Seit Jahrhunderten beansprucht Marokko die Exklaven für sich. Politiker, Medien, aber auch Dichter erheben sie zum Symbol für den Widerstand gegen den Kolonialismus.Kacem El Ghazzali06.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenMigranten sehen die spanische Exklave Ceuta als Einfallstor nach Europa. Für Marokko ist der Ort ein «besetztes Gebiet».Hussein El-Alawi / ImagoDie Aussengrenze der Europäischen Union verläuft an zwei Stellen über afrikanischen Boden: bei Ceuta und bei Melilla, zwei Städten an der marokkanischen Mittelmeerküste. Für Madrid sind es spanische Städte, so spanisch wie Sevilla oder Salamanca. Für Marokko sind sie etwas anderes: die letzten besetzten Städte des Landes. Ende Juli hat diese Grenze wieder einmal Weltnachrichten produziert – Zehntausende Menschen im Wasser vor Ceuta – und Tote.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Eine portugiesische Flotte eroberte Ceuta in einem einzigen Tag – es war, wie Historiker gern anmerken, der Auftakt der europäischen Expansion überhaupt, der erste Vorposten des kolonialen Zeitalters. 1668 trat Portugal die Stadt im Vertrag von Lissabon an Spanien ab.Eine Rückeroberung, wo es nichts zurückzuerobern gabMelilla war schon 1497 gefallen, keine fünf Jahre nach Granada. In der marokkanischen Erinnerung gehören diese Daten zusammen: Der Fall Granadas und der Verlust der beiden Küstenstädte sind Kapitel derselben Erzählung, der Erzählung von der verlorenen andalusischen Welt. Und doch besteht aus marokkanischer Sicht ein entscheidender Unterschied. Al-Andalus war europäischer Boden, den muslimische Eroberer genommen und nach acht Jahrhunderten wieder verloren hatten. Ceuta und Melilla dagegen liegen auf der afrikanischen Seite der Meerenge. Sie waren nie iberisches Altland, das es zurückzuerobern galt: in der Antike phönizisch, römisch, byzantinisch, seit der Islamisierung Nordafrikas – mit Unterbrechungen, zeitweise regierte das Kalifat von Córdoba in Ceuta, im 14. Jahrhundert kurz sogar Granada – Teil der Reiche, die das heutige Marokko formten.Als Portugal und Spanien nach 1492 über die Meerenge griffen, setzten sie die Reconquista auf einem Kontinent fort, auf dem es nichts zurückzuerobern gab. Die Sultane Marokkos haben sich damit nie abgefunden. Immer wieder wurden die Städte belagert, im 17. Jahrhundert, im 18., zuletzt mit grossem Aufwand unter Sultan Mulay Ismail und Mohammed III. Vergeblich.Aber – und darauf legt die marokkanische Lesart grössten Wert – kein marokkanischer Herrscher hat je ein Dokument unterzeichnet, das den Verzicht auf die Städte besiegelt hätte. 1975 forderte Rabat in einem Memorandum an den Uno-Entkolonialisierungsausschuss den spanischen Rückzug; seither hält es den Anspruch aufrecht, sucht aber vor allem den bilateralen Weg – König Hassan II. schlug 1987 vergeblich ein gemeinsames Komitee für die Zukunft der Städte vor.Die Eroberung von Ceuta durch die Truppen des Königreichs Portugal 1415: Wandbild aus Porzellankacheln im Bahnhof Sao Bento in Porto.UllsteinGeraubtes Land, verwundete WürdeSo viel zur Chronik. Interessanter ist, was die Städte im kollektiven Imaginären geworden sind. Im Marokkanischen hat sich für sie ein Name eingebürgert: «al-asiratan», «die beiden Gefangenen». Zwei Frauen in Fesseln, zwei Schwestern hinter Gittern – die Metapher durchzieht die moderne marokkanische Dichtung so beharrlich, dass der Literaturwissenschafter Mohammed Ajbilou ihr eine ganze Anthologie widmen konnte, die eben diesen Titel trägt.Das berühmteste Gedicht dieser Tradition stammt von Ahmed al-Majjati, einem der Erneuerer der marokkanischen Lyrik. Sein «Sebta» (Ceuta) gehört zum Kanon, wird an Gymnasien im Literaturunterricht unter der Gattung der Widerstandsdichtung gelesen. Die Stadt wird bei ihm zur Allegorie – geraubtes Land, verwundete Würde; und der Dichter mahnt, kaum verhüllt, die Anstrengungen zur Befreiung Ceutas dürften nicht erlahmen.Melilla hat ihr Gegenstück in einem Gedicht von Ibrahim al-Hajri gefunden, dem der Literaturwissenschafter Ismail Oualdouha eine aufschlussreiche Untersuchung gewidmet hat. Sie zeigt, wie der Dichter das Bild Melillas als einer besetzten Stadt zugleich als Träger eines argumentativen Sinns aufbaut: Die poetischen Bilder dienen dazu, die Zugehörigkeit der Stadt zu Marokko zu bekräftigen und die Besetzung zurückzuweisen.«Marokkanisch wie die Sahara»Auch die Erzählprosa hat sich der Städte angenommen, nüchterner, näher am Alltag. Mustapha Rachidis Erzählband «Wunden auf den Mauern von Ceuta und Melilla» macht schon im Titel die Grenzanlagen zur Schreibfläche des Schmerzes. In diesen Geschichten geht es um das Leben an der Naht: um Schmuggel und Tagelöhnerei, um marokkanische Frauen, die als Lastenträgerinnen Waren über die Grenze schleppen, um Menschen, die zwischen marokkanischer Zugehörigkeit und spanischer Verwaltung leben, mit Dirham und Euro in derselben Tasche. Die Stadt in der marokkanischen Kurzgeschichte, so hat es der Kritiker Mohammed Yahya Kassimi notiert, heisst Tanger, Fès, Marrakesch – und eben auch Sebta und Melilla, Grenzstädte, in denen sich die Kolonialgeschichte in die Sozialstruktur eingeschrieben hat.Marokkanische Frauen, sogenannte Porteadoras (Trägerinnen), tragen schwere Lasten zu Fuss über die Grenze nach Melilla.David Ramos / GettyDiese Sicht ist keine Sache der Dichter allein, sie steckt in der Alltagssprache. Die marokkanische Presse, auch die frankofone, schreibt bis heute wie selbstverständlich von den «présides occupés», den besetzten Territorien. In einer Eingabe an die Uno nannte Rabat die beiden Städte noch 2022 schlicht «besetzte Städte». Die Politik hält den Anspruch auf kleiner Flamme, lässt ihn aber nie erlöschen: Die Istiklal-Partei – die älteste des Landes, einst Trägerin des gegen Frankreich gerichteten Unabhängigkeitskampfes und bis heute eine der grossen Regierungsparteien – erklärt in ihren Beschlüssen seit Jahrzehnten, die territoriale Einheit Marokkos bleibe ohne Sebta und Melilla unvollständig. Premierminister Saadeddine El Othmani sagte im Dezember 2020, die Städte seien «marokkanisch wie die Sahara», was prompt eine diplomatische Verstimmung mit Madrid auslöste.Gibraltar als GegenstückMadrid sieht das naturgemäss anders. Die spanische Lesart verweist darauf, dass die Präsenz in beiden Städten älter sei als der spanische Kolonialismus in Marokko, dass Ceuta und Melilla nie auf der Uno-Liste der zu entkolonialisierenden Gebiete gestanden hätten, dass ihre Bewohner mehrheitlich spanische Staatsbürger seien und beide Städte seit 1995 als «autonome Städte» in den spanischen Staat integriert seien. Aus marokkanischer Sicht wiegen diese Argumente allerdings weniger schwer, als sie klingen. Dass die Eroberung lange zurückliegt, macht sie nicht legitim. Vor allem aber vertritt Spanien die Gegenposition andernorts selbst: Mit denselben historischen Argumenten, die es in Nordafrika zurückweist, fordert es seit dreihundert Jahren Gibraltar von den Briten zurück.Dass dieser Streit kein antiquarisches Glasperlenspiel ist, führt die Gegenwart regelmässig vor. Ceuta und Melilla sind heute vor allem eines: die Landgrenze Europas zu Afrika – und damit Brennpunkte der Migration. Letzte Woche kam es zur bislang grössten Krise: Nachdem das spanische Oberste Gericht Anfang Juli die sofortige Zurückweisung von über See ankommenden Migranten für rechtswidrig erklärt hatte und in den sozialen Netzwerken das Gerücht kursierte, die Grenze stehe offen, machten sich Zehntausende – Marokkaner, aber auch Algerier – auf den Weg nach Fnidek.Das kleine Grenzstädtchen unmittelbar vor den Toren Ceutas ist der neuralgische Punkt der ganzen Frage: Hier stossen die marokkanische Küste und der spanische Zaun fast unvermittelt aneinander. Die Schätzungen über die Zahl derer, die von dort schwimmend oder über die Felsen nach Ceuta gelangten, reichen von vierzig- bis sechzigtausend. Etwa die Hälfte kehrte binnen Tagen zurück, freiwillig oder mangels Alternative. Ausgerechnet zum marokkanischen Thronfest, das dieses Jahr unweit von Fnidek gefeiert wurde, gingen die Bilder um die Welt.Hunderte von Marokkanern schwimmen von Marokko nach Ceuta, 30. Juli 2026.Reduan Dris / EPAScham und ZornIn diesen Tagen hat sich auch der bekannteste lebende Schriftsteller Marokkos wieder zu Wort gemeldet. Tahar Ben Jelloun, Goncourt-Preisträger, hatte schon 2021 im französischen Fernsehen erklärt, Ceuta sei marokkanisches Land, seit über fünfhundert Jahren besetzt, Melilla ebenso. Wenige Tage nach dem 30. Juli schrieb er nun in einer Kolumne von Scham und Zorn – über die Bilder und über die Toten. Seine Schlussfolgerung: Gerade dieses Drama könnte der Ausgangspunkt der Lösung sein, der Rückgabe beider Städte an Marokko. Europäische Städte auf marokkanischem, auf afrikanischem Boden – das sei eine Absurdität.Ben Jelloun zeigt nach Madrid. Ausgerechnet ein Mann des Establishments hat die Frage dann umgedreht. Hassan Aourid, einst erster Sprecher des Königspalastes und offizieller Reichshistoriker, heute Romancier und Influencer, schrieb wenige Tage später auf al-Jazeera. Auch er nannte die Lage in Ceuta und Melilla kolonial und durch nichts zu rechtfertigen. Doch dann richtete er den Blick nach innen und kritisierte Marokkos eigene Politik. Die vielgerühmten Errungenschaften des Landes ruhten auf einer «doppelten Ökonomie» wie in einem kolonialen Gefüge, von der die meisten Marokkaner nicht profitierten: Mit moderner Infrastruktur lasse sich niemand überzeugen, dem ärztliche Behandlung oder Arbeit verwehrt sei, schrieb Aourid. So entstünden zwei einander fremde Gesellschaften. Darin liege der wahre Grund, der Tausende Marokkaner nach Ceuta getrieben habe – nicht in Madrid.Passend zum Artikel
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