In der Hitze ist der Strombedarf hoch. Je höher die Temperaturen im Freien sind, desto größer ist der Bedarf an gekühlten Räumen, und desto mehr Energie wird dafür benötigt. Supermärkte zum Beispiel verbrauchen mehr Strom als sonst – trotzdem wurden mancherorts die Kühlregale zu warm, sodass Lebensmittel entsorgt werden mussten. Auch einige Industrien benötigen derzeit deutlich mehr Strom. Rechenzentren etwa müssen energieintensiver als üblicherweise gekühlt werden.Während der Bedarf hoch ist, wird in der derzeitigen Hitze zugleich die Stromerzeugung herausfordernd. Verschärft wird die Lage in weiten Teilen des Landes durch die anhaltende Dürre. Die Lage ist zwar nicht so kritisch wie etwa in Ungarn: Dort wurde der Energieminister zum Krisenminister, nachdem das einzige Atomkraftwerk des Landes in Paks für die Stromversorgung weitgehend ausgefallen ist. Die Donau führt nach Monaten geringer Niederschläge zu wenig Wasser, um die Kühlung aufrechtzuerhalten. In anderen europäischen Ländern gibt es ebenfalls Probleme, Atomkraftwerke wie gewohnt zu betreiben, so in Frankreich, der Schweiz und Rumänien.Auch das mittlerweile atomkraftwerksfreie Deutschland hat im aktuellen Extremwetter eine ganze Reihe an Problemen im Stromsystem, die die Versorgung zwar nicht flächendeckend bedrohen, aber durchaus herausfordernd sind.Die Infrastruktur ist nicht für diese Temperaturen gemachtIm Energiebereich zeigt sich ein Problem, das die Hitze auch in vielen anderen Bereichen offensichtlich gemacht hat: Ein erheblicher Teil der Infrastruktur in Deutschland ist einfach nicht für die derzeitigen Temperaturen gemacht. Während der heißen Tage häuften sich die Meldungen über Brände an Trafostationen, durch die örtliche Stromversorger elektrische Energie aus dem Mittelspannungsnetz aufnehmen und herunterregeln, um sie dann mit geringerer Spannung an Verbraucher weiterzugeben. Von diesen Stationen gibt es Hunderttausende in Deutschland, entsprechend unterschiedlich ist ihr Zustand. Die Hitze setzt, auch in anderen Bereichen des Stromnetzes, einzelnen Bauteilen zu und erhöht den Verschleiß. Probleme gibt es teilweise auch mit der Isolierung von Stromkabeln. Die meisten auf diese Weise entstandenen Stromausfälle konnten bisher nach einigen Stunden behoben werden; betroffen sind dabei in der Regel nur relativ kleine Gebiete, oft auch nur Teile von Orten.Auf Systemebene gravierender sind zurzeit die Einschränkungen bei der Wasserkraft. Angesichts der geringen Niederschlagsmengen sind die Pegelstände vielerorts so niedrig, dass kein oder nur wenig Strom erzeugt werden kann. Manch ein Kraftwerksbetreiber nutzt die Niedrigstände für Revisionsarbeiten. Für die Stromversorgung spielt Wasserkraft in Deutschland zwar prinzipiell eine eher geringe Rolle – aber sie dient der Stabilisierung des Systems. Die Wasserkraftwerke sind gut steuerbar und können normalerweise Fluktuationen bei anderen emissionsarmen Kraftwerken ausgleichen.Für Deutschland ebenfalls nicht ohne Folgen sind die niedrigen Pegelstände in den Flüssen in den Nachbarländern. Wenn in Frankreich weniger Atomstrom erzeugt werden kann, beeinflusst das den europäischen Stromhandel. Das deutsche Stromsystem ist über Knotenpunkte mit dem Ausland verbunden. Die Verbindungen machen es möglich, regionale Spitzen auszugleichen, und können günstigere Strompreise hervorbringen. Französischer Atomstrom wird normalerweise auch in Deutschland verwendet, vor allem zu Zeiten, wenn Windkraft- und Solaranlagen weniger zur Versorgung beitragen.Letztere liefern in den vergangenen Wochen sehr viel Sonnenstrom in Deutschland, allerdings sinkt die Leistung der Solarkraftwerke genau dann, wenn während Hitzewellen der Strombedarf steigt. Dieser weicht an Hitzetagen vielerorts vom üblichen Muster ab. Die Lastspitze tritt dann am späten Nachmittag oder erst am frühen Abend auf. Klimaanlagen und Ventilatoren laufen um diese Zeit weiter, sie müssen es auch, schließlich hält sich die Hitze vor allem in den versiegelten Städten und in vielen Produktionsstätten bis in die Nacht.Die niedrigen Flusspegel beeinflussen nicht nur die Stromerzeugung bei der Wasserkraft. Viele Flüsse stehen gerade auch nur eingeschränkt für Transporte zur Verfügung. Am Rhein etwa sind die Pegelstände bei Kaub so niedrig wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1880. Nicht auszuschließen, dass sich das bei Produkten wie Benzin, Diesel und Kerosin bemerkbar machen könnte, warnen die Binnenschifffahrer. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hält es für möglich, dass das Niedrigwasser in vielen deutschen Flüssen das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr zunichtemachen könnte. Einige Kohlekraftwerke beziehen ihre Brennstoffe per Schiff. Alternative Transportmittel sind teurer – oder erst gar nicht verfügbar.Die heißen, oft unbewegten Luftmassen in den vergangenen Wochen schmälerten zudem die Ausbeute der Windkraftanlagen. Vor allem in den Abendstunden waren daher zuletzt häufig Gaskraftwerke in höherem Maß gefordert, die Stromversorgung zu leisten. Das trieb an einigen Abenden die Preise an den Strombörsen in die Höhe. Angesichts der durch den Irankrieg heikleren Versorgungslage könnte das Erdgas zudem gerade gut gebraucht werden, um die Speicher zu füllen. Deren Füllstände sind relativ niedrig – und nach der Hitze kommt schon bald der Winter, wenn wieder geheizt werden muss.
Wie Hitze und Dürre die Stromversorgung beeinträchtigen
Deutschland muss im aktuellen Extremwetter zwar keine Atomkraftwerke kühlen. Hitze und Dürre fordern das Stromsystem dennoch.










