassen könne. Immerhin ist man von dieser Denkweise längst abgerückt. 2023 erhielt Kiew die ersten westlichen Flugabwehrsysteme; heute traut man dem Kriegsland sogar zu, sie selber in Lizenz herzustellen.Europa hat die Technologie, aber produziert zu wenigAber in den vergangenen Jahren wurde wertvolle Zeit vergeudet. Erst im Januar haben sich die USA zu einer langfristigen Verdreifachung der Produktion von Patriot-Raketen entschlossen. Auf europäischer Seite ging man ähnlich geruhsam vor. Die Produktion von Aster-Raketen für das italienisch-französische Abwehrsystem Samp/T wurde zwar angekurbelt, zudem geht nächstes Jahr in Deutschland eine Fabrik zur Patriot-Lizenzproduktion in Betrieb. Aber die Gesamtzahlen liegen weit unter dem Bedarf.Eine russische Rakete des Typs Iskander wird auf ein Startgerät geladen. Ballistische Raketen wie diese richten derzeit in der Ukraine die grössten Schäden an und werden nur in Ausnahmefällen abgewehrt.APEs entbehrt nicht der Ironie, dass die europäischen Hoffnungen nun ausgerechnet auf der Ukraine liegen: Deren Rüstungsindustrie hat sich unter dem Druck des Krieges als viel flinker erwiesen als die westliche Konkurrenz. Die am Montag in Paris ausgerufene Raketenabwehrallianz beruht im Kern auf dem Projekt Freya, einer Kooperation zwischen der Ukraine und westeuropäischen Partnern. Ziel ist es, eine günstigere Alternative zu Patriot zu beschaffen. Das ukrainische Rüstungsunternehmen Fire Point will in diesem Rahmen eine neue Abfangrakete namens FP-7.x entwickeln; westeuropäische Firmen sollen Komponenten wie Radare und die Technologie für die präzise Navigation beisteuern.Kein Wunder über Nacht möglichDoch bis zum serienmässigen Einsatz gegen Russland dürften Jahre vergehen, auch wenn Selenski voller Optimismus lediglich zwölf Monate veranschlagt. Der Aufbau der erwähnten Patriot-Fabrik in Bayern ist seit 2024 im Gang – und dies, obwohl es um eine bereits entwickelte Technologie geht. Die Produktion der Waffen selber ist ebenfalls sehr zeitaufwendig; bei den Patriots beispielsweise dauert allein die Herstellung des Raketenmotors zweieinhalb Jahre.Dies zeigt, dass sich die Produktionszahlen nicht über Nacht hochfahren lässt. Auf Wunder braucht niemand zu hoffen, wenn Regierungen es versäumen, die Weichen frühzeitig zu stellen. So erfreulich es ist, dass die Ukraine nun in einen gesamteuropäischen Industrieverbund integriert wird und damit zum De-facto-Mitglied der Nato avanciert: Für den fehlenden westlichen Weitblick wird die Ukraine noch eine ganze Weile die Zeche bezahlen, in Form von vielen Todesopfern und zerstörter Infrastruktur.Passend zum Artikel
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