Rot-Grün forciert in Zürich die «Verkehrswende». Die Stadträtin Simone Brander verspricht aber treuherzig: «Wir werden niemandem das Auto wegnehmen»Das Zürcher Stadtparlament unterstützt eine autofeindliche Volksinitiative. Das ist ganz im Sinne des Stadtrats. Er träumt von Zuständen wie in den 1940er Jahren.01.07.2026, 21.43 Uhr4 LeseminutenSimone Brander, Vorsteherin des Stadtzürcher Tiefbaudepartements, im leeren Velotunnel unter dem Hauptbahnhof.KeystoneSimone Brander hat einen Traum. Die Stadt Zürich soll wieder so werden, wie sie es vor achtzig Jahren war – zumindest auf den Strassen. Damals, in den 1940er Jahren, seien Autos im Stadtbild «ein Ereignis» gewesen. Das erzählte die SP-Stadträtin am Mittwochabend im Parlament. Die Strassen seien leer gewesen – «ein echter öffentlicher Raum und kein exklusives Terrain für den motorisierten Individualverkehr». Sogar Platz zum Spielen habe es gegeben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Brander nannte Zahlen. Vor achtzig Jahren hätten bloss 6 von 1000 Zürchern ein Auto besessen, heute seien es 300 – «also 50 Mal so viele». Darum, so die Schlussfolgerung der Stadtzürcher Verkehrsministerin, seien andere Verhältnisse durchaus denkbar. Ein Zürich mit markant weniger Autos, das sei «kein utopischer Zustand, sondern eine Rückkehr zu Verhältnissen, die noch nicht lange zurückliegen».Beschleunigen soll die Zeitreise in die verkehrspolitische Vergangenheit eine Volksinitiative. «Strassenräume für alle!» lautet sie. Oder kurz: Verkehrswende-Initiative. Eingereicht haben sie links-grüne Kreise. Am Mittwoch hat das Parlament darüber verhandelt.Etwas absurd an der Debatte war, dass der Stadtrat und eine klare Mehrheit im Parlament den Kern der Initiative vollumfänglich unterstützten. Normalerweise wird das Mittel der Volksinitiative von Gruppierungen genutzt, die mit ihren Anliegen in der offiziellen Politik nicht durchdringen.Anders in der Stadt Zürich. Hier wird bekräftigt, was ohnehin schon Regierungsprogramm ist. Konkret fordert die Initiative, dass sich die Stadt «mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln dafür einsetzt, dass das Stadtgebiet grossflächig möglichst autofrei wird». Immerhin: Der «nicht vermeidbare Motorfahrzeugverkehr» soll weiterhin möglich sein. Geschont werden sollen konkret das Gewerbe, der öffentliche Verkehr, die Blaulichtorganisationen, Menschen mit Mobilitätseinschränkung und Beschäftigte in Nachtarbeit.SVP sieht «Autohasser» am WerkDie Initianten haben die Ausnahmen und vagen Formulierungen mit Absicht gewählt. So wollten sie verhindern, was einer geistigen Vorgängerin der Verkehrswende-Initiative zum Verhängnis wurde. Vor sechs Jahren hatte das Bundesgericht die Juso-Initiative «Züri autofrei» für ungültig erklärt. Sie hatte übergeordnetem Recht widersprochen.Zweifel an der Gültigkeit der Neuauflage gab es im Stadtparlament keine. Alle Parteien sahen sie als gegeben. Sehr unterschiedlich bewerteten sie aber den Inhalt der Initiative.Für Martina Zürcher (FDP) war klar: Die Stadt braucht kein «Züri autofrei – reloaded». Die Initiative beschneide die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger. Es gebe Leute, die auf das Auto angewiesen seien. Das Verhalten der links-grünen Seite bezeichnete Zürcher als «überheblich und unsachlich». Und zudem als rückwärtsgewandt. Im Kanton Graubünden habe bis 1925 ein Autoverbot geherrscht – das sei nun aber auch über hundert Jahre her. Die Verkehrswende-Initiative sei aus der Zeit gefallen.Stephan Iten (SVP) sah es ähnlich. Die linken Parteien – inklusive GLP – seien «Autohasser». Mit der Initiative wolle man all jene aus der Stadt vertreiben, die politisch nicht genehm seien. «Sie wollen nur noch Chrütliverkäufer mit Velo.» Die Linke gebe vor, «Quartiere für Menschen» gestalten zu wollen. Ihr sei aber offensichtlich nicht bewusst, dass Autofahrer auch Menschen seien.Die Mitte-Fraktion war ebenfalls kritisch. Karin Weyermann sprach von einer «Verbannung des Autos», was dazu führe, dass gleichzeitig ganz viele Leute aus der Stadt mitverbannt würden. Dies störe die «angeblich so Toleranten» auf der linken Seite wenig.GLP lässt sich ein Hintertürchen offenDie Bürgerlichen waren laut, hatten einen schweren Stand. Ihnen stand eine geballte rot-grüne Verkehrsphalanx entgegen. Severin Meier (SP) lobte das Anliegen der Initianten. Nicht jedes Auto sei ein Problem, aber jedes Auto am falschen Ort schon, sagte er. In Wohnquartieren brauche es eine deutliche Reduktion des Autoverkehrs. «Ein Quartier sollte keine Abkürzung für Autos sein.» Dort müsse das Quartierleben Vortritt haben. Der Stadtrat solle den Spielraum, den er habe, mutig nutzen – namentlich auf Quartierstrassen. So soll er sogenannte Quartierblöcke vorantreiben, also Gebiete, in denen quartierfremder Autoverkehr grundsätzlich verboten ist.Simone Widmer (Grüne), eine neu gewählte Gemeinderätin und Mitinitiantin, sprach davon, dass Zürich die Verkehrswende nicht verschlafen dürfe. Es brauche eine Neuorganisation des Strassenraums – «verbindlich, sozial und ausgewogen». Und Michael Schmid (AL) verwies darauf, dass die Bevölkerung in der Vergangenheit mehrfach ähnliche Anliegen an der Urne unterstützt habe. Die Bürgerlichen hätten dies offensichtlich nicht zur Kenntnis genommen.Die GLP stellte sich ebenfalls hinter die autofeindliche Initiative. Sie liess sich jedoch ein Hintertürchen offen. Man wolle schauen, welche Umsetzungsvorlage der Stadtrat präsentiere, sagte Patrick Stählin. Ob man das Resultat dann immer noch unterstütze, werde man prüfen müssen.Brander macht sich an die UmsetzungEine Mehrheit von 70 zu 45 Stimmen sprach sich schliesslich nach einer längeren Debatte für die Verkehrswende-Initiative aus, die als allgemeine Anregung formuliert ist. Als Nächstes wird der Stadtrat nun eine Umsetzungsvorlage mit Gegenvorschlag erarbeiten. Am Ende wird das Stimmvolk entscheiden.Den Gegenvorschlag formuliert der Stadtrat, weil er «einfacher und schneller» umsetzbar wäre als die Initiative und weniger Rechtsstreitigkeiten drohten. Er wird sich auf kommunale Strassen fokussieren.Die SP-Stadträtin Simone Brander wird sich noch so gerne an die Arbeit machen. Den Weg sieht sie vorgespurt: «Eine Stadt mit weniger Autos ist eine bessere Stadt für alle», sagte sie. In diese Richtung wolle man weitergehen – etwa durch zusätzliche «Umwidmung von Parkplätzen auf öffentlichem Grund». So könnte eine Fläche von bis zu siebzig Fussballfeldern freigespielt werden.Immerhin ein Versprechen gab die resolute Verkehrsministerin ab: «Wir werden niemandem das Auto wegnehmen.» Dies könne und wolle man nicht. Den Strassenraum «besser nutzen» aber sehr wohl. Was Brander wohl meint: so wie einst zu Grossmutters Zeiten.Passend zum Artikel