Ackerflächen werden in aller Welt knapp, die Bevölkerung wächst, die Lieferketten sind störanfällig. In dieser Lage gewinnt ein Gedanke an Bedeutung: Nahrungsmittel dort erzeugen, wo die meisten Menschen sie verzehren, in der Stadt. Wie sich in Europa ungenutzte Dächer, Brachen, Parks, Hinterhöfe und Gewerbeflächen für die Gemüseproduktion nutzen ließen, haben Forscher aus Deutschland und den Niederlanden untersucht. Ihr Ergebnis: Knapp 30 Prozent des Gemüsebedarfs von 190 Millionen Europäern ließen sich theoretisch durch urbane Landwirtschaft decken. Die Studie ist im Fachmagazin „Sustainable Cities and Society“ erschienen.Die Forscher zogen demographische Statistiken, Geo- und Klimadaten heran und bewerteten für das Jahr 2018, wie viele Dach- und Bodenflächen in einem Teil Europas geeignet wären, konkret in 840 Städten in 30 europäischen Ländern. Berücksichtigt wurden ausschließlich Stadt- und Dachflächen, die sich für den einfachen Gemüseanbau im Freiland eignen. Moderne, technologisierte Systeme wie Hydrokultur oder vertikale Landwirtschaft wurden nicht eingerechnet.Demnach wären insgesamt 4551 bis 7586 Quadratkilometer für den Gemüseanbau geeignet. Das entspricht 2,9 bis 4,9 Prozent der untersuchten Stadtflächen. Daraus leiten die Autoren ein jährliches Produktionspotential von 11,8 bis 19,8 Millionen Tonnen Gemüse ab. Grob entspricht das etwa einem Drittel der in den untersuchten Ländern gemeldeten Gemüseproduktion.Viele Fragen in der praktischen UmsetzungEin zentraler Befund ist die unterschiedliche räumliche Verteilung der Anbaupotentiale. In dichten Innenstadtquartieren ist die Nachfrage nach Gemüse hoch, die verfügbare Fläche aber knapp. In Außenbezirken und in kleineren Städten gibt es mehr freie Flächen, dort ist die Nachfrage geringer. Entsprechend schwanken die theoretischen Selbstversorgungsgrade für Gemüse stark, von sehr niedrigen Werten in verdichteten Bezirken bis zu rechnerischen Überschüssen in kleineren, flächenstarken Städten.Die Autoren betonen zudem die Grenzen ihrer Berechnungen. Die praktische Umsetzbarkeit haben sie nicht modelliert. Ob ein Dach statisch geeignet und gut zugänglich ist, ob Versicherungen mitspielen, ob Brandschutz oder Eigentumsverhältnisse den Anbau verhindern, ob Bewässerung möglich ist oder ob die Fläche am Ende für Photovoltaik, Technikaufbauten oder andere Nutzungen benötigt wird, bleibt offen. Für Dächer wurde bewusst konservativ gerechnet: Als geeignet gelten nahezu alle flachen Dächer. Selbst diese werden nur teilweise als nutzbar angesetzt, weil etwa für Wege, Sicherheitsbereiche, Schatten und Gebäudetechnik Fläche abgezogen werden muss.Urban Gardening in OffenbachdpaEnergiebedarf zentraler KnackpunktWer urbane Landwirtschaft diskutiert, stößt schnell auf weitere Hürden. Kritische Punkte sind der Bedarf an Energie, Wasser und Infrastruktur. Auch mögliche Vorteile gegenüber dem herkömmlichen Anbau auf dem Acker, etwa mit Blick auf Klima- und Ressourceneinsatz, müssen im Einzelfall geprüft werden. Urbane Landwirtschaft eignet sich grundsätzlich für den Anbau von Nahrungsmitteln, die wenig Platz benötigen, schnell wachsen und keine tieferen Erdschichten brauchen. Dazu zählen vor allem Blattgemüse, Salat und Kräuter.Gerade der Energiebedarf ist häufig ein Knackpunkt. Die vorliegende Studie konzentriert sich bewusst auf „Lowtech“, also technologiearme Anbauformen. Andere Ansätze wie Vertical Farming oder voll klimatisierte Indoor-Systeme haben einen deutlich höheren Energieverbrauch. Nicht zuletzt verweisen die Autoren selbst darauf, dass der CO₂-Fußabdruck urban erzeugter Lebensmittel in manchen Fällen sogar höher sein kann, abhängig von der Infrastruktur. Wenn Salat im Winter unter LED-Licht wächst, kann der Vorteil kurzer Transportwege durch Stromverbrauch und Emissionsprofil des Strommixes schnell aufgezehrt werden. Auch Wasser ist ein limitierender Faktor. In trockenen Sommern kann es zum Engpass werden, wenn keine tragfähige Bewässerungslösung vorhanden ist.Gescheitert an zu hohen Energiekosten: Kräuteranbau von Infarm in einem SupermarktInfarmSo überrascht es nicht, dass manche Start-ups in diesem Sektor schon Insolvenz anmelden mussten. Zu den prominentesten Beispielen zählt das Berliner Start-up Infarm. Seit dessen Insolvenz vor drei Jahren kämpft der Vertical-Farming-Sektor mit Imageproblemen. Infarm baute Salate und Kräuter in vertikalen Farmen an und vertrieb sie über Supermärkte. Das Modell sollte Lieferwege verkürzen, Preise senken und den CO₂-Fußabdruck reduzieren. Am Ende wurden dem Unternehmen jedoch die Energiekosten zum Verhängnis.Einige Lebensmittelhändler experimentieren derweil im kleinen Stil mit urbaner Landwirtschaft. Rewe verfolgt ein Supermarktkonzept, in dem Lebensmittel in Stadtfarmen unmittelbar in Marktnähe angebaut werden. Auf dem Dach wächst der Salat, im Geschäft liegt er zum Kauf bereit.