Der andere Blick mit DatenDie Legende vom Stillstand der französischen Atomkraftwerke: In der Hitze schwächelten vor allem WindräderIn den heissen Tagen diskutierte Deutschland vor allem über die Reaktoren in Frankreich und der Schweiz. Doch NZZ-Daten zeigen: Das eigentliche Problem trat im eigenen Land zutage.11.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenVor kurzem stiegen die Temperaturen in Europa bedrohlich an, und deutsche Journalisten und Politiker blickten sorgenvoll nach Frankreich: Die Sonne, hiess es, «knipst» die französischen Atomkraftwerke aus. Beim SWR stand sogar die Frage im Raum, ob der Klimawandel den Atommüll gefährden könnte. Zeitweise klang es so, als würde die globale Erwärmung vollenden, was die deutsche Anti-AKW-Bewegung jenseits des Rheins nie erreichte: die Atomkraft nun auch in Frankreich obsolet zu machen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die eigentliche Geschichte rückte dabei in den Hintergrund. Und die spielte nicht an der Rhone oder an der Garonne, sondern vor der eigenen Haustür.Deutlich anfälliger für die heissen Juniwochen erwiesen sich nämlich nicht die 57 französischen Atommeiler. Es waren die mehr als 30 000 deutschen Windräder.Die Auswertung der NZZ zeigt: Frankreichs Kernkraftwerke lieferten während der Hitzewelle stabil Strom. Die deutsche Windstromproduktion brach dagegen nach einer starken ersten Junihälfte weitgehend ein. Der Grund: eine sogenannte Hitzeflaute – viel Sonne, kaum Wind.Auf ihrem Höhepunkt am 23. und 24. Juni war der Kontrast besonders stark: Deutschlands Windräder lieferten im Tagesmittel nur noch rund 45 Gigawattstunden Strom. Frankreichs Kernkraftwerke erzeugten rund 900 Gigawattstunden – etwa zwanzigmal so viel.Es stimmt: Der französische Energiekonzern EDF drosselte wegen hoher Flusstemperaturen die Leistung einzelner Reaktoren oder nahm sie zeitweise vom Netz. Auch in der Schweiz wurde das AKW Beznau vorübergehend abgeschaltet. Bei flussgekühlten Reaktoren ist das ein bekanntes Vorgehen: Wird das Wasser zu warm, müssen sie ihre Leistung senken – aus Umwelt-, nicht aus Sicherheitsgründen.Doch gemessen am Junimittel der vergangenen fünf Jahre lag die französische Kernkraftproduktion an diesen beiden Tagen sogar um rund 10 Prozent höher. Die deutsche Windstromproduktion erreichte dagegen nur rund ein Fünftel des üblichen Niveaus.Solarstrom konnte das Problem nicht lösenNun könnte man einwenden: Deutschland hatte doch in dieser Zeit sehr viel Solarstrom, denn es schien ja ununterbrochen die Sonne. Das stimmt. Während der Hitzeflaute vom 16. Juni bis 1. Juli erzeugten die Solaranlagen rund dreimal so viel Strom wie die Windräder. Doch das half nur bedingt, nämlich vor allem tagsüber.Nach Sonnenuntergang liefern die Solaranlagen keinen Strom mehr. Mitunter hilft dann die Windkraft, die Lücke zumindest teilweise zu schliessen. Dieses Mal aber war sie schwach, und das mehrere Tage in Folge. Zugleich liefen Klimaanlagen und Ventilatoren weiter; insgesamt verbrauchten die Deutschen ab Mitte Juni spürbar mehr Strom als in den beiden Wochen zuvor.Und dieser kam nun häufiger aus fossilen Kraftwerken. Auf dem Höhepunkt der Hitzeflaute zeigte sich der Widerspruch besonders deutlich: Tagsüber stammten zeitweise mehr als 70 Prozent der deutschen Stromerzeugung aus Photovoltaik. Abends kehrte sich das Bild um: Nun kamen zeitweise 70 Prozent aus fossilen Kraftwerken. Noch dazu war der Strom sehr teuer. Am 24. Juni kurz vor 21 Uhr kletterte der Börsenpreis auf 747 Euro für eine Megawattstunde.Das war kein isolierter Ausreisser: Im vergangenen Jahr lag der Strompreis im Juni keine einzige Viertelstunde über 300 Euro je Megawattstunde. Im Juni 2026 überschritt er diese Marke 76-mal, verteilt auf 9 Tage. Auch in anderen Ländern wie Belgien und den Niederlanden kam es zu hohen Ausschlägen.Die Schwäche der deutschen EnergiewendeFrankreich war in dieser Lage nicht der Problemfall. Während in Deutschland in diesen Stunden häufiger Kohle- und Gaskraftwerke zum Einsatz kamen, produzierte das Nachbarland weiterhin grosse Mengen klimaschonenden Stroms für den europäischen Markt: Frankreich blieb auch in der Hitzewelle durchgehend ein Nettoexporteur von Strom, während Deutschland insbesondere in den Abend- und Nachtstunden grosse Mengen importierte.Das schlug sich auch in den Emissionen nieder: In den Nachtstunden vom 23. bis 25. Juni erzeugte Deutschland Strom mit rund 640 Gramm CO2 je Kilowattstunde. Frankreich spielte mit im Schnitt 60 Gramm in einer anderen Liga. Das zeigen Zahlen des NZZ-Stromtrackers.All das ist kein Zufall. Frankreichs Stromsystem ist vor allem dank der Kernkraft deutlich klimaschonender als das deutsche. Schon im Jahresvergleich 2025 lag Deutschland mit rund 370 Gramm CO2 je Kilowattstunde weit über Frankreich mit knapp 30 Gramm. Auch während der Hitzeflaute vom 16. Juni bis 1. Juli blieb der Abstand gross: Deutschland lag im Schnitt bei gut 350 Gramm CO2 je Kilowattstunde, Frankreich bei rund 35 Gramm.Die Hitzewelle legte also nicht die Schwäche der Atomenergie offen, sondern die der deutschen Energiewende. Das Bild, das Teile der deutschen Politik und der deutschen Medien von Frankreichs Stromsystem zeichneten, führt daher in die Irre. Das eigentliche Problem zeigte sich im eigenen Land: die Abhängigkeit der deutschen Stromversorgung vom Wetter und von fossilen Kraftwerken. Doch darüber berichteten nur wenige.Passend zum Artikel