Der rot-grüne Zürcher Stadtrat experimentierte auf der Bellerivestrasse mit einem Spurabbau. Jetzt beerdigt er die IdeeAuf der Einfallsachse vom rechten Seeufer her in die Stadt gilt bald wieder freie Fahrt.24.08.2026, 17.00 Uhr4 LeseminutenWährend der Bauzeit verkehrten nur unwesentlich weniger Fahrzeuge auf der Bellerivestrasse.Silas Zindel für NZZNun geht es mit einem Mal rasch vorwärts an der Bellerivestrasse. Rund ein Jahr lang wurde die zentrale Einfallsachse vom rechten Seeufer her in die Stadt in Schmalspurversion geführt – auf je einer statt zwei Spuren pro Fahrtrichtung. Dieser Zustand hätte noch bis Ende Jahr andauern sollen. Nun aber sind die städtischen Bauarbeiter rascher vorangekommen als geplant.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Schon ab Montag, 7. September, wird der Verkehr wieder wie gewohnt auf vier Spuren rollen, vier Monate früher als angekündigt. Nicht weniger überraschend ist, dass es bei diesem Regime bleiben wird. Die Stadt verzichtet nämlich auf einen umstrittenen Verkehrsversuch, den sie jahrelang auf der Bellerivestrasse geplant hatte. Dieser Versuch hätte erneut einen Spurabbau von mehreren Monaten mit sich gebracht.Stadtrat beerdigt Idee – und schweigt darüberMit dem Verkehrsversuch hätte die Stadt wissenschaftlich testen wollen, ob eine Halbierung der Fahrspuren dauerhaft machbar sei. Auf dem frei gewordenen Strassenraum hätte ein breiter Veloweg gebaut werden sollen. Ein solcher fehlt heute: Ein einst geplanter Veloweg am Strassenrand ist am Widerstand der Grünen gescheitert, da dafür Bäume hätten gefällt werden müssen.Die Idee eines Verkehrsversuchs hat die Stadtzürcher Politik jahrelang beschäftigt – und ebenso die Verwaltung, die dazu mehrere Studien in Auftrag gab. Der damalige Tiefbauvorsteher Richard Wolff (AL) kündigte den Versuch vor sechs Jahren an einer Parlamentssitzung beiläufig an – und stiess Gewerbetreibende und Anwohner, mit denen er noch in Verhandlungen stand, vor den Kopf.Ein zweiter Anlauf unter der Sicherheitsvorsteherin Karin Rykart (Grüne) scheiterte an der Kantonspolizei: Diese verweigerte die Genehmigung. Darum wiederum stritten sich Stadt und Kanton juristisch, ein letztinstanzliches Urteil stand in weiter Ferne.In diesem Frühsommer hat der Gesamtregierungsrat als erste Rekursinstanz bekräftigt, dass die Stadt den Versuch nicht durchführen darf. Und jetzt hat der rot-grüne Stadtrat den Entscheid überraschenderweise akzeptiert. Dies hat die Stadt freilich nie offiziell mitgeteilt, sondern lediglich auf einer städtischen Homepage einen Vermerk hinterlassen. Dort steht als Grund einzig die absehbare lange Dauer eines Gerichtsverfahrens. Auf Anfrage kommentiert die Stadt den Entscheid darüber hinaus nicht.Zwar stellt die Stadt ein neues Strassenbauprojekt in Aussicht. Trotz der Notsanierung sind mittelfristig noch weitere Werkleitungsarbeiten nötig. Details zu diesem Projekt gibt die Stadt nicht bekannt. Aber nachdem sie schon mit ihrer Idee für einen Versuchsbetrieb juristisch aufgelaufen ist, wäre es überraschend, wenn sie ein Bauprojekt mit einem Spurabbau vorlegen würde.Der Rückzug ist bemerkenswert. Die Stadt streitet seit Jahren mit dem Kanton in Verkehrsfragen. Nun verzichtet sie darauf, das Verdikt des Regierungsrats von unabhängiger Seite, nämlich dem Verwaltungsgericht, prüfen zu lassen. Eine Rolle könnte dabei der Grundsatzentscheid spielen, den das Verwaltungsgericht kürzlich in der Causa Neumühlequai gefällt hat. Er besagt, dass der Kanton die klare Oberaufsicht auf Hauptverkehrsachsen hat.Auf Anfrage der NZZ zeigen sich auch die Grünen, die sich jahrelang für den Spurabbau-Versuch eingesetzt haben, «erstaunt», wie der Co-Präsident Eticus Rozas sagt. Andererseits sei es bei der jetzigen ideologischen Ausrichtung des Regierungsrats nachvollziehbar, dass man einen weiteren Konflikt der Stadt mit dem Kanton vermeiden wolle. Man werde das Thema im Stadtparlament aber eng begleiten.Interessant ist, dass gerade die jetzige Notsanierung zur Annahme verleiten könnte, dass ein Spurabbau ohne weiteres machbar wäre. Zu Beginn der Baustelle im August vor einem Jahr war es zwar zu erheblichen Störungen, ja chaosartigen Zuständen gekommen: zu langen Staus auf der Bellerivestrasse sowie zu Dauerkolonnen in den Quartierstrassen des Seefelds. Doch nach ein paar Wochen hatte sich das neue Regime eingespielt.Bei den Seegemeinden, die anfangs grosse Befürchtungen hinsichtlich der Baustelle hegten, fällt das Fazit heute sogar ausserordentlich positiv aus. Peter Zimmermann, Leiter Sicherheit sowie Polizeichef der Gemeinde Zollikon, sagt auf Anfrage: «Die Zufahrt ist derzeit sogar besser als vor der Einrichtung der Baustelle.»Aber die jetzige Notsanierung, ausgelöst durch mehrere Wasserrohrbrüche, lässt sich nicht mit einem dauerhaften Spurabbau vergleichen. Derzeit hat die Stadt nämlich die meisten Fussgängerübergänge sowie die meisten Zufahrten aus dem Seefeld aufgehoben. Als Folge konnten Automobilisten vom rechten Seeufer her zügig und ohne Unterbruch Richtung Bellevue zufahren. Die eine verbliebene Fahrspur wurde somit effizienter genutzt. Dies erklärt auch, weshalb die Zahl der Fahrzeuge nur leicht gesunken ist, von rund 15 000 Fahrzeugen pro Fahrtrichtung und Tag auf rund 14 000.Doch Fussgängerübergänge und Zufahrten aus dem Quartier können nur bei einem temporären Bauprojekt gesperrt werden. Sind diese in Betrieb, ändert dies die Ausgangslage erheblich.Stadt bestätigt AusweichverkehrDie Verlierer des Baustellenregimes waren in erster Linie die Bewohnerinnen und Bewohner des Seefelds. Automobilisten aus dem Seefeld mussten für manche Destinationen das Dreifache des bisherigen Fahrwegs zurücklegen. Und auf Quartierstrassen, besonders auf der Seefeld- und der Dufourstrasse, gab es deutlich mehr Verkehr, wie Martin Schmid, Co-Präsident des Quartiervereins Riesbach, festgestellt hat.Dies deckt sich mit der Einschätzung der Stadt: Ausweichverkehr habe es bei Behinderungen auf der Bellerivestrasse während der Hauptverkehrszeiten gegeben, heisst es auf Anfrage.Schmid sagt, es habe ihn positiv überrascht, wie effizient der Verkehr nach einer chaotischen Anfangsphase auf zwei Spuren habe abgewickelt werden können. Doch das eigentliche Problem sei aus Sicht des Quartiers ungelöst. «Es hat zu viele Autos, die in Richtung Stadt unterwegs sind.»Es brauche ein Umdenken bei den Verkehrsteilnehmern, sagt Schmid – schliesslich sei die Stadt vom rechten Seeufer her gut erschlossen mit dem öV. Die Hoffnung, dass manche während der einjährigen Bauzeit ihr Mobilitätsverhalten geändert haben, will Schmid nicht ganz aufgeben. Aber er ist skeptisch. «Ich fürchte, dass sich die meisten sagen werden: Alles wie gehabt.»Passend zum Artikel
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