Ein Blick in die letzte Bastion des guten Benehmens am Genfersee zeigt: Manieren bedeuten mehr, als die Gabel richtig zu haltenDer Film «Small Talk» spielt im Institut Villa Pierrefeu in Glion. Als Schweizer Wettbewerbsbeitrag läuft er am Locarno Film Festival.12.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenTischgespräche in der Villa Pierrefeu werden zum Sittengemälde.PDDie Hitze ist die Feindin der Etikette. Das zeigt sich dieser Tage in Locarno, dem dieser Sommer schon mehr Tropennächte beschert hat als jedem anderen Ort im Land. Der Schweiss läuft am Filmfestival in Strömen, der Dresscode ist noch lockerer als sonst. Selbst an formellen Anlässen klatschen Flipflops, auch unter Herrenfüssen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Da kommt ein Film über die landesweit letzte traditionelle Benimmschule wie gerufen: «Small Talk», der am Dienstag im Wettbewerb Cineasti del Presente Premiere gefeiert hat, spielt im Institut Villa Pierrefeu in Glion oberhalb des Genfersees. Es ist heute vor allem eine Finishing School für Geschäftsleute, die sich den letzten Schliff holen wollen, um im beruflichen und gesellschaftlichen Umgang mit gehobenen Kreisen glänzen zu können.Feilen, feilen, feilenDer junge Genfer Regisseur Mateo Ybarra hat für sein jüngstes Werk eine reizvolle Versuchsanlage gefunden: Unter die Teilnehmerinnen des sechswöchigen Kurses «International Etiquette & Protocols», der nur Frauen ab 18 Jahren offensteht und nach oben keine Alterslimite kennt, mischt sich die Schauspielerin Hélène Bares. «Embedded acting» könnte man das nennen, in Anlehnung an den «embedded journalism».Sie tritt als Charlie auf, eine Südfranzösin aus einfachen Verhältnissen, die mehr vom Leben will und dies mit einer Anstellung in der Welt des Luxus zu finden hofft. Sie trifft auf gestandene Businessfrauen in der Mitte der Karriere oder jüngere Teilnehmerinnen, die auf dem diplomatischen Parkett reüssieren möchten.Hélène Bares alias Charlie (links) will sich nicht verformen lassen.PDJede von ihnen zahlt 30 000 Franken, um in der gut hundertjährigen Villa auf Benimmregeln geeicht zu werden. Dies auch in der Rolle der Gastgeberin, die eine Businessfrau von Welt ebenfalls beherrschen sollte, samt dem gepflegten Small Talk. Den gilt es nicht nur zu führen, sondern auch gekonnt zu steuern, will man Gäste einander vorstellen, ohne dass deren Einstieg peinlich wird.Der geschickt montierte Film bezieht seinen Unterhaltungswert aus dem Wechsel zwischen intimen Momenten und allgemeingültigen Schlüssen. Und nicht nur bei der Grundfrage, inwiefern ein Verhaltenskodex die Persönlichkeit zu formen vermag, fühlt man sich an George Bernard Shaws «Pygmalion» erinnert. Endlos wird an Bewegungen gefeilt, vom eleganten Treppensteigen bis zum Löffeln der Suppe nach englischem oder französischem Protokoll. «The European Art of Dining» wird im Institut auch in Wochenkursen vermittelt, und da sind Männer zugelassen.Natürlich geht es ebenso um Dresscodes, wobei dringend von Fusskettchen abgeraten wird. Die Begründung, diese hätten früher Prostituierte gekennzeichnet, ist historisch zwar sehr wacklig, doch die Lehrerin warnt: «Kleidet euch nicht wie jemand, der ihr nicht seid.» Wollten Frauen aufsteigen, werde ein bestimmtes Verhalten von ihnen verlangt, ob sie wollten oder nicht, hält sie fest. Sie hätten sympathisch rüberzukommen, dürften weder zu maskulin auftreten noch zu sexy, was in der männerlastigen Geschäftswelt ohnehin problematisch werden könne. Nicht nur in solchen Aussagen zeichnet sich ein Konflikt zwischen althergebrachten und zeitgemässen Rollenbildern ab.Eine grosse Schweizer TraditionDas 1954 gegründete Institut steht für eine grosse Schweizer Tradition, die fast ausgestorben ist. Gut sechzig Mädchenpensionen säumten einst den Genfersee, alle sind eingegangen, samt dem Institut Alpin Videmanette, dessen berühmteste Schülerin Prinzessin Diana war. Das «Pierrefeu» hat überlebt, auch dank geschickter Anpassung an die Bedürfnisse. Nähen ist längst aus dem Lehrplan gestrichen, ersetzt etwa durch Lektionen in Führungsstil.Schickten Eltern früher ihre Tochter an solche Schulen, um sie gut verheiraten zu können, sprechen sie heute Frauen an, die keinen Mann brauchen, um voranzukommen. Tausende aus fast allen Kontinenten sind schon durch diese Schmiede gegangen, Magazine wie «The Economist» und «The New Yorker» haben Reportagen über «The last Finishing School of Europe» verfasst, in einer Mischung aus Befremden, Belustigung und Faszination.Auf der Website des Instituts steht: «Bei der Etikette geht es nicht nur darum, wie man die Gabel verwendet, sondern auch um Respekt davor, wie andere denken und handeln.» Im Film betont die Schuldirektorin Viviane Néri, eine Tochter der Gründerin, Benimmregeln hätten viel mit gesundem Menschenverstand und wenig mit spassbefreiter Steifheit zu tun. Manche Regeln sind allerdings in Stein gemeisselt, der im Namen «Pierrefeu» ebenso vorkommt wie das Feuer. Die im Vergleich zu ihren Mitschülerinnen erfrischend direkte Charlie allerdings brennt nicht für die Konventionen dieser Art. Sie findet Konversation wichtiger und dürfte sich dem gesellschaftskonformen «Finish» verweigern.Sieht man Manieren nicht als Nebensache, sondern als Schmiermittel des Umgangs miteinander, haben im allgemeinen Sittenzerfall die meisten von uns Schulungsbedarf. Allerdings kennen Benimmregeln starke kulturelle Unterschiede, das fliesst in den Kurs wie in diesen sehenswerten Film ein. In Europa zeige man in der Öffentlichkeit keine Zehen, sagt eine Teilnehmerin am Tisch, ehe eine andere einwendet, in Italien trage sie im Ausgang mit ihren Freundinnen stets Sandalen. Jetzt fragt sich nur noch, wie salonfähig Flipflops an Herrenfüssen sind.«Small Talk» läuft in Locarno nochmals am 12. und 13. August.Passend zum Artikel
Der letzte Schliff: Wie die Villa Pierrefeu die Etikette zum Lebensstil macht
Der Film «Small Talk» spielt im Institut Villa Pierrefeu in Glion. Als Schweizer Wettbewerbsbeitrag läuft er am Locarno Film Festival.










