Sieben Kilogramm Tomaten essen Schweizerinnen und Schweizer pro Kopf und pro Jahr, und auch angebaut wird hierzulande fleissig. Unser Autor Richard Kägi wird mit den hiesigen Sorten aber – milde gesagt – nicht warm.Hier soll nicht weiterlesen, wer mit Tomaten nichts anfangen kann. Heisst, es lesen trotzdem alle weiter. Mir ist tatsächlich kein Mensch bekannt, der kein Faible für die roten Kugeln hat. Gut für mich. Viele Leser heben den Marktwert. Schlecht für alle Schweizer Tomatengärtner und -gärtnerinnen. Die sich möglicherweise entzaubert fühlen werden, nach dem Lesen.Es ist kein saisonales Thema? Weit gefehlt. Der Konsum hierzulande, von stattlichen sieben Kilogramm pro Einwohner, verteilt sich einigermassen gleichmässig über das Jahr, hier ist immer Saison. Im Sommer werden sie gekauft, weil sie zum Sommer und zu seinen Speisen gehören. Im Winter, weil alle den Sommer vermissen. Nur, im Winter schmecken einheimische Tomaten noch grauslicher als schon im Sommer.Auch 2080 noch das falsche KlimaDenn ganzjährig Saison heisst, Schweizer Tomaten reifen im Glashaus. Sommer wie Winter. In unzähligen privaten Gärten wird Jahr für Jahr vergeblich versucht, einen Fakt zu widerlegen: Die Schweiz ist kein Tomatenland. Wie sollte sie auch.Ursprünglich aus Mittel- und Südamerika stammend, ist das Nachtschattengewächs ein Klima gewohnt, das es auch 2080, nach fünf oder noch mehr Grad Klimaerwärmung, hierzulande einfach nicht antreffen wird. Da sind Italien und Spanien – gesegnet mit mehr Sonnentagen, höheren Temperaturen und weniger Regen – die geeigneteren Orte. Und bieten bessere Böden, dort, wo dann die allerbesten Tomaten wachsen. Tomaten schmecken nach Sommer. Getty Images Nur einmal vermochte mich eine einheimische Gärtnerin einigermassen von ihrer Ernte zu überzeugen. Die Hämiker Tomatenflüsterin Monika Fessler tüftelte Jahre an Sorten, Düngern und ihren Böden herum, bis in ihren Glashäusern eine Qualität wuchs, die ich guten Gewissens auch für die Globus-Kunden freigab. 2018 machte Sturm «Burglind» dem Paradies leider ein Ende. Die vom Winde verwehten Glashäuser wieder aufzubauen, dafür fehlen Fessler Motivation und Mittel bis heute.Verstaubter ProtektionismusNun, statt in Wasserbomben wie die geschmacklose Berner Rose oder die fade Ochsenherztomate könnten wir ja nur noch in Merinda, Costoluto (eine der vier im sizilianischen Pachino angebauten IGP-Sorten), Siccagno (gedeiht nur noch in der Madonia-Hochebene Siziliens) oder Piennolo del Vesuvio beissen. Alles Varianten, die in Geschmack und ausgewogenem Süsse-Säure-Verhältnis jeder Schweizer Tomate haushoch überlegen sind.Könnten. Denn die Schweizer Bauern- und Gemüselobby will das nicht. Durch absurd hohe Zölle auf ausländische Tomaten zwingt sie die Konsumentinnen und Konsumenten, nach heimischer Ware zu greifen. Tomaten, die nichts mit Geschmack und Struktur einer der gerade erwähnten Sorten aus Italien zu tun haben. Den Grossverteilern kommt dieser «Heimatschutz» gerade gelegen. Sie bringen so ihre faden, regionalen Erzeugnisse weg.Oder versuchen uns – zu ebenfalls absurd hohen Preisen – Eigenkreationen wie die Honigtomate schmackhaft zu machen. Der wurde die Säure weggezüchtet, und sie schmeckt wie ein Honigbonbon. Gut für Säuglinge zum Einschlafen. Schmecken Tomaten ohne Säure doch wie Negroni ohne Alkohol. Ich unterstütze gerne Regionalität, wann immer es auch geschmacklich Sinn ergibt. Aber mir von verstaubtem Protektionismus meinen Menuplan vorschreiben zu lassen, danke, nein.Prallrote Kugeln in SizilienAuf den Tomatengeschmack kam ich schon früh, in Italien. Wo auch sonst? Auf einem Mailand-Shoppingtrip mit Kumpels. Aimo e Nadia. So wie die Besitzer, so hiess auch das kleine Restaurant in der Via Montecuccoli. Chef Aimo trat höchstpersönlich an unseren Tisch, mit einem grossen Korb Tomaten anstatt der Karte. Und beschwor uns eindringlich, ihm freie Hand zu lassen, er habe heute einmalig schöne Tomaten erhalten. Er war nicht zu bremsen in seinem Enthusiasmus, zerdrückte einige der prallroten Kugeln und schrie: «Dio mio, riecht, riecht, che fantastico! Gott segne die Sizilianer!» Ein bemerkenswertes Statement von einem Mailänder.Dass seine Demonstration auf unseren (neuen) weissen Hemden ein interessantes Muster aus Tomatenkernen und -spritzern hinterliess, schien seine Begeisterung nicht zu bremsen. Und unsere – nach dem ersten Schrecken – auch nicht. Denn seine Tomaten waren von solch einer seltenen Geschmacksfülle, einer nie vorher geschmeckten Süsse und einem köstlichen Aroma! Ihr Geruch nebelte uns ein, hing noch minutenlang über unserem Tisch. Müssig zu erwähnen, wie gut das Essen uns schmeckte.Nachreifen lassen, aber nicht im KühlschrankDa die Schweizer Anbauer ihre Produktion ab dem Herbst herunterfahren, gilt jetzt wieder die paradoxe Situation, dass wir im Winter bessere Tomaten essen als während der Sommermonate. Wenn man bereit ist, etwas mehr dafür zu bezahlen. Blättern die meisten gedankenlos einen Hunderter hin für ein Kilo Fleisch, lösen Tomatenpreise von 25 oder mehr Franken pro Kilogramm einen Aufschrei aus. Ein Beweis mehr, dass wir kein Tomatenland sind. Im Sommer greift Richard Kägi zu den Datterini. Getty Images Meine Strategien für unterbruchlosen Tomatengenuss: jeden zweiten Tag die besten kaufen, die zu bekommen sind (im Sommer Datterini), und sie mindestens fünf Tage nachreifen lassen. In der Küche und auf keinen Fall im Kühlschrank. Denn Kälte mag gut sein für Eisbären, für Tomaten bedeutet sie den geschmacklichen Tod. Oder ich röste sie sofort im Backofen über einige Stunden.Zuletzt eine Bitte an alle hiesigen Hobby-Tomaten-Gärtnermenschen, deren Illusionen sich gerade in Tomatenschäume auflösen: Sollte euch nun der Sinn danach stehen, mich an Riesen-Tomatenstauden zu kreuzigen und mich mit deren Ernte totzuschiessen, tut es bitte mit edlen Merinda- oder Pachino-Tomaten. Von einer wässrigen, geschmacklosen Berner Rose um mein verfressenes Leben gebracht werden, das finde ich etwas dégoûtant.Richard Kägi ist Autor, Foodscout, schreibt Kochbücher und Kolumnen. Rezepte: homemade.ch und auf Instagram @richifoodscout Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.
Die Schweiz ist kein Tomatenland – trotz fleissigem Anbau in Gärten und auf Balkonen
Sieben Kilogramm Tomaten essen Schweizerinnen und Schweizer pro Kopf und pro Jahr. Autor Richard Kägi verrät seine Strategien für unterbruchlosen Tomatengenuss.









