Nach langer Wartezeit und aufwendiger Renovierung öffnete die Zürcher Stadtvilla am 1. August ihre Türen. Während das Bistro bereits ausgebucht war, muss man sich bis zur Eröffnung des Fine Dining noch gedulden. Was im «Florhof» bereits perfekt funktioniert und was noch erarbeitet wird.Nicht alles ist fertig im «Florhof», aber das ist nicht tragisch. Eine Duschwand muss noch eingebaut werden in einem der Zimmer, ein paar wenige Trouvaillen für den Weinkeller fehlen noch, die Flaschenkarte liegt in den letzten Zügen der Erstellung. Um die noch ausstehende Arbeit redet das Team um den Inhaber Silvio Denz und die General Managerin Tanja Wegmann nicht herum. Doch am 30. Juli, als ein paar wenige Journalisten schon einmal eine Tour durchs Haus machen und erste Einblicke ins kulinarische Geschehen nehmen dürfen, überwiegt die Begeisterung bei weitem. Der «Florhof» war über Jahrhunderte Wohnhaus von Kaufleuten, Seidenhändlern und Wirten und beherbergt heute Hotel und Gastronomie. Villa Florhof Wer Silvio Denz und seine Projekte kennt, etwa die «Villa Lalique» im elsässischen Wingen-sur-Moder, weiss um das Perfektionsstreben, die Zusammenarbeit mit Künstlern, die bis ins Detail elaborierte Dekoration.Auch im Falle des «Florhofs» hat niemand gespart. Besonders auffällig ist jedoch, wie geschickt die Räumlichkeiten aufgeteilt wurden. Viel Platz ist in dem Gebäude schliesslich nicht. Trotzdem entstanden die «Bar & Brasserie», die nicht bloss zahlreiche kleine Tische, sondern auch mehrere Plätze an der Theke vorsieht, ein Fumoir, ein Salon, der imposante Weinkeller.Die Terrasse ist wohl bald kein Geheimtipp mehrIst die Brasserie voll, dürfte es hier eng werden für den Service. Doch das Zweitlokal der «Villa Florhof» ist ausdrücklich als Treffpunkt all jener Hotelgäste und Zürcher gedacht, die sich eine Kleinigkeit zu essen gönnen, die drei Gänge von der Karte bestellen, vielleicht aber auch nur einen Cocktail trinken wollen. Im August bietet sich zu all diesen Zwecken die Terrasse an; sie war schon im alten «Florhof» eine Attraktion, blieb aber lange ein Geheimtipp. Die unaufgeregte Stimmung auf der Terrasse tröstet über die Wartezeit hinweg. Villa Florhof Das könnte sich jetzt ändern, zumal auch hier die Details überzeugen. Man sitzt ausgesprochen bequem, die Tische sind klug positioniert, das Licht ist abgestimmt. Eine durchdachte Beleuchtung wird auch eines der Features im Fine Dining sein, das freilich noch nicht komplett eingerichtet ist.Zwei engagierte Köche sind bereits an BordWer hier Ende des Jahres kochen wird, ist nach der überraschenden und kurzfristigen Trennung von Christian Jürgens, dem designierten Küchenchef, noch unklar. Man lässt sich Zeit bei der Wahl eines neuen Verantwortlichen, prüft die eingehenden Bewerbungen, erarbeitet ein Konzept.Führungslos ist die Küche derzeit ohnehin nicht. John-Benjamin Schiffmann ist verantwortlich fürs Bistro, Christian Hoffmann kümmert sich gerade ebenfalls ums Zweitlokal und wird später massgeblich das Fine Dining unterstützen. Christian Hoffmann . . . Villa Florhof . . . und John Schiffmann verantworten die Küche des neuen «Florhofs», bis das Fine Dining eröffnet wird. Villa Florhof Die beiden haben nach dem Abgang Jürgens’ auf die Schnelle eine neue Speisekarte entworfen, welche die unkomplizierte Seite des Outlets betont: «Sonnenseite» nennt sich der Risotto, «Catch me if you can» ein Fischgang mit Dorade, Fenchel, Muscheln und Safran, «Zwiebelglück» das Entrecôte mit Pommes Anna. Das wirkt herzig, scheint mir aber etwas beliebig, greift die Geschichte der Villa nicht wirklich auf. Da und dort könnte in dieser Hinsicht noch nachgearbeitet werden.Der «Kopf hoch» genannte Kopfsalat mit Pickles, weisser Tomatenemulsion, Ei und Parmesan gelingt indes prima, und als «Gut gewickelt» kommt eine üppige Portion Cannelloni mit geschmortem Rind und Eierschwämmli. Eine etwas gröbere Fleischfüllung würde mehr haptische Befriedigung verschaffen, aber die Würzung überzeugt sehr. Die Preise geben ebenfalls zur Freude Anlass, weil Hauptgänge bereits ab 34 Franken zu haben sind. Ein Ort für alle: Das könnte hier tatsächlich funktionieren.Eiskaffee der Spitzenklasse sowie Getränke auf höchstem NiveauWie durchdacht das Angebot ist, merke ich nicht zuletzt am Dessert. Lange hat man hier am Eiskaffee getüftelt, serviert nun ein Zweierlei: einmal Glace und Crumble, zum anderen den starken Kaffee im Kännchen. Jeder Gast kann die Stärke selbst steuern, das Ergebnis begeistert durch Abwechslung im Mund, gut abgestimmte Süsse und tadellose Produkte. Gibt es einen besseren Eiskaffee in Zürich? Spontan wüsste ich keinen. Einer der Höhepunkte der neuen Brasserie: Der Eiskaffee wird mit separat serviertem Kaffee zum Nachgiessen gereicht. Wolfgang Fassbender Auch die Weinkarte dürfte es, wenn sie fertig ist, an die Spitze der hiesigen Gastronomie schaffen. Der junge Sommelier Julien Beltzung gebietet über einen perfekt sortierten Keller, in dem Elsässer seiner Heimat ebenso vertreten sind wie grosse Bordeaux, deutscher Riesling oder die neuesten Entdeckungen der Schweizer Winzerszene. Ebenso eindrucksvoll finde ich die angebotenen Cocktailkreationen. Die «Aphrodite» aus Gin, Cointreau, Agave, Zitrus und Orangenschaum hat das Zeug zum Zürcher Summer-Drink 2026. Noch ist die Weinkarte nicht ganz fertig. Der eindrückliche Weinkeller lässt aber bereits Grosses erwarten. Villa Florhof Der Besuch erfolgte auf Einladung. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.