Wie eine spanische Kleinstadt in Nordafrika zum Brennpunkt der Migrationspolitik wurdeCeuta ist seit Jahrhunderten in spanischem Besitz. Manche finden, Spanien sollte seine Exklaven abgeben – zum Beispiel Marokko.06.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenCeuta wurde immer wieder erobert und wegen seiner Lage an der Meerenge von Gibraltar früh strategisch wichtig.Bruno Kickner / Imago18,5 Quadratkilometer – ein wenig mehr als die Fläche von Genf: So gross ist Ceuta, Spaniens Exklave in Marokko. 84 000 Menschen leben in der Stadt, so viele wie in Luzern oder Konstanz.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch Ceutas Grösse steht in keinem Verhältnis zur politischen Bedeutung der Stadt. Das zeigte sich in den vergangenen Tagen, nachdem etwa 70 000 Migranten in die Stadt geströmt waren. Nur noch über 2000 von ihnen harren nach einer Woche laut der spanischen Regierung noch in Ceuta aus. Die Schockwellen dauern an: Die Europäische Union ist in heller Aufregung, Migrationshardliner weltweit sehen die Bilder aus Ceuta als wahr gewordenes Untergangsszenario, und Spaniens Regierung steht von allen Seiten unter Beschuss.Alles wegen ein paar Quadratkilometern felsigen Landes an der afrikanischen Mittelmeerküste. Ceuta und die zweite Exklave Melilla teilen die einzige europäische Landgrenze mit Afrika. Wie kam das?Militärstützpunkt und SchmelztiegelCeuta ist seit Jahrhunderten spanisches Territorium. 1415 eroberten portugiesische Seefahrer die Halbinsel, 1580 annektierte die spanische Krone Portugal – und damit auch Ceuta.Die Portugiesen und die Spanier waren nicht die ersten Herren von Ceuta: In den Jahrhunderten davor hatten nacheinander Karthager, Römer, Germanen und Araber den Ort erobert. Ceuta wurde wegen seiner Lage an der Meerenge von Gibraltar früh strategisch wichtig. Es diente wie Melilla als Militärhafen und Drehscheibe für den Handel im Mittelmeer und im Atlantik. Bis heute sind Ceuta und Melilla Militärstützpunkte.Ein Fresko aus dem Jahr 1578 im Palacio de Santa Cruz zeigt die Unterstützung für Tunesien und Ceuta.Index Fototeca / Heritage Images / GettyCeuta und Melilla blieben auch spanisch, als Marokko 1956 unabhängig wurde. Die geografische Lage der Städte schlägt sich in ihrer Bevölkerung nieder: Die Bewohner Ceutas sind zur Hälfte spanischer und marokkanischer Herkunft, Christen und Muslime halten sich die Waage. Viele Leute sprechen einen lokalen marokkanischen arabischen Dialekt. Auch kleine jüdische und indische Gemeinschaften leben in der Stadt.Schengen macht Ceuta berühmtDie Prominenz Ceutas stieg in den 1990er Jahren schlagartig – die Stadt rückte in den Fokus europäischer Migrationspolitik. 1991 unterzeichnete Spanien das Schengenabkommen. 1993 wurde in Ceuta ein Grenzzaun errichtet, acht Kilometer lang, zwei Meter hoch. 1995, als Schengen in Kraft trat, wurde der Zaun um einen Meter erhöht und mit Stacheldraht versehen.Ceuta ist kein regulärer Teil des Schengenraums. Wer in der Exklave ankommt, darf nicht automatisch auf spanisches Festland reisen. Das wussten die meisten der Migranten, die vergangene Woche nach Ceuta schwammen, offenbar nicht. Viele von ihnen hatten in den sozialen Netzwerken gelesen, die Grenze nach Ceuta und damit Europa stehe offen.Trotz dem Sonderstatus wurden Ceuta und Melilla zu Fixpunkten für marokkanische Migranten, die nach Europa gelangen wollten. Und auch für Menschen aus dem subsaharischen Afrika, die Marokko als Transitland nutzten.Mehrfach ist es in den letzten Jahrzehnten zu tödlichen Vorfällen gekommen. Im Februar 2014 versuchten 200 Migranten, nach Ceuta zu schwimmen oder über den Zaun zu klettern. Die Polizei drängte die Migranten mit Gummigeschossen zurück. 14 von ihnen ertranken. Im Mai 2022 verloren bei einem Ansturm in Melilla von 2000 Migranten mindestens 24 ihr Leben. Beim jetzigen Grenzsturm sollen bis zu hundert Menschen ums Leben gekommen sein.Ceuta macht das Problem mit illegaler Migration aufgrund seiner exponierten Lage besonders sichtbar.Anadolu / AnadoluDer Grenzzaun um Melilla ist inzwischen an den meisten Stellen sechs Meter hoch, dreimal so hoch wie zu Beginn. Wärmebildkameras und Bewegungsmelder überwachen die Grenze. Nach dem Grenzbruch von vergangener Woche installierte Spanien eine 500 Meter lange schwimmende Barriere im Meer.Die «besetzten Gebiete»Ceuta und Melilla sind eigentlich nicht die wichtigsten Tore nach Europa bei Marokko: Auf den Kanarischen Inseln vor Marokkos Küste landeten 2025 laut Zahlen der spanischen Regierung 29 000 Migranten. In Ceuta und Melilla waren es 3850.Aber ihre Besonderheit als befestigte Enklaven an der Landgrenze zu Afrika verschafft Ceuta und Melilla Sichtbarkeit und symbolische Bedeutung. Auch aus der Sicht Marokkos. Die dortige Regierung hat die Souveränität Spaniens über die Enklaven nie anerkannt. Sie bezeichnet diese als «besetzte Gebiete».Nachdem der Ansturm von fast 70 000 Menschen auf Ceuta von neuem offengelegt hat, wie verletzlich die Enklaven aufgrund ihrer Lage sind, versuchen marokkanische Stimmen, Profit daraus zu schlagen. Das reichweitenstarke und regierungshörige Onlineportal Le360 schrieb noch am Tag des Grenzsturms: «Die Episode verdeutlicht erneut den unhaltbaren Status der Enklaven von Ceuta und Melilla.» Diese seien «geografische Anomalien». «Die Rückgabe von Ceuta und Melilla erscheint auf lange Sicht unvermeidlich.» Der Artikel wurde in vier Sprachen veröffentlicht, auch auf Spanisch. Die Botschaft: Will Spanien Bilder wie jene von vergangener Woche vermeiden, wäre es gut beraten, seine afrikanischen Exklaven abzutreten.Ceutas Bewohner wollen spanisch bleibenAuch spanische Kommentatoren überlegten nach dem Ansturm auf Ceuta, ob es nicht klüger wäre, die Exklaven abzugeben – obwohl diese schon Jahrhunderte vor der Entstehung des modernen marokkanischen Staats in spanischem Besitz waren.Im Zuge des aktuellen Grenzübertritts Tausender wurden wieder Stimmen laut, die die Abtretung der Exklave forderten.xvictormulerox via imago-images. / www.imago-images.deEine Abtretung der Exklaven ist aber so gut wie ausgeschlossen. Staatsgebiet abzutreten, ist ein Tabu für Nationalstaaten – für Spanien, das über mehrere Regionen mit belastetem Verhältnis zum Zentralstaat verfügt, noch mehr als für andere. Zudem will die grosse Mehrheit der Bevölkerung von Ceuta und Melilla spanisch bleiben. Die Zugehörigkeit zur EU, die die Exklaven zum Ziel für Tausende von Migranten macht, ist auch für ihre Bewohnerinnen und Bewohner ein unschätzbarer Vorteil.Passend zum Artikel
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