«NZZ Bellevue» feiert sein 10-Jahr-Jubiläum. Aus diesem Anlass stellen wir unsere «Bellevue»-Crew vor: zehn Persönlichkeiten aus der Schweiz, die mit ihrem Schaffen inspirieren. In dieser Folge erzählt die Poetin Anna Seidel, warum Schreiben für sie eine chronische Form der Wahrnehmung ist und welches Wort für sie ein ganzes Lebensmodell enthält.NZZ Bellevue: Sie schreiben Gedichte und organisieren Poetry-Dinners. Was fällt Ihnen leichter: sprechen oder schreiben?Anna Seidel: Schreiben.Welches Wort mögen Sie besonders?«Dennoch.» Es enthält Widerstand, Hoffnung und eine kleine Portion Trotz. Eigentlich ein ganzes Lebensmodell in sieben Buchstaben.Über das «Bellevue»-Crew-Mitglied: Anna Seidel – Poetin und Ökonomin Die Deutsch-Niederländerin Anna Seidel verbrachte einen Teil ihrer Kindheit in der Schweiz und studierte Wirtschaft und Philosophie, unter anderem in St. Gallen und an der Harvard University. Nach Stationen in der Finanzbranche vertiefte sie sich in Oxford in Literatur und Creative Writing. Ihre englischsprachige Lyrik erschien in internationalen Literaturzeitschriften, 2022 veröffentlichte sie den Gedichtband «Desiderium». Ökonomie und Poesie versteht sie dabei nicht als Gegensätze. Yulia Chinato Wann wussten Sie, dass Schreiben Ihre Berufung ist?Schreiben ist für mich weniger eine Entscheidung als eine chronische Form der Wahrnehmung. Schon im Kindergarten faszinierten mich Theater und Bühnengestaltung; später fühlte ich mich nirgends so zu Hause wie im Schreiben. Seit meinem zehnten Lebensjahr führe ich Tagebuch und halte fast zwanghaft kleine Beobachtungen fest. Berufung war es also immer – zum Beruf wurde es allmählich, als ich Formen entdeckte, Literatur und Lyrik über die geschriebene Seite hinaus lebendig werden zu lassen, in Räumen, auf Bühnen und online.Schreiben Sie lieber morgens oder nachts?Eher nachts.Gibt es einen Satz, der Sie schon lange begleitet?«Die Sprache ist eine Waffe, haltet sie scharf» von Kurt Tucholsky. Anna Seidel bei einer Lesung in der Ladbroke Hall in London. PD Die Dichterin bei einem Poetry-Dinner, das sie für die Schweizer Boutique-Agentur Villa Nomad hostete. PD Worauf sind Sie stolz?Darauf, dass ich Wirtschaft und Literatur nie als getrennte Räume verstanden habe. Zahlen vermessen, wie Wert entsteht; Sprache fragt, was dieser Wert bedeutet und für wen. Zwischen den beiden Welten zu arbeiten, hat mich gelehrt, zugleich präzise und offen zu denken.Und worauf sind Sie neidisch?Auf Menschen, die abends sofort einschlafen können.Was bedeutet für Sie das schöne Leben?Imagination, Kreativität und Neugierde – die Chance zu haben, etwas Neues lernen, entdecken und erleben zu dürfen. Das schöne Leben bedeutet für mich Abenteuer, ob durch Reisen oder durch Filme, Musik und Literatur. Anna Seidel arbeitete früher als Model. Yulia Chinato Welche Geschichte von «NZZ Bellevue» ist Ihnen besonders geblieben?Das tolle Interview mit Diane von Fürstenberg und auch das Gespräch von «NZZ Bellevue» mit der Direktorin der Solothurner Literaturtage, Reina Gehrig, und nicht zuletzt die spannende Reportage über Bücher in der Modewelt: «Haute Littérature: Warum Bücher und Mode so gut zusammenpassen».Wenn Sie unseren Leserinnen und Lesern nur einen Satz mitgeben dürften – welcher wäre das?Lesen Sie die Welt wie ein Gedicht: mit Geduld für das Unscheinbare, Neugierde für das Ungewisse und Vertrauen in die Zwischentöne.Über die «Bellevue»-Crew 10 Jahre – 10 spannende Menschen Die Schweizer Kreativszene prägt «NZZ Bellevue» seit dessen Gründung vor zehn Jahren. Anlässlich unseres Jubiläums haben wir zehn spannende Menschen zu ihrem Schaffen und ihrem Bezug zu unserem Portal befragt. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.
Die Poetin Anna Seidel: «Lesen Sie die Welt wie ein Gedicht»
«NZZ Bellevue» feiert sein 10-Jahr-Jubiläum. Aus diesem Anlass stellen wir unsere «Bellevue»-Crew vor. In dieser Folge spricht Anna Seidel über das Schreiben.










