KommentarZürich braucht endlich mehr Platz für Hochhäuser – und Mut für echte EntwicklungZürich stimmt bald darüber ab, ob in der Stadt mehr Hochhäuser gebaut werden dürfen. Der Urnengang ist eine Gelegenheit für Zürich, um seinen Anspruch als Metropole zu bekräftigen. Die Stadt sollte diese ergreifen.07.08.2026, 05.32 Uhr6 LeseminutenMehr Hochhäuser für Zürich? Darüber stimmt die Stadt kommenden September ab.Erwin Küenzi / Baugeschichtliches Archiv ZürichZürich wäre gerne Weltstadt. Wird es in internationalen Medien wie der «New York Times» thematisiert, erscheinen in den örtlichen Zeitungen stolze Artikel darüber. Ziehen weltbekannte Firmen in die Stadt (Anthropic, Meta, Disney), wird das gefeiert. Die ETH ist längst eine der besten Hochschulen auf dem Planeten und strahlt entsprechend aus. Man will offen sein, progressiv, weltgewandt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch dann sind Abstimmungen. Und plötzlich zeigen sich Zürcher Gemeinderäte und Gemeinderätinnen als das, was sie eben auch sind: provinziell.Am 27. September wird die Zürcher Stimmbevölkerung darüber abstimmen, ob in Zürich mehr Hochhäuser gebaut werden dürfen. Gemäss der Vorlage des Stadtrats soll es im Westen und Norden der Stadt Gebiete geben, wo Hochhäuser von 40, 60, gar 80 Meter Höhe gebaut werden dürfen. Doch SVP, SP und AL haben die Hochhausgebiete im Gemeinderat deutlich verkleinert. Dagegen hat die FDP das Referendum ergriffen, deshalb stimmt nun die Bevölkerung über die Vorlage ab. Zur Auswahl stehen sowohl die Variante des Stadtrats als auch jene des Gemeinderats. Es wird eng in der StadtIn Zürich herrscht Wohnungsknappheit. Wer nicht selber eine Wohnung sucht, kennt jemanden, der jemanden kennt, der schon seit Monaten Inserate durchkämmt, Bewerbungen schreibt, Absage um Absage kassiert.Diskussionen über die Wohnungsnot sind an der politischen Tagesordnung. Mietendeckel, Regeln für Leerkündigungen oder mehr Geld sowie Zugriffsrechte für den Staat: Vor allem die Linken sprudeln vor Ideen, von denen eine das Problem mehr verschärfen würde als die andere.In die Höhe zu bauen, könnte einen wichtigen Teil zur Lösung beitragen. In die Breite wachsen kann Zürich nicht. Die Bevölkerung hat mit ihrem Ja zum revidierten Raumplanungsgesetz entschieden, dass keine unbebaute, grüne Fläche mehr eingezont werden soll. Freie Flächen, die bereits eingezont sind, gibt es in Zürich kaum noch. Doch in der Höhe, da gibt es noch Platz.Diese Fläche könnte Tausenden Menschen, die jedes Jahr nach Zürich ziehen, eine Bleibe bieten. Heute entsteht pro abgerissene Wohnung in Zürich relativ wenig neue Wohnfläche. Das könnte sich durch Hochhäuser ändern.Ausserdem tragen Hochhäuser zur Ausstrahlung einer Stadt bei – nicht umsonst sind die Skylines vieler grosser Städte weltbekannt. Hochhäuser könnten Zürichs Anspruch, eine Metropole zu sein, bekräftigen.Doch genau das scheinen viele Zürcher Kräfte nicht zu wollen. Sie wollen vielmehr, dass Zürich so bleibt, wie es ist.Der Protest gegen die HochhäuserDer Protest gegen die Hochhäuser stammt von einer unheiligen Allianz. SP und AL spannen mit der SVP zusammen. Die Argumente der beiden Seiten sind unterschiedlich, das Resultat dasselbe: Blockade, auf Jahre hinaus.Die SP argumentiert, dass Hochhäuser schlecht für das Klima und zu teuer seien. Weil sich nur Reiche diese Wohnungen würden leisten können, würden Hochhäuser das soziale Gefüge verändern. Und, last but not least: Hochhäuser würden zu viel Schatten werfen.Die SVP findet hingegen, dass Zürich seine Seele verlieren würde. Die Stadt lebe von ihren Quartieren, und dieser Charakter ginge mit Hochhäusern verloren.Doch der Haken ist: Irgendetwas wird verlorengehen müssen, wenn die Stadt ihre heutigen Probleme lösen will. Will man mehr Zugezogenen Platz bieten, braucht es neue und mehr Wohnungen. Dafür werden alte Gebäude weichen müssen.Hochhäuser sind aus dieser Perspektive eine sinnvolle Lösung. Es müssen einige wenige Wohnungen weichen, um auf derselben Fläche viele neue zu bauen. Und das ist eigentlich, was viele Zürcherinnen und Zürcher wollen, schliesslich lautet das Zauberwort in jeder Diskussion um die Wohnungsknappheit verdichten.Doch wird dieses Zauberwort zum konkreten politischen Vorhaben, wird es schnell schwierig. Verdichten, ja bitte, aber nicht bei mir im Quartier.So war das etwa bei den Seebahnhöfen, wo alte, baufällige Wohnungen hätten ersetzt werden sollen. Doch das Projekt wurde derart mit Einsprachen eingedeckt, dass es fast abgebrochen wurde. Solche und ähnliche Vorfälle gibt es in der Stadt zuhauf.Falsch verstandener DenkmalschutzDie Verdichtung der Stadt wird auf vielen Ebenen blockiert, etwa auch durch den Denkmalschutz. Heute sind schätzungsweise 17 Prozent der Gebäude entweder denkmalgeschützt oder als schützenswert inventarisiert. Das heisst, dass sie im Grossen und Ganzen so erhalten werden müssen, wie sie sind. Abbrechen und an ihrer statt mehr Wohnfläche schaffen – das geht meist nicht.Der Denkmalschutz steht so der Verdichtung im Weg. Mittlerweile dauert es auch aufgrund zahlreicher Einsprachen im Durchschnitt fast ein Jahr, bis ein Bauprojekt in Zürich umgesetzt werden kann. Doch Konsequenzen werden daraus keine gezogen. Erst jüngst hat der Stadtrat 296 zusätzliche Baudenkmale inventarisiert. Und einmal inventarisiert, ist es unwahrscheinlich, dass diese Klassifizierung aufgehoben wird.Die Auswirkungen des Denkmalschutzes werden abstrakt immer wieder beklagt. Doch geht es darum, Gebäude zu deklassifizieren, sind dann doch immer wieder jene zur Stelle, die eben die Auswirkungen überall sehen wollen ausser bei sich. Reisst doch alle anderen Häuser ab, aber halt nicht die in meinem Quartier. Schliesslich erscheint die eigene Nachbarschaft immer schützenswerter als die anderen.Das mag in manchen Fällen stimmen. Allerdings geht es ja auch nicht darum, im Niederdorf Hochhäuser zu bauen und historische Gebäude aus dem Inventar zu lösen. Es geht darum, die Gesamtheit der Zürcher Immobilien auf einem modernen Standard zu halten – und, ja, dort, wo es sinnvoll ist, auch Hochhäuser zu bauen.Passiert das nicht, ist das Resultat jahrelanger Stillstand und einfältiges, zu kurz gedachtes Bewahren dessen, was ist.Zu kurz gedacht ist das deswegen, weil derart simples Bewahren nie tatsächlich dazu führt, dass alles bleibt, wie es ist. Wenn die Wohnungsnot nicht gelöst wird, hat auch das Konsequenzen.Es werden nur noch jene in Zürich wohnen können, die entweder eine der raren, immer teurer werdenden Wohnungen bezahlen können oder eine der begehrten Stadt- und Genossenschaftswohnungen ergattert haben. Junge Talente werden sich die Stadt kaum mehr leisten können. Teuer totalsanierte Wohnungen würden an Expats vermietet, für grosse Teile des Mittelstands würde die Stadt unattraktiv.Zürich ist heute in vielerlei Hinsicht grösser, als es seine Einwohnerzahl vermuten lässt. Die ETH, der Flughafen, der Bankenplatz weisen über die Stadt hinaus. Doch um diesen Erfolg zu wahren, muss sie mit ihrer Ausstrahlung mitwachsen. Sonst steht sie vor einem grossen Rückschritt.Städter müssen Veränderung aushaltenDieser Ehrgeiz sollte eigentlich der Anspruch all jener sein, die für Zürich Politik machen. Allen voran gilt das für die tonangebenden Linken im Gemeinderat, aber auch für die SVP, die die Hochhausrichtlinie in ihrer ursprünglichen Fassung ebenfalls bekämpft. Diese schulden auch ihren Wählern, dass sie Hochhäuser ermöglichen: Eine Sotomo-Studie von Anfang dieses Jahres hat gezeigt, dass eine Mehrheit der Bevölkerung den Bau von Hochhäusern befürwortet. Das gilt auch für die Wähler von SP und SVP.Wer die Zukunft Zürichs beeinflussen will, sollte eine Vision für diese Stadt haben. Die Lebensqualität in der Stadt ist ausgezeichnet, die Ausbildungsmöglichkeiten ebenfalls. Zürich ist attraktiv und könnte daraus noch mehr Kapital schlagen, wenn es denn mit dem Wachstum intelligent umginge.Es könnte Heimat einflussreicher Innovationen, bedeutender Startups, global bedeutender KI-Erfindungen werden. Doch dafür braucht es Fachkräfte und ein gutes Umfeld. Noch bessere Bedingungen für Forschung, Entwicklung, Unternehmertum. Es braucht mehr Wohnungen. Und ja, auch mehr Hochhäuser.Um das alles zu erreichen, braucht es Entwicklung in der Stadt. Es muss mehr gebaut werden. Solche Veränderungen sind nicht immer angenehm. Wird gebaut, ist es laut; entsteht Neues, geht Altes verloren. Doch als Städter gilt es, solche Veränderungen auszuhalten. Das sollte auch die laute Minderheit akzeptieren, die sich gegen Hochhäuser stellt.Es ist verständlich, dass sich ärgert, wer plötzlich neben einer riesigen Baustelle wohnt oder wer plötzlich einen schattigen Balkon hat, weil gegenüber ein Hochhaus gebaut wurde. Aber individueller Ärger ist kein guter Ratgeber für eine Politik, die eine Stadt umsichtig und als Ganzes entwickeln soll. Direkte Demokratie heisst auch, dass jeder Einzelne eine gewisse Verantwortung dafür übernimmt, sich Gedanken zu machen, was für die Gesellschaft das Richtige wäre.Es braucht gute Bedingungen für die BauherrenDie Arbeit ist allerdings nicht mit der Befürwortung von Hochhäusern getan. Sind erst Hochhäuser erlaubt, müssen diese auch noch gebaut werden. Damit das passiert, müssen auch die Bedingungen für die Bauunternehmen stimmen.In der Variante der Hochhausrichtlinie des Gemeinderats fordert das Parlament, dass ein grosser Teil der Fläche, die durch den Bau von Hochhäusern zusätzlich entstehen würde, gemeinnützig genutzt werden soll. Wird das angenommen, haben private Bauherren kaum Anreiz, überhaupt Hochhäuser zu bauen. Doch den braucht es, wenn nicht nur Fläche für Hochhäuser geschaffen, sondern dort auch Hochhäuser entstehen sollen.Soll die Vision eines ehrgeizigen, weltoffenen, dynamischen Zürichs umgesetzt werden, braucht es dafür viele Akteure: Es braucht Unternehmer, die Wohnungen, Häuser, Hochhäuser bauen. Es braucht die Politik, die ihnen dafür gute Bedingungen schafft. Und es braucht die Bevölkerung, die sich beidem nicht in den Weg stellt, nur weil es kurzfristig bequemer ist.Nicht alle wollen gleich leben. Das gehört zu einer liberalen Gesellschaft. Aber daraus abzuleiten, dass jeder ein Anrecht darauf hat, seine ruhige, ungestörte, beschauliche Lebensform genau an dem Ort ausleben zu können, an dem er oder sie gerade wohnt – das führt in Sackgassen. Die Stadt auf diese Weise künstlich kleinzuhalten, würde grossen Rückschritt bedeuten.Passend zum Artikel