Lachsalven aus dem Land des LächelnsDas Zürcher Hotel Greulich gilt als Designklassiker. In sein Parterre ist ein Gastroteam eingezogen, das den Trash feiert – und die Thai-Strassenküchen.Urs Bühler28.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenIllustration Benedikt RugarDie Stadt der piekfeinen Lokale weckt den Hunger nach betont Unkompliziertem: Plastik umzingelt die zahlreichen Gäste des Zürcher Restaurants «555+», von den knallbunten Tischtüchern bis zu den Tellern, WC-Papierrollen dienen als Servietten, und in Kunststoffboxen liegt Mehrwegbesteck bereit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Billig isst man hier allerdings nicht: Für ein ausgewachsenes Abendessen lässt man pro Person leicht «100+» Franken liegen. Es sei denn, man gehöre zur Altersgruppe, der unter dem Motto «Kids (no beard)» ein «All you can eat»-Menu für 8 Franken angeboten wird. Das Interieur mit Pastellfarben und bunten Girlanden erinnert tatsächlich an Kindergeburtstage oder Teenagerzimmer. Doch die Thaiboxer-Hosen, als Wandschmuck aufgehängt, deuten eher auf Erwachsene als Zielgruppe hin: Das Trashige gehört zum Konzept, inspiriert von Bangkoks Strassenküchen.Trash muss nicht billig sein: «555+» im Hotel Greulich.Urs BühlerOb das zum Stil des Hotels passt, in dessen Parterre wir uns befinden, ist eine andere Frage: Das «Greulich», vor 23 Jahren im Langstrassenquartier gegründet, gilt als puristischer Designklassiker. Es ist bekannt für Bauhaus-Anleihen und den Innenhof mit Birkenhain, ein Relikt der Expo 02. In den Schlafzimmern geht Form mitunter vor Funktionalität. Im «555+» ist es sozusagen umgekehrt. Und das macht einen Teil des Reizes aus.In den Anfangsjahren hatte David Martínez Salvany, ein katalanischer Spitzenkönner am Herd, das Hotelrestaurant mit der elegant geschwungenen Fensterfront zu einer der besten Adressen der Stadt gemacht. Als er weitergezogen war, wechselten Köche samt Konzepten fast so häufig wie die Bettwäsche in den Hotelzimmern. Seit gut zwei Jahren aber ist das wieder ein angesagter Ort, inspiriert von der jungen Erfolgsgeschichte des asiatischen Street-Food im Zürcher Gastgewerbe.Deren Weg geebnet hatte 2014 das fabelhafte Pop-up-Projekt «Soi Thai», das seither August für August das Publikum scharenweise in Richtung Bellevue zieht. Das «555+» ist optisch wie kulinarisch geistesverwandt. Und sein Gründer Dominic Fuchs, ein Schweizer Koch, der seit Jugendzeiten eng mit Thailand verbunden ist und viel Wert auf Authentizität legt, hat sein Konzept ebenfalls in temporären Einsätzen erprobt. Nun hat es im «Greulich» eine feste Adresse gefunden.An diesem Dienstagabend ist es für die grosse Aussenterrasse mit bunten Metalltischen und -stühlen noch etwas zu kühl, doch drinnen sorgt ein junges Publikum für eine belebte Atmosphäre. Die freundliche Serviceangestellte weist auf das inzwischen sattsam bekannte Sharing-Prinzip hin, wir folgen ihren Empfehlungen zur Bestellmenge. Nach dreiviertelstündiger Wartezeit werden wir alle sieben bestellten Gerichte zusammen erhalten. Nun ja.Die Speisen sind prima abgeschmeckt und nicht zu scharf für hiesige Gaumen. Wir steigen mit Miang Mapraw als köstlichem Appetizer ein (Fr. 5.50): Auf einem pfeffrig-würzigen Betelblatt ist eine Füllung aus Tamarinde, Crevette (aus Vietnam), Kokos und Curry angerichtet. Der Salat aus grüner, also bewusst unreif geernteter Mango (Fr. 18.–) erweist sich als hervorragendes Pendant zum verbreiteten Papayasalat; der im Wok gebratene Wasserspinat (Fr. 24.–) mit Tranchen vom Schweinebauch schmeckt ebenso gut wie die hausgemachten Currys.Den kleinen Wolfsbarsch (Fr. 40.–) aus griechischen Gewässern heben wir uns für den Schluss auf, da ihn als einziges Gericht ein Rechaud warm hält. Allerdings wären wir eigentlich schon satt und haben ihn zudem ungebührlich lange stehen lassen. Trotzdem erlauben wir uns die Feststellung, dass uns dieser vorzügliche Speisefisch sanft gegart und ohne Firlefanz besser gefiele als frittiert und mit salzig-pfeffriger Sauce.Eine süsslich-herbe Erfrischung bietet dafür der Thai Milk Tea (Fr. 6.–), Schwarztee mit Kondensmilch. Und wer’s richtig zuckrig mag, wird den Klebreis mit aufgeschnittener Thai-Mango-Hälfte lieben, begleitet von cremiger Kokosglace und Kokosjus (Fr. 21.–). Gerade dieses Dessert steht allerdings für ein Preisniveau, das hier und dort etwas mehr Detailpflege erwarten liesse, auch beim Anrichten.Der im mündlichen Gebrauch sperrige Name des Lokals spielt übrigens weniger auf Engelsbotschaften an, die westliche Spiritualisten der 555 zuweisen, als auf die Symbolkraft im «Land des Lächelns»: Auf Thai wird diese Zahl als «hahaha» ausgesprochen, sie steht also in Chats für lautes Lachen, das wohl das Plus zur Salve anschwellen lassen soll. Uns hebt der Abend immerhin deutlich sichtbar die Mundwinkel. Und das heisst, wie man sagt, bei uns Zürchern ja schon viel.Restaurant 555+ Herman-Greulich-Strasse 56, 8004 Zürich Montags geschlossen Telefon 043 243 42 42Für diese Kolumne wird unangemeldet und anonym getestet und am Ende die Rechnung stets beglichen. Der Fokus liegt auf Lokalen in Zürich und der Region, mit gelegentlichen Abstechern in andere Landesteile.Die Sammlung aller NZZ-Restaurantkritiken der letzten fünf Jahre finden Sie hier.Passend zum Artikel
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