PDÜber ein Drittel des Gemüses, das in der EU und in der Schweiz verzehrt wird, stammt aus südspanischen Gewächshäusern. Die Produzenten sind meist kleine Familienbetriebe. Wegen des starken Preisdrucks zahlen manche ihren Arbeitern Dumpinglöhne.02.06.2026, 05.30 Uhr9 LeseminutenWer in der Schweiz oder in Deutschland frische Tomaten kauft, stellt sich gerne einen idyllischen Garten irgendwo im Süden vor. Stauden, umgeben von Olivenbäumen und Zypressen, fröhliche Pflückerinnen und Pflücker, welche die Tomaten sorgsam ablesen und in geflochtene Körbe legen. Dieses Bild transportieren Supermarktketten gerne auch in der Werbung. Doch mit der Realität hat das nichts zu tun. Das zeigt sich in Almería, der wichtigsten Anbauregion Europas.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aus der südspanischen Provinz östlich von Málaga stammt rund ein Drittel des frischen Gemüses, das auf dem Kontinent verzehrt wird. Neben Tomaten züchten die Produzenten vor allem Gurken und Peperoni. Die jährliche Ernte liegt, einschliesslich Melonen und Wassermelonen, bei ungefähr 3,5 Millionen Tonnen.Das meiste spriesst unter Plastikplanen. Die Gewächshäuser erstrecken sich scheinbar endlos auf beiden Seiten der Autobahn 7 entlang der Küste nahe der Provinzhauptstadt Almería. Die gesamte Landschaft scheint wegen der Folien in silbernes Grau getaucht beziehungsweise aus einem einzigen «Meer aus Plastik» zu bestehen. So lautet denn auch der Übername der Region.«Die Landschaft ist hässlich», sagt die Bäuerin Lola Gómez Ferrón. Die 60-jährige Spanierin bewirtschaftet in der Gemeinde El Ejido mit ihrem Mann, einem Sohn und sechs Angestellten auf 2,2 Hektaren Gewächshäuser. Sie gehört zu den rund 14 000 Bauern, die in der Provinz Almería Gemüse züchten.Im Gewächshaus, in dem Gómez Ferrón Besucher empfängt, reiht sich auf einer Fläche von 50 mal 100 Meter eine Staude Cherrytomaten an die andere. Stapel von hellblauen Plastikharassen warten darauf, mit den Tomaten befüllt zu werden.Wassersparender Hors-Sol-AnbauDie Pflanzen stehen nicht in der Erde, sondern in schmalen Töpfen. Diese enthalten spezielle Substrate, die Wasser besonders gut speichern. Ein Computersystem sorgt dafür, dass die Pflanzen nur so viel Wasser und Nährstoffe erhalten wie nötig. Dank der Hors-Sol-Technik benötige sie 40 Prozent weniger Wasser als mit herkömmlichen Anbaumethoden, sagt Gómez Ferrón. Ihre Eltern hätten die Beete noch geflutet, erzählt sie.NZZNZZDie Kleinbäuerin Lola Gómez Ferrón baut auf 2,2 Hektaren Gemüse an. Auch ihre Tomaten werden bei der Genossenschaft Vicasol sortiert und verpackt.Wasser ist ein knappes Gut in dieser Gegend, in der pro Jahr 300 Sonnentage gezählt werden. Es muss zum Grossteil aus den Bergen der Sierra Nevada herbeigeführt werden. Auf den Gipfeln, die eine Höhe von bis zu 3480 Meter erreichen, liegt auch im Mai noch Schnee. Doch die Schneemengen und damit auch die verfügbaren Mengen an Schmelzwasser sind im Zuge des Klimawandels geringer geworden. Mittlerweile stillt auch ein halbes Dutzend Meerwasserentsalzungsanlagen in der Provinz Almería den Durst der Landwirtschaft.Kampf gegen VorurteileGómez Ferrón spricht auch Englisch. Das hat sich die Bäuerin, die mit 14 die Schule verliess, weitgehend selbst beigebracht. Sie sagt: «Es ist Lola-Englisch.» Ihren Ausführungen zu folgen, ist nicht immer einfach, auch weil sie sehr schnell spricht.Die Landwirtin führt regelmässig Besuchergruppen durch ihre Kulturen. Sie hofft, dank den Führungen Vorurteile gegenüber den Hors-Sol-Kulturen abzubauen. Immer wieder kämen verdutzte Touristen zu ihr. «Was, du pflanzt Tomaten ohne Erde an?», sagten die Leute. Und: «Warum züchtest du die Tomaten nicht im Freien?»Skeptischen Besuchern gibt Gómez Ferrón zu bedenken, dass der Hors-Sol-Anbau zwar wenig romantisch anmute und ihr auch nicht ermögliche, Bio-Landwirtschaft zu betreiben. Doch sie könne so 20-mal so viel wie mit konventionellen Methoden produzieren. Die Tomaten wachsen derart schnell, dass ihr Betrieb in der Saison zwischen Anfang August und Mitte Juni auf 33 bis 35 Ernten kommt.Die ersten Gewächshäuser tauchten in Almería in den 1960er Jahren auf. Sie bestanden damals noch aus Glas und schützten wie die heutigen Bauten aus Plastik die Kulturen vor dem starken Wind, der an der andalusischen Küste oft weht. «Der Wind zerstörte nicht selten ganze Ernten», sagt Gómez Ferrón.Der Basler Agrochemiekonzern Syngenta betreibt in El Ejido ein Forschungszentrum für Saatgut.PDDie neuen Kreuzungen sollen Schädlingen, die erst vor kurzem aufgetaucht sind, standhalten.PDZu den Gewächshäusern aus Glas möchte die Landwirtin nicht zurück. Zu hoch seien die Kosten für die Installation und die Reinigung. Die Plastikfolien würden alle drei Jahre ersetzt und mittlerweile auch rezykliert. Beim Betrieb von Gómez Ferrón kümmert sich eine spezialisierte Firma darum. Sie gehört zu einem ganzen Ökosystem von Unternehmen im Bereich der Agrartechnik, die ihre Dienste und Produkte den Bauern in der Region anbieten.Illegal entsorgte PlastikfolienNicht alle Gemüseproduzenten in Almería legen Wert auf eine saubere Entsorgung der Plastikfolien. Seit Jahren gibt es Meldungen über illegale Deponien in ausgetrockneten Flussläufen. Bei starkem Regen, wenn die Bäche auf einmal viel Wasser führen, werden die Folien ins Meer geschwemmt und verschmutzen Strände.Die Landwirtschaft in Almería macht auch wegen Missständen im Umgang mit Arbeitern immer wieder Schlagzeilen. Der Gemüsebau in der Region ist stark fragmentiert. Die Gewächshäuser belegen eine Gesamtfläche von 33 000 Hektaren. Nur rund 3 Prozent der 14 000 Produzenten gelten als Grossbetriebe mit einer Anbaufläche von über 100 Hektaren. Die meisten Gemüsebauern in der Provinz Almería bewirtschaften wie Lola Gómez Ferrón lediglich wenige Hektaren und verfügen über geringe finanzielle Mittel.Viele Betriebe schliessen sich zwar wie die Kleinbäuerin Genossenschaften an, um bessere Konditionen beim Einkauf von Pflanzenschutzprodukten, Saatgut oder Düngemittel zu erhalten. Doch auch so sind die Landwirte einem starken Kosten- und Preisdruck ausgesetzt.Arbeiterinnen bei Vicasol verpacken die Tomaten von Hand in Plastikbehälter.NZZUnreife oder beschädigte Tomaten landen im Ausschuss.NZZManche Produzenten weigern sich, ihren Arbeitern den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn von derzeit 1221 Euro netto zu bezahlen. Wie in Spanien üblich, wird er 14-mal im Jahr entrichtet.Die örtliche Gewerkschaft SAT Almería kritisiert, viele Beschäftigte in den Gewächshäusern erhielten nur 5 Euro 50 pro Stunde. Das sei rund ein Viertel weniger als vom Gesetz verlangt, präzisiert eine Sprecherin. Ein grosses Problem sei, dass sich viele der Landarbeiter illegal im Land aufhielten und so leicht ausgebeutet werden könnten. Die Gemüseproduzenten nutzten den Umstand aus, dass Spanien das Einfallstor für viele Migranten aus Nord- und Westafrika sei.Pestizideinsatz ohne SchutzbekleidungDer Gewerkschaft werden auch immer wieder Klagen über nicht bezahlte Überstunden zugetragen. Zudem scherten sich manche Betriebe nicht darum, den Arbeitern beim Einsatz von Pestiziden Schutzbekleidung zur Verfügung zu stellen. Auch würden viele Arbeiter im korrekten Umgang mit den Pflanzenschutzprodukten nicht geschult.Während der Sommermonate steige das Thermometer in den Gewächshäusern auf bis zu 47 Grad, sagt die Sprecherin. Trotzdem müssten manchenorts die Arbeiter Wasser zum Trinken selbst mitbringen. Es komme immer wieder vor, dass Arbeiter mangels Flüssigkeit und ausreichender Belüftung das Bewusstsein verlören und im Spital landeten.Laut Medienberichten gibt es auch verbreitete Missstände bei der Unterbringung von Arbeitern. So haben manche Arbeiter offenbar keine andere Wahl, als sich Behausungen aus blossen Plastikfolien zu bauen. Ein Elendsviertel mit offenen Müllhalden befindet sich direkt hinter der historischen Festung der sonst herausgeputzten Provinzhauptstadt Almería. Man solle dort lieber nicht hinblicken, schärft eine Fremdenführerin hoch oben auf dem Wahrzeichen der Stadt den Besuchern ein.Gemüse für Alnatura und CoopJosé Antonio Cánovas ist Grossbauer. Er beschäftigt in der Provinz Almería und drei weiteren südspanischen Regionen 500 Angestellte. Den Umsatz seines Betriebs gibt er mit 60 Millionen Euro an. Die Familienfirma Kernel Export, die er als Vertreter der dritten Generation führt, beliefert neben den deutschen Detailhandelsketten Edeka, Netto und Alnatura auch den Schweizer Grossverteiler Coop mit Gemüse und Früchten.Die NZZ traf Cánovas wie auch Lola Gómez Ferrón im Rahmen einer Pressereise, zu welcher der Agrochemie- und Saatguthersteller Syngenta einlud. Syngenta betreibt in El Ejido ein Forschungszentrum für Saatgut.Cánovas beschäftigt Arbeiter aus zwanzig verschiedenen Ländern. Er halte sich an das Gesetz, sagt er. Aber es gebe andere. «Wie überall verfolgen die Menschen unterschiedliche Prinzipien», fügt Cánovas lakonisch hinzu.Lola Gómez Ferrón, Landwirtin in El Ejido.PDDer starke Preisdruck beschäftigt den Grossbauern ebenso wie die Kleinbäuerin Lola Gómez Ferrón. Konsumenten seien leider nicht bereit, an der Supermarktkasse mehr für Gemüse zu bezahlen, sagt Gómez Ferrón. Auch Cánovas fühlt sich unter Druck gesetzt. Wegen des Iran-Kriegs und der damit verbundenen Preissteigerungen für Düngemittel und Treibstoff habe er seine Kunden um einen Aufschlag von 5 bis 6 Prozent gebeten. Nach wochenlangen Verhandlungen seien ihm nur 3 Prozent zugestanden worden, sagt der Landwirt.Arbeiter in Nordafrika oder Lateinamerika kosten wenigerVor einiger Zeit erhielt der Bauer von Coop einen grossen neuen Auftrag. Der Grossverteiler wollte Bio-Bohnen lieber aus Europa als aus Marokko beziehen. Doch Betriebe aus aussereuropäischen Ländern stellen für die Gemüseproduzenten aus Südspanien wegen geringerer Lohnkosten auch eine starke Konkurrenz dar. Viele Mitbewerber stammten, sagt Cánovas, aus Nordafrika, Südafrika oder Lateinamerika. Auch in Osteuropa gebe es starke Konkurrenten. Sie profitierten davon, ihren Beschäftigten 50 Prozent geringere Saläre bezahlen zu können. In Spanien sei der Mindestlohn allein in den letzten fünf Jahren um fast 30 Prozent gestiegen.Coop bezieht aus Almería primär Tomaten, Peperoni, Zucchetti, Gurken und Auberginen. Der Grossverteiler weist darauf hin, dass die Region aus klimatischen Gründen den ganzen Winter hindurch West- und Osteuropa mit Ratatouille-Gemüse versorge. Seit drei Jahren berücksichtigt Coop für Peperoni aber auch Produzenten aus Albanien. «Wir diversifizieren die Provenienzen bewusst», erklärt der Basler Konzern auf Anfrage.Laut Coop müssen alle spanischen Produzenten und Abpackbetriebe für Früchte und Gemüse mit dem Label Grasp zertifiziert sein. Dieses branchenweite Qualitätssiegel wird an Landwirtschaftsbetriebe vergeben, die gewisse Mindeststandards in der Gesundheitsvorsorge und in der Arbeitssicherheit ihrer Beschäftigten erfüllen. Auch muss es den Arbeitern gestattet sein, einer Gewerkschaft beizutreten. Die Zahl der mit dem Label zertifizierten Agrarbetriebe ist riesig: Weltweit fallen 115 000 Produzenten mit 1,8 Millionen Beschäftigten in über 100 Ländern darunter.PDPDNeben Tomaten züchtet Lola Gómez Ferrón in ihrem Betrieb auch Mini-Peperoni.Sämtliche Lieferanten von Gemüse und Früchten seien auch in ein firmeneigenes Sozialprogramm eingebunden, betont die Medienstelle von Coop. Dieses umfasse Schulungen für Betriebe und Arbeitskräfte sowie verbindliche Schritte zur Verbesserung von Entlöhnung, Unterkünften und Arbeitsschutz. Laut dem Grossverteiler wird die Einhaltung der Vorgaben bei den Lieferanten mehrmals im Jahr mit unangemeldeten Kontrollen überprüft. «Unsere Tochterfirma Alifresca führt strenge Kontrollen durch, sowohl im Hinblick auf die Zertifizierung als auch durch Kontrollen in den Lagern und Gewächshäusern.»Durch den Gotthard per BahnWie die meisten Abnehmer lässt Coop das frische Gemüse aus Almería per Lastwagen transportieren. Erst in der Südtessiner Gemeinde Novazzano, nach 1800 Kilometern Fahrt, wird die Ware umgeladen, um per Bahn auf die Alpennordseite gebracht zu werden.Pro Tag brechen rund tausend Camions aus der südspanischen Provinz auf, um Verteilzentren von Supermärkten in ganz West- und Osteuropa mit Tomaten, Gurken oder Peperoni zu beliefern. 40 bis 70 sind es nach Jahreszeit allein bei den vier Verpackungsbetrieben der Agrargenossenschaft Vicasol. Sie vertritt die Interessen von rund tausend Landwirten.Im grössten Verpackungswerk von Vicasol werden ausschliesslich Tomaten verarbeitet. Jährlich sind es 90 000 Tonnen. Aus dem Werk werden Kunden in Spanien, Deutschland, Frankreich, Polen, Grossbritannien und der Schweiz versorgt.700 Angestellte, die meisten von ihnen Frauen, arbeiten im Zweischichtbetrieb. Auf dem Höhepunkt der Erntesaison im Winter läuft der Betrieb rund um die Uhr. Das Rattern und Scheppern der Sortieranlagen und Verpackungsmaschinen ist ohrenbetäubend. Auch hier keine Spur von ländlicher Idylle.Selbstfahrende TransportfahrzeugeDie Tomaten werden bei Vicasol nach der Anlieferung aus den Gewächshäusern der Region in einem ersten Schritt nach Farben, Grösse und Festigkeit sortiert. Je höher die Qualität ist, desto mehr Geld erhalten die Bauern für ihre Produkte. Die Sortierung erfolgt vollautomatisch auf einer riesigen Anlage, die mit verschiedenen Kameras bestückt ist. Autonome Transportfahrzeuge bringen die Tomaten dann zu den Kühlräumen, wo sie vor dem Verpacken zwischengelagert werden.Bei den Verpackungsanlagen, wo Arbeiterinnen die Tomaten in Plastikschalen legen, werden noch immer viele fleissige Hände benötigt. Die Frauen prüfen jede einzelne Tomate von Hand. Tomaten, die zu weich oder beschädigt sind, landen im Ausschuss.Hektik bei der VerpackungHinter den Arbeiterinnen an den Verpackungslinien befördern Männer mit Gabelstaplern die fertig verpackten Tomaten zu den Verladestationen. Die Arbeiter sind rasend schnell unterwegs. Wegen der engen Platzverhältnisse müssen sie hochkonzentriert sein, um Zusammenstösse zu vermeiden.In der Verpackungsfabrik herrscht allgemein eine grosse Hektik. Auffallend sind die Drehkreuze, die vor den Eingängen zu den Toiletten stehen. Die Betriebsleitung liess sie aufstellen, um zu kontrollieren, wie viel Zeit die Angestellten auf dem stillen Örtchen verbrachten. Inzwischen seien sie aber wieder frei passierbar, versichert ein Sprecher. Der Gesetzgeber wolle es so.Passend zum Artikel