NZZ Bellevue: Hat die Fotografie Ihren Blick auf die Welt verändert?Raphaela Pichler: Auf jeden Fall. Ich weiss nur nicht, ob ich die Fotografie zum Beruf gemacht habe, weil mich die Welt und das, was ich sehe, schon immer fasziniert haben. Oder ob die Fotografie meinen Blick dafür erst geschärft hat. Fotografie ist für mich letztlich ein Medium, um festzuhalten, was in der Welt passiert. Eine visuelle Spiegelung unserer Wirklichkeit.Was lehrt sie uns?Die Methoden und Übungen aus der Fotografie nutze ich heute in Workshops, etwa als Achtsamkeitsmethode oder in Innovationstrainings. Wenn man sich zum Beispiel die Aufgabe stellt, einen Gegenstand von allen Seiten, von oben und von unten zu fotografieren, ohne ihn zu bewerten, sondern nur zu beobachten und zu beschreiben, verändert sich der Blick. Man lernt, Dinge aus neuen Perspektiven zu betrachten und dadurch auch anders zu verstehen.Was sehen Sie, das anderen oft entgeht?Ich nehme Muster und Zusammenhänge wahr, die auf den ersten Blick oft unscheinbar wirken, und kann sie zu einem grösseren Gesamtbild verbinden. Dadurch werden Entwicklungen sichtbar, bevor sie für viele Menschen offensichtlich werden.Wofür kennt man Sie?Entweder durch meine fotografische Arbeit, heute vor allem Porträts von Persönlichkeiten für Brandmagazine, Geschäftsberichte und andere Kommunikationsformate, oder durch meine Tätigkeit im House of Change und dem dazugehörigen Kreativfestival. Dort beschäftigen meine Zwillingsschwester Marisa Burn und ich uns mit Fragen rund um Transformation und damit, wie wir mit kreativen Denkweisen, Methoden und Werkzeugen aus den Künsten Wandel selbstwirksam, innovativ und gemeinsam gestalten können.Raphaela Pichler (links) und Marisa Burn (rechts) arbeiten derzeit am House of Change Festival 2027, das Anfang April 2027 zum achten Mal stattfindet.Mirjam KlukaIn den letzten Jahren vielleicht auch durch meine künstlerisch-explorativen Installationen wie «Terms of Exposure», in denen ich mich mit KI-generierten Bildern und Identitätsrepräsentationen beschäftige.Was heisst das konkret?Im Zentrum stehen Bilder, die unsere Identitäten prägen und darstellen, sowie die Frage, wie Technologien, insbesondere generative KI, die Art und Weise verändern, wie wir uns zeigen. Mich interessiert, welche Vorurteile und Werte in Technologien eingeschrieben sind und wie stark wir diese «biases» in Abbildungen von uns akzeptieren und verinnerlichen. Mit meiner Arbeit möchte ich dazu anregen, darüber nachzudenken, wie wir Menschen uns im Zeitalter von KI darstellen.Was machen Sie, wenn Ihnen mal keine Ideen kommen?Eigentlich kommt das bei mir nie vor. Die meisten Ideen entstehen bei mir durch das Machen. Man folgt einer Intuition, probiert etwas aus und gelangt über ein Ergebnis oder auch über einen Fehler zum nächsten Schritt. Kreativität ist für mich weniger ein Geistesblitz als ein Prozess. Dazu kommt ein inneres Archiv aus Beobachtungen, Erfahrungen und Eindrücken, das ich über die Jahre aufgebaut habe und aus dem ich schöpfen kann.Wie wichtig ist es, die eigene Komfortzone zu verlassen?Wachstum entsteht immer dort, wo man Neuland betritt. Wer etwas Neues ausprobieren, hinterfragen oder gestalten möchte, muss die Komfortzone immer wieder verlassen. Für mich gehört das deshalb ganz selbstverständlich zum kreativen Arbeiten dazu. Der Prozess ist dabei nicht immer angenehm oder bequem. Er fordert einen heraus, verunsichert und zwingt einen oft dazu, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, denen man lieber ausweichen würde.Für ihr Kunstprojekt «Currency», ein fiktives Magazin, verwandelte sich die Fotografin jede Woche mit Make-up, Frisuren und Kleidung in ein anderes «Ich» und porträtierte sich selbst.Raphaela PichlerIch glaube, mit meiner künstlerischen Arbeit verlasse ich laufend meine Komfortzone. Jedes Mal, wenn man etwas Eigenes entwickelt und damit an die Öffentlichkeit tritt, macht man sich verletzlich und geht ein gewisses Risiko ein.Wie hat sich die Kreativbranche in den letzten zehn Jahren verändert?Viele Entwicklungen, die wir heute deutlich spüren, haben bereits vor fünfzehn oder zwanzig Jahren begonnen. Als selbständige Fotografin und Künstlerin habe ich diese Veränderungen unmittelbar miterlebt; den Übergang von analog zu digital, den Aufstieg der sozialen Netzwerke und die Verschiebung von klassischen Medien als Gatekeeper hin zu einer Demokratisierung von Reichweite und Aufmerksamkeit.Dadurch haben sich viele Bereiche geöffnet, und neue Generationen sowie unterschiedlichste Akteurinnen und Akteure sind hinzugekommen. Gleichzeitig erlebe ich heute auf vielen Ebenen stärker einen Community-Gedanken, der die frühere Konkurrenzhaltung zunehmend ablöst.Welchen Newcomer aus der Kreativszene verfolgen Sie denn momentan?Paulina Reséndiz ist als Kreativschaffende zwar keine Newcomerin mehr, aber ihr 2023 gegründetes Basalto Collective ist noch ein junges Projekt, das ich sehr spannend finde. Sie fördert damit mexikanisches Design und baut gleichzeitig Brücken zu Schweizer Designschaffenden. Im Zentrum steht die Idee, durch die Verbindung von Tradition, kulturellem Erbe und zeitgenössischem Design auch menschliche Begegnungen und neue Beziehungen entstehen zu lassen. Mit ihrem neuen Showroom erhält dieser Austausch nun einen eigenen Ort.Basalto Collective eröffnete dieses Jahr den ersten permanenten Showroom an der Angererstrasse 6 in Zürich.PDZum Schluss: Welche Geschichte würden Sie «NZZ Bellevue» gerne einmal pitchen?Mich würden Geschichten interessieren, die nicht primär von Neuheiten, Trends oder den nächsten aufstrebenden Kreativen handeln, sondern von Menschen, die über viele Jahre hinweg etwas bewegen, kontinuierlich, beharrlich und mit echter Hingabe. In unserer Aufmerksamkeitsökonomie, die ständig nach dem Neuen sucht, finde ich Beständigkeit oft viel spannender als den nächsten Hype.Und ganz pragmatisch wünsche ich mir einen stilvollen Reiseführer mit ausgewählten Hotels für Menschen mit Hund, in denen Hunde nicht nur im Zimmer, sondern auch in anderen Bereichen willkommen sind. Gerne stilvoll, aber auch in einem bezahlbaren Rahmen.NewsletterNewsletterDie besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.Kostenlos abonnierenCopyright © Neue Zürcher Zeitung AG. Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von Neue Zürcher Zeitung ist nicht gestattet.