Mehr Platz für Velos und Fussgänger, keiner mehr für Autos: Der Kanton erlaubt der Stadt, den Verkehr am Bahnhof Stadelhofen neu zu regelnDer Entscheid im Zürcher Kantonsparlament fiel knapp aus und zeigt: Das Misstrauen gegenüber den Verkehrsplanern der Stadt ist bei bürgerlichen Politikern gross.29.06.2026, 15.04 Uhr4 LeseminutenHier soll es keinen motorisierten Individualverkehr mehr geben: Auf der Strasse links im Bild fahren heute die Autos stadteinwärts.Michael Buholzer / KeystoneEs leuchtet schon ein, warum jemand auf den Gedanken kam, den motorisierten Individualverkehr künftig vom Zürcher Bahnhof Stadelhofen fernzuhalten. Hier kommt auf engstem Raum wirklich alles zusammen, was sich bewegt: Autos und Lastwagen, S-Bahn-Züge im Minutentakt, mehrere Tramlinien, die Forchbahn, Velos von einer nahen Schnellroute. Kreuz und quer dazu wuseln all jene Menschen über den Platz, die diesen Fahrzeugen entstiegen sind. Mehr Verkehrsknoten geht kaum.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Trotzdem gab die geplante neue Verkehrsführung, die Autos um diesen Brennpunkt herumlotsen soll, am Montag im Zürcher Kantonsparlament zu reden. SVP und FDP befürchteten einen überstürzten Vorentscheid, bevor sauber geklärt ist, ob die Rechnung wirklich aufgeht. Darum sträubten sie sich gegen einen entsprechenden Eintrag im kantonalen Richtplan und wollten die Sache zur erneuten Prüfung an die zuständige Kommission zurückweisen.In der Debatte wurde rasch klar, was dahintersteht: ein tiefes Misstrauen gegenüber der Stadt Zürich in Verkehrsfragen. Denn obwohl es sich bei den betreffenden Strassen um kantonale Hauptverkehrsachsen handelt, liegt die Projektverantwortung bei den städtischen Fachleuten. Diese haben erst kürzlich viel Ärger ausgelöst, als sie auf dem Neumühlequai eine Autospur nahe dem Autobahnende eigenmächtig zu einem Veloweg machten – was inzwischen korrigiert worden ist.Der SVP-Verkehrspolitiker Ulrich Pfister aus Egg betont zwar, dass er die komplexe Verkehrssituation am Stadelhofen anerkenne und nicht grundsätzlich gegen eine Umleitung der Autos sei. Er warnt aber davor, diese vorschnell in den Richtplan einzuzeichnen, der behördenverbindlich ist. «Wenn so etwas erst einmal dort drinsteht, kann sich die Stadt Zürich künftig immer darauf berufen – dann lässt sich nichts mehr korrigieren», sagte er auf Anfrage.Statt bis zum Opernhaus geht es früher hinunter zum SeeHeute fahren Autos vom Kreuzplatz her stadteinwärts Richtung Stadelhofen und biegen dann kurz vor dem Bahnhof scharf links ab in die Falkenstrasse, die hinter dem Opernhaus an den See führt. Diesen Durchgangsverkehr will die Stadt umleiten, weil sie annimmt, dass sich das Gewimmel in den kommenden Jahren stark intensiviert.Hintergrund ist der Bau des vierten Bahngleises, der bis in zehn Jahren abgeschlossen sein soll. Für das Jahr 2050 werden statt der heute 80 000 Passagiere 130 000 pro Tag prognostiziert – und vor dem Bahnhof entsprechende Fussgängerströme.Künftig sollen die Autos nach den Plänen der Stadt schon am Kreuzplatz Richtung See abbiegen. Sie würden über die Kreuzstrasse geleitet, auf der es heute zweispurig stadtauswärts geht. Dort gäbe es also in jede Richtung nur noch eine Fahrbahn.Die Stadt verspricht sich davon eine Beruhigung der Strassenzüge hinter dem Opernhaus. Die Falkenstrasse etwa, an der sich auch der Sitz der NZZ befindet, wäre keine kantonale Hauptverkehrsstrasse mehr, sondern sieht auf ersten Ideenskizzen mehr nach einer Flaniermeile aus. Der Klosbach, der sich heute eingedolt unter dem Asphalt befindet, könnte in der Mitte der Strasse an die Oberfläche geholt werden, wo auch zusätzliche Bäume angedacht sind. Beidseits davon bliebe viel Platz für Fussgänger und eine geplante Velovorzugsroute.Die Kantonsregierung hat die entsprechende Teilrevision des Richtplans bewilligt, das städtische Tiefbauamt prüft derzeit verschiedene Varianten für die Umgestaltung. Geplant ist, dass es im Jahr 2031 an die Umsetzung geht.Walker Späh verspricht, genau hinzuschauenDie für die Strassen zuständige Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) versuchte die Gemüter im Parlament zu beruhigen: Stand jetzt gehe es noch nicht um ein konkretes Projekt. Ein Eintrag im Richtplan würde die Stadt lediglich dazu legitimieren, ein solches anzustossen.Wenn es einmal so weit sei, werde man selbstverständlich alle Details genau überprüfen, versprach Walker Späh. Insbesondere die Kompatibilität mit dem Anti-Stau-Artikel, den die Zürcher Stimmberechtigten in die Verfassung geschrieben haben. Dieser verbietet einen Kapazitätsabbau auf solchen Strassen, sofern er nicht anderswo kompensiert wird.Dieses Argument griff auch der grünliberale Kantonsrat Daniel Rensch auf, der wie andere Stadtzürcher Vertreter aus dem links-grünen Lager den städtischen Planern vertraut. Noch gehe es nicht um Details, sagte er, ein Nein würde die Verbesserung der Situation unnötig verzögern.Der FDP-Vertreter Marc Bourgeois, auch er ein Stadtzürcher, hielt dagegen – auch gegen die eigene Regierungsrätin. Es bestehe zwar Handlungsbedarf, räumte auch er ein. «Aber nicht so.»Was die Stadt auf der Kreuzstrasse vorhabe, die Reduktion von heute zwei Spuren auf eine, führe zwangsläufig zu kürzeren Grünphasen und damit zu mehr Verkehr und mehr Lärm im Quartier. Die vorgeschlagene Richtplanänderung sei losgelöst von der Realität.Die Stadt Zürich tue sich offenkundig schwer, in der Verkehrsplanung über den eigenen Tellerrand hinauszudenken. Bourgeois verwies nicht nur auf den Neumühlequai, sondern auch auf bereits realisierte Projekte in der Nähe des Bahnhofs Stadelhofen.So habe die Stadt zum Beispiel am Kreuzplatz jüngst eine Linksabbiegespur gestrichen, obwohl sie davor gewarnt worden sei, dass dies zu Schleichverkehr und verbotenen U-Turn-Manövern führen werde. Und genau so sei es jetzt gekommen. Die städtischen Planer täten deshalb gut daran, vermehrt auf die Quartierbevölkerung zu hören.Was das Linksabbiegeverbot am Kreuzplatz angeht, ist im Stadtparlament ein Vorstoss der SVP hängig, dieses aufzuheben. Er dürfte aber genauso scheitern wie der Widerstand von SVP und FDP im Kantonsparlament.Dieses entschied am Montag, die neue Verkehrsführung am Stadelhofen ohne Extrarunde in den Richtplan aufzunehmen. Allerdings denkbar knapp, mit 88 zu 87 Stimmen – weil mehrere abwesende Vertreter der Linken nur Sekunden vor Ablauf des Abstimmungs-Countdowns zurück in den Ratssaal geeilt waren.Passend zum Artikel