Eine radikale Idee sorgt für Kontroversen: In Basel soll die Innenstadt sogar vom öffentlichen Verkehr befreit werdenWeil zu viele Trams durch die Basler City kurven, kommt es jetzt zur Gegenbewegung: Die Altstadt soll zur Fussgängerzone ohne Drämmli werden. Idee und Unterstützung kommen von überraschender Seite.24.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenTram beim Bankverein: Bei dichtem Verkehr sprechen die Basler von der «grünen Wand».Martin Ruetschi / KeystoneNeben ihrem Fussballklub haben die Baslerinnen und Basler kaum etwas so lieb wie ihre «Drämmli». Es ist weit mehr als ein gewöhnliches Nahverkehrsmittel. In Schnitzelbängg an der Fasnacht werden sie besungen und wegen der Verspätungen liebevoll verspottet. Als noch Postkarten versandt wurden, gehörte das Tram zu den beliebtesten Sujets. Und das unverkennbare Grün, in dem die Fahrzeuge seit über 130 Jahren gestrichen sind, ist beinahe so identitätsstiftend wie der rote Sandstein des Rathauses und des Münsters.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Umso revolutionärer mutet eine Volksinitiative an, mit der sich die Basler Politik nach den Sommerferien befassen muss. Wenn es nach einem überparteilichen Komitee geht, sollen die Trams weitgehend aus der Basler Altstadt verschwinden. Eine der bekanntesten und am meisten frequentierten Haltestellen – jene am Marktplatz – soll vollständig aufgehoben werden.Zwischen dem Barfüsserplatz und der Schifflände, wo heute insgesamt sieben Linien verkehren, würde es gemäss den Vorstellungen der Initiantinnen und Initianten in Zukunft keine direkte Tramverbindung mehr geben. Stattdessen: Fussgängerzonen, Flaniermeilen, malerische Pflastersteine, Wasserspiele, Strassencafés und viele Pflanzen. Basel soll nicht weniger als «die grünste Stadt der Schweiz» werden.Moritz Suter sammelt UnterschriftenHinter der Utopie stehen bekannte Basler Namen. Ursprünglich geht die Idee auf den Crossair-Gründer Moritz Suter zurück, der nach seinem Engagement bei der «Basler Zeitung» weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden ist und nun plötzlich wieder für Aufsehen sorgt. Auslöser soll ein Beinahe-Unfall gewesen sein, bei dem Suter eine Frau im letzten Moment vor einem in einer Geschäftsstrasse heranrollenden Tram retten konnte.Darauf hat Suter seine Idee mit den beiden Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron besprochen. Zusammen mit Politikern aus allen Lagern lancierte das Trio kurzerhand eine Volksinitiative für die tramfreie Innenstadt. Dass dieses Projekt für Suter eine Herzensangelegenheit ist, zeigt sich schon allein daran, dass der 82-Jährige in Basels Strassen regelmässig höchstpersönlich beim Sammeln von Unterschriften anzutreffen war.Das Projekt sieht vor, dass die Innenstadtlinien halbkreisförmig um das Zentrum herumgeführt werden, beispielsweise via Kohlenberg und Petersgraben. Dazu müsste ein einziger neuer Streckenabschnitt gebaut werden, den die Basler Verkehrsbetriebe (BVB) allerdings im Rahmen einer Erneuerung des Tramnetzes ohnehin planen. Die Kosten sollen sich dadurch in Grenzen halten, auch wenn die Initianten keine genauen Zahlen nennen.Auch die Fahrzeiten sollen nur minimal länger werden. Ausserdem werde das Netz wieder verlässlicher, weil Kundgebungen oder Veranstaltungen im Stadtkern einfacher umfahren werden könnten. Um auch älteren oder gehbehinderten Personen den Zugang zur Innenstadt problemlos zu ermöglichen, ist ein Shuttle-Angebot mit elektrischen Kleinbussen geplant.Ärger über die «grüne Wand»Betroffen wäre das städtische und touristische Zentrum, wo sich viele Geschäfte befinden, die eigentlich auf gute Anschlüsse angewiesen sind. Mit dem Auto ist diese Gegend schon lange nicht mehr erreichbar, Tram und Velo sind heute die einzigen erlaubten Fahrzeuge. Umso bemerkenswerter erscheint es deshalb, dass im Initiativkomitee gleich mehrere Gewerbler und Geschäftsinhaber sitzen.Ihr Geschäft stehe seit über hundert Jahren in der Stadt, sagt beispielsweise Jacqueline Ullrich vom gleichnamigen Wein- und Spirituosengeschäft. Sie gehört zu den treibenden Kräften im Komitee. «Es braucht wieder mehr Lebensqualität in der Basler Innenstadt, mehr Raum für Menschen und Begegnungen – und keine Tramwand.» Auch der Wirteverband wirbt aktiv für das Vorhaben.Tatsächlich fahren die Trams zeitweise in so hoher Frequenz durch die Geschäftsstrassen, dass einem der Spass am Schlendern und Einkaufen vergehen kann. An neuralgischen Stellen wartet man zeitweise minutenlang, bis alle Trams vorbeigefahren sind und man die Strasse endlich überqueren kann. Die sonst so geliebten Drämmli werden deshalb oft als «grüne Wand» bejammert – ein Ausdruck, der unter Basler Verkehrspolitikerinnen und -politikern längst zum festen Vokabular zählt.Weil die Strecke so stark befahren ist, kommt es zudem häufig zu Bauarbeiten an der Infrastruktur. Während der diesjährigen Sommerferien beispielsweise ist die gesamte Strecke zwischen Barfüsserplatz und Marktplatz für den Tramverkehr gesperrt – eine Belastung für die anliegenden Geschäfte.Eine «irrwitzige Idee»Noch steht die Debatte erst ganz am Anfang: Zunächst ist der Regierungsrat am Zug, dann folgt das Parlament. Entweder kommt die Initiative direkt zur Abstimmung, oder es werden zuerst vertiefte Abklärungen vorgenommen und ein Gegenvorschlag ausgearbeitet. Die Initianten hoffen, dass die Umgestaltung der Innenstadt innert vier bis fünf Jahren nach der Annahme der Initiative umgesetzt werden könnte.Doch so verführerisch das Konzept erscheint, für das die Initiantinnen und Initianten mit idyllisch wirkenden Bildern werben: Wie gross die Realisierungschancen sind, ist völlig offen. Je utopischer eine Idee, desto grösser sind die Bedenken, das gilt auch für Basel: So befürchten viele ältere Personen, dass die Stadt für sie trotz möglichen Zusatzangeboten nur noch eingeschränkt zugänglich wäre.Die Initianten befeuerten diese Befürchtungen indirekt selber, indem sie auf ihren Visualisierungen fast nur junge Menschen zeigten. Die Interessengemeinschaft für den öffentlichen Verkehr Nordwestschweiz spricht gar von einer «irrwitzigen Idee»: Während andere Städte in Europa neue Tramlinien bis in die Innenstädte bauten, würde die Initiative ein bewährtes und sehr gut frequentiertes Tramnetz vernichten, argumentiert sie.Vielleicht aber obsiegen zum Schluss nicht die rationalen Argumente, sondern ganz einfach die grosse Liebe am Rheinknie zum Tram – oder wie es eine junge Passantin formuliert: «Warum soll man das Drämmli verbannen? Es gehört doch zu Basel!»Passend zum Artikel