In vino veritas? Ja, aber nicht nur im Wein, auch in der frischen Bergluft kann die Wahrheit liegen. Daran denken die sieben alten Freundinnen und Freunde freilich nicht, als sie ein paar Tage im Chalet von Juliane zu verbringen beschließen.Die Sonne lächelt, man ist nett zueinander, trotzdem sind subkutane Spannungen zu spüren. Unerwartet ist der Lift außer Betrieb, und alle müssen zu Fuß zum Haus aufsteigen. Doch da haben sich schon seit geraumer Weile zwei Männer und eine schwangere Frau einquartiert und wollen nicht ausziehen. Was tun?Völlig recht haben weder die einen noch die anderenDer überzeugende, leichthändig amüsante ZDF-Film „Nix ist fix“ in der Regie von Natalie Spinell ist eine hervorragend besetzte, liebevoll deklinierte Gesellschaftsstudie über unterschiedliche Wertvorstellungen und Lebensweisen: Hier die arrivierten, verheirateten oder geschiedenen Älteren mit ihren Erfahrungen und Zynismen, dort die polyamoren, müßiggängerischen Jüngeren mit ihrer Abenteuerlust und Naseweisheit.Völlig recht haben weder die einen noch die anderen. Denn warum steht eine abgelegene Berghütte monatelang leer, wenn Menschen darin wohnen könnten? Und warum sollen die einen schuften, während die anderen nonchalant über Kapital, Freiheit und soziale Standards debattieren? Weil sie allerdings alle nicht richtig böse klassenkämpferisch sind, wird mit dem vorhandenen Gewehr bloß ein Tier erschossen und ansonsten der – obwohl manchmal erregt-schroffe Dialog – gesucht. Und deshalb teilen die Hausbesetzer Rehgulasch und Wein unaufgefordert mit den hungrigen Neuankömmlingen, die ihnen wiederum später bei einem Schneesturm helfen werden.Vince (Slavko Popadic) und Juliane (Julia Koschitz) haben unterschiedliche Vorstellungen von Recht und Besitz.Stefanie Leo/ZDFDer Konflikt zwischen den divergierenden Meinungen bestimmt die eine Ebene dieses Kammerspiels. Es findet vorwiegend im Inneren des Chalets statt und bewahrt gegenüber den Personen mit den sachlich-klaren Bildern des Kameramanns Ahmed El Nagar genügend Distanz, damit sie nicht als kalkulierte Thesenträger verkümmern. Die andere Ebene thematisiert die verborgene Unaufrichtigkeit zwischen den Paaren, deren Glück eher behauptet als real wirkt, und innerhalb der Freundesgruppe, die längst den offenen Austausch meidet.Das ist so gekonnt niedrigschwellig formuliert (Buch Dominique Lorenz) und inszeniert, dass sogar verschwurbelte Standpunkte nicht denunziert werden und temporär plausibel erscheinen. Die famos gespielten Figuren sind horizontal gezeichnet, ohne flach zu sein. Wie sie wurden, wer sie sind, bleibt weitgehend unerwähnt, was der Geschichte ihr staufrei wohltemperiertes Tempo gibt. Camille Dombrowsky, Simon Morzé und Slavko Popadic als die kecken Systemsprenger sind mit ihren naiven Weltanschauungen unerträglich wie grundsympathisch.Ihre Ansichten bringen Julia Koschitz als reiche Juliane immerhin dazu, kritisch über Eigentum nachzudenken. Marcel Mohab als kerliger Küchenunternehmer ist insolvent und gesteht, wie sehr es ihn verletzt hat, dass keiner der Kumpels je bei ihm eingekauft hat. Seine Frau ist an Multipler Sklerose erkrankt, was sie noch nicht verkraftet hat und was die herzlich zugewandte Katrin Wichmann tapfer zwischen Lebenslust und Todesangst kaschiert. Friederike Kempter als esoterisch verstiegene Paula verteidigt Julianes Besitz mit erstaunlicher Aggression und zwingt auch Maximilian Brückner als ihren pazifistischen Mann zum rigiden Protest. Hinreißend auffällig sind die frühere Fernsehmoderatorin Ines und ihr Mann Edwin, der sich vom Journalisten zum radikalen Politaktivisten entwickelt hat, was die Ehe gehörig belastet. Der starrköpfig-resolute Felix Hellmann und vor allem die fabelhafte Brigitte Hobmeier als virtuose Giftspritze verkörpern mit heimtückischer Komik die größten Gegensätze.Und das sollen liebevolle Paare und alte Freunde sein? Nicht einfach der guten Unterhaltung wegen sind sie es am Schluss wieder, und das macht es den Zuschauern leicht, eventuelle Ähnlichkeiten zu sich selbst zu entdecken. Zwischen Primetime-Strindbergiade und ambitioniertem „Bergdoktor“-Rabatz entwirft „Nix ist fix“ einen überraschenden, mitunter anrührenden Weg über manch emotionalen Stock und psychischen Stein.Und die Berge? Sie ragen drohend in den Himmel und entfesseln am Ende wie zur Warnung vor allzu viel Zwietracht einen heftigen Erdrutsch. Doch nur dessen Ausläufer streifen die Gruppe, deren Mitglieder vielleicht inzwischen mehr als temporäre Bergfreunde geworden sind.Der Film Nix ist fix läuft in der ZDF-Mediathek und am Montag, 10. August, um 20.15 Uhr im ZDF.