Für das Signature-Restaurant wünscht er sich mindestens einen Stern – in die Brasserie sollen die Zürcher zum Jassen kommen.06.08.2026, 05.00 Uhr10 LeseminutenHinter dem Kunsthaus, in einer ruhigen Ecke des Universitätsquartiers, befindet sich ein Stück Zürcher Stadtgeschichte: Der «Florhof», ein historisches Patrizierhaus aus dem 15. Jahrhundert, war über Generationen hinweg Wohnsitz für wohlhabende Kaufleute, Seidenhändler und Politiker. Im frühen 20. Jahrhundert wurde die Villa in eine Pension umgewandelt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Fast hundert Jahre lang blieb die Liegenschaft im Besitz der Familie Beckel, die darin ein traditionsreiches Hotel betrieb – bis der Betrieb überraschend geschlossen wurde.Die Villa Florhof befindet sich in einem 600 Jahre alten Patrizierhaus. Vor wenigen Tagen wurde das Hotel wiedereröffnet.Danach ging das Haus in neue Hände über: Der Unternehmer Silvio Denz, Chef der Lalique Group, und der Stadler-Rail-Chef Peter Spuhler erwarben die Liegenschaft gemeinsam. Nach aufwendiger Restaurierung eröffnet das Haus nun unter dem Namen Villa Florhof, geführt von der Lalique Group.Herr Denz, die Villa Florhof machte schon vor der Eröffnung Schlagzeilen: Der Chefkoch Christian Jürgens verliess das Hotel überraschend. Was ist passiert?Silvio Denz: Die Chemie hat nicht gestimmt. Fachlich hat er uns überzeugt. Wir haben uns aber gemeinsam entschieden, getrennte Wege zu gehen.Jürgens wurde an einem früheren Arbeitsort vorgeworfen, er habe Mitarbeitende unangemessen behandelt. Warum hatten Sie ihn trotzdem eingestellt?Ich finde, jeder hat eine zweite Chance verdient. Zudem ist er uns empfohlen worden von einem unserer Partner der Lalique Group, der ihn seit vielen Jahren kennt.Wie schwierig war es, auf die Schnelle einen neuen Küchenchef zu finden?Ich möchte zuerst etwas klarstellen: Es wurde kolportiert, das ganze Personal sei gegangen. Tatsächlich hatten eine Pâtissière und ein Jungkoch gekündigt. So etwas kann vorkommen, wenn man ein komplett neues Team zusammenstellt. John Schiffmann, der von Anfang an als Küchenchef für die Brasserie vorgesehen war, hat diese nun mit Christian Hoffmann übernommen, der bereits bei uns als Souschef von Christian Jürgens gearbeitet hat.In der Brasserie sollen sich die Zürcherinnen und Zürcher zum Jassen treffen können.Sie haben den «Florhof» zusammen mit dem Stadler-Rail-Chef Peter Spuhler gekauft. Taugt eine historische Liegenschaft als Investment?Wir konnten den «Florhof» von der Familie Beckel zu einem sehr fairen Preis erwerben. Ich glaube an den Erfolg dieses Betriebs. Es gibt in Zürich, abgesehen von der «Kronenhalle» oder dem «Zeughauskeller», nur sehr wenige Restaurants mit einer über 100-jährigen Geschichte, die so stark in der Bevölkerung verankert sind wie der «Florhof». Er ist eine Institution. In den letzten Wochen wurde ich pro Tag mindestens ein Dutzend Mal gefragt, wann es denn endlich losgehe – kürzlich sogar von einem Mitarbeiter am Flughafen. Es gibt aber noch einen weiteren Aspekt.Nämlich?Wir wollen unseren Gästen Erlebnishotellerie bieten. Die ursprüngliche Idee dazu stammt von unserem ersten Betrieb, der Villa René Lalique in dem kleinen Kristalldorf Wingen-sur-Moder im Elsass. Dort befinden sich die hundertjährige Manufaktur sowie das staatliche Museum von Lalique. Die Villa ist abgelegen, mitten im Wald, und trotzdem kommen die Leute von weit her, um sie zu besuchen. Ich dachte mir: Wenn dieses Konzept in den einsamen Vogesen funktioniert, dann auch hier, in der Weltstadt Zürich. In der Villa Florhof erzählen wir die Geschichte der Zürcher Seidenindustrie. Der Seidenfalter zieht sich als Element durch das ganze Hotel. Ein Historiker hat monatelang im Archiv recherchiert, um eine lückenlose Chronik des Hauses zu erstellen – von den alten Seidenindustriellen und Textilpionieren der Familie Lavater-Oeri bis heute.Sie interessieren sich für Geschichte?Ja, und ich bin ein Fan von alten Liegenschaften. Sie erzählen die Geschichten von Menschen, von Generationen. Als ich zwischen 2002 und 2016 in London lebte, haben wir zusammen mit einem Immobilienentwickler über ein Dutzend viktorianische Häuser gekauft und renoviert. Wir haben sie unter Denkmalschutzauflagen restauriert. Bei manchen kamen zehn Schichten alter Tapeten zum Vorschein. Wir haben die Häuser mit einem Lift und Klimaanlagen ausgestattet und dann wieder verkauft. Das war wahnsinnig spannend, lukrativ auch, aber vor allem sehr emotional. Wenn man hinter einer Wandverkleidung plötzlich eine alte Türöffnung entdeckt, von der niemand mehr wusste, ist das faszinierend.In einem der Hotelzimmer sind historische Stuckaturen mit Bergreliefs angebracht.Die Villa Florhof ist ein geschütztes Patrizierhaus aus dem 15. Jahrhundert. Welche Kompromisse mussten Sie eingehen, um Luxus mit den Auflagen des Denkmalschutzes zu vereinen?Wir konnten mit einem sehr guten jungen Denkmalpfleger zusammenarbeiten. Die Umstände beim «Florhof» sind speziell. Die Liegenschaft selbst ist zwar 600 Jahre alt, wurde 1972 aber ausgehöhlt, renoviert und später unter Denkmalschutz gestellt. Original geblieben sind etwa der Kachelofen, die Stuckaturen oder Türen. Die grösste Arbeit hatten wir beim Weinkeller, der einen bröckligen Kalkboden hatte. Wir durften ihn herausnehmen und ersetzen. Zum Glück, denn beim Ausheben haben wir festgestellt, dass das Haus überhaupt kein Fundament hatte! Man muss sich das vorstellen: ein 600 Jahre altes Haus, das einfach an den Hang gebaut wurde. Dass es die letzten Jahrhunderte ohne Fundament überstanden hat und nicht abgerutscht ist, grenzt an ein Wunder. Wir mussten nachträglich zwei Stahlträger einziehen, was uns zusätzliche Monate gekostet hat. In einem alten Haus erlebt man Überraschungen.Dann war also vor allem die Liegenschaft der Grund, warum Sie in Zürich ein neues Hotel eröffneten.Nicht nur. Sowohl Peter Spuhler als auch ich haben eine Verbindung zu Zürich. Er ist im Quartier aufgewachsen, ich wohnte mit Unterbrüchen über vierzig Jahre hier. In Zürich ist der Hauptsitz der Lalique Group, wir haben auch ein Verkaufsgeschäft hier. Viele unserer Kunden machen regelrechte Touren und reisen von unseren Hotels im Elsass weiter zu den anderen Standorten. Das war für uns das Zeichen, zu sagen: Wir wollen in der Stadt Zürich präsent sein. Das Hotel ist wie ein grosser Showroom, in dem wir unsere Produkte präsentieren können. Die Villa Florhof ist aber möglicherweise eines der letzten Hotels, die wir eröffnen. Ich werde im September 70 Jahre alt. Ich habe noch viel Energie, aber man weiss nie, was die Zukunft bringt.In Zürich gibt es schon viele Luxushotels. Warum sollen die Gäste zu Ihnen kommen und nicht ins «Baur au Lac», in den «Widder» oder das «Dolder Grand» gehen?Preislich bewegen wir uns deutlich unter den Fünf-Sterne-Häusern in Zürich. Einer unserer grossen Vorteile ist die Lage: In dieser Gegend gibt es praktisch kein anderes Hotel mit diesem Standard. Man ist in zwei Minuten am Bellevue und in fünf Minuten in der Altstadt. Trotz zentraler Lage ist es hier sehr ruhig. Ich denke, wir decken hier ein echtes Bedürfnis ab. Wenn man in die alten Gästebücher des «Florhofs» schaut, sieht man, dass hier schon Schauspieler, Nobelpreisträger und Professoren übernachtet haben. Das ist ein geschichtsträchtiger Ort, der eine Lücke füllt. Kommt hinzu: In Zürich sind die Hotels sehr gut ausgelastet.«Das Hotel ist wie ein grosser Showroom, in dem wir unsere Produkte präsentieren können», sagt Silvio Denz.Die Löwen sind eine Reminiszenz an das Zürcher Wappentier.Zürich ist aber – im Gegensatz zu Luzern oder dem Berner Oberland – keine klassische Tourismusdestination. Es fehlen grosse Attraktionen.Ich finde Zürich überhaupt nicht langweilig. Für mich ist Zürich eine grossartige Weltstadt. Zürich bietet im Sommer den See, die Berge liegen praktisch vor der Haustür, wir haben eine wunderschöne Altstadt, die Bahnhofstrasse zum Einkaufen, aber auch das lebendige Nachtleben an der Langstrasse. Man ist in kürzester Zeit auf dem Üetliberg oder dem Zürichberg. Wer mehr sehen will, ist in einer Stunde in Basel an der Kunstmesse oder in den weltberühmten Museen. In New York braucht man eine Stunde, um nur schon aus Manhattan herauszukommen. Wir Schweizer empfinden es vielleicht manchmal als langweilig hier, weil für uns diese Lebensqualität selbstverständlich geworden ist.Viele grosse Hotels sind in einem Verbund wie Leading Hotels of the World. Für Hotels ist das ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor. Für Sie auch?Wir wurden vor einigen Wochen einstimmig aufgenommen bei Relais & Châteaux, was uns viel bedeutet. Aufnahmen in weiteren Verbänden streben wir aber nicht an. Bei 13 Zimmern halte ich solche Labels nicht für zwingend nötig; bei 50 Zimmern sähe das vielleicht anders aus. Der Name «Florhof» ist in Zürich und darüber hinaus bereits ein Begriff.Streben Sie für die Villa Florhof Sterne und Gault-Millau-Punkte an?Für das Hotel suchen wir keine Sterne-Klassifizierung. Die ist in der Schweiz weniger wichtig als in Frankreich, dort haben zwei unserer Häuser fünf Sterne. In unserem Signature-Restaurant wären ein oder zwei Michelin-Sterne schön. Wichtiger ist aber etwas anderes: Der «Florhof» war immer ein Hotel von Zürchern für Zürcher, und das soll so bleiben. Darauf legt auch Peter Spuhler als Investor Wert, der sich sonst nicht in den Betrieb einmischt.Was bedeutet das im Alltag?Neben dem Signature-Restaurant mit gehobener Küche, das im Spätherbst eröffnen wird, haben wir im Erdgeschoss die Brasserie mit einer grossen Terrasse. Jeder ist hier willkommen, für ein Bier, ein Glas Wein oder um zu jassen. Auf der Karte findet man regelmässig auch Klassiker wie Bratwurst oder Zürcher Geschnetzeltes – Sachen, die die Leute lieben. Das mag vielleicht auf den ersten Blick etwas langweilig wirken, aber man kann diese Gerichte wunderbar neu interpretieren. Wenn man reist oder vom Flughafen kommt, sehnt man sich oft nach etwas Vertrautem.Unternehmer für LuxusgüterPDSilvio Denz, 69, ist der Chef der Lalique Group. Der Luxusgüterkonzern vertreibt Kristallwaren, Schmuck, Parfum und Wohnaccessoires. Zum Portfolio gehören auch Weingüter, eine Whisky-Destillerie, Restaurants und fünf Hotellerie-Adressen. Denz wuchs im Fricktal auf und absolvierte eine Banklehre, bevor er in den Devisenhandel einstieg. Später übernahm er den Parfumhandel von seinem Vater und seinem Onkel. Mit seinem Onkel baute er das Geschäft aus und etablierte die Parfümeriekette Alrodo als Marktführerin in der Westschweiz. Im Jahr 2000 verkaufte er das Unternehmen an Marionnaud. Mit dem Erlös erwarb er 2008 Lalique.Im Luxussegment haben die Gäste hohe Ansprüche. Erfüllen Sie jeden Wunsch?Natürlich ist der Gast König. Gleichzeitig sind wir ein kleines Haus, und um 2 Uhr morgens Spaghetti zu servieren, wird schwierig. Dafür können wir ein familiäres Hotel mit ausgezeichnetem Personal bieten.Die Villa Florhof richtet sich an ein gehobenes Publikum. Darf man bei Ihnen trotzdem in Flipflops und Shorts ans Frühstücksbuffet?Selbstverständlich. Auch Hunde sind bei uns willkommen.Hunde? In den Zimmern ist doch ein crèmefarbener Teppich verlegt . . .Der ist sehr unempfindlich. Als wir vor zehn Jahren die Villa René Lalique eröffneten, liessen wir aus England den genau gleichen Teppich kommen und im Restaurant verlegen. Er war 1,6 Tonnen schwer. Erst nach zehn Jahren mussten wir ihn ersetzen. Auf diesem Teppich können Sie Rotwein verschütten, und man bringt den Fleck problemlos wieder weg. Gleichzeitig ist er sehr weich, und man kann barfuss darauf gehen. Oder eben in Flipflops.Die Lalique Group ist international tätig. Warum führen Sie nur in Europa Hotels?Ein befreundeter Sternekoch aus Kalifornien sagte einmal zu mir, er wolle neben seinem Restaurant eine Replika der Villa René Lalique erstellen, weil sie ihm so gut gefiel. Er hatte sogar einen Financier. Aber solche Projekte muss man überwachen können, und es wäre einfach zu weit weg gewesen. Ich habe mir einmal überlegt, ein Weingut im Napa Valley zu kaufen. Aber der Flug dahin dauert 16 Stunden. Hinzu kommt die grosse Unsicherheit bei der Währung. Der Dollar hat extrem an Wert verloren.Silvio Denz (Mitte) mit dem Team der Villa Florhof. Ganz rechts die Hoteldirektorin Tanja Wegmann.Ein zu grosses Risiko?Schon der Euro ist problematisch, weil er ebenfalls an Wert verloren hat. Ich tätige hauptsächlich Investitionen in der Schweiz, wenn es um Immobilien geht. Wir rechnen in Schweizerfranken, wir träumen in Schweizerfranken, wir leben in Schweizerfranken – und es ist eine stabile Währung.Sie sind beruflich oft auf Reisen. Was ist Ihnen selbst in einem Hotel am wichtigsten?Das klingt vielleicht etwas banal, aber für mich ist ein absolut ruhiges Zimmer das Wichtigste. Die Grösse des Zimmers ist mir völlig egal. Ich frage meistens nach einem Zimmer zum Innenhof, das absolut ruhig ist, damit ich gut schlafen kann. Ich gehe ja nicht ins Hotel, um mich dort gross zu vergnügen, sondern meistens, um mich nach einem Business-Tag zu erholen. Ein aufmerksamer Service ist natürlich die Grundvoraussetzung, aber ein ruhiges Zimmer ist mir wichtiger als eine Suite im 60. Stock mit Blick über die Wolken.Und worüber ärgern Sie sich?Laute und rücksichtslose Gäste. Das erlebt man oft in Amerika oder auch in England: überfüllte, extrem laute Hotelbars, in denen gegrölt und viel getrunken wird. Das finde ich in einem guten Hotel unpassend. Man sollte sich in einem Haus mit einem gewissen Standard – egal ob vier oder fünf Sterne – entsprechend rücksichtsvoll verhalten.Sie sind Unternehmer. Wie attraktiv finden Sie den Standort Zürich? In der Wirtschaft beklagt man sich über die hohen Steuern, viele Regulierungen, zu wenig Parkplätze. Kommt Ihnen das bekannt vor?Zürich hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Wenn man heute sieht, wie viele Baustellen es in der Stadt gibt und wie mühsam der Verkehr mit all den Umleitungen geworden ist – man kommt kaum mehr vorwärts. Am Hauptbahnhof wird gefühlt seit den achtziger Jahren, seit ich hier bin, ununterbrochen gebaut. Besonders im Sommer ist das extrem mühsam. Dazu kommen die vielen Tempo-30-Zonen. Die finde ich für die Wohnquartiere zwar gut, aber sie verlangsamen den gesamten Verkehrsfluss in der Stadt massiv. Von der Villa Florhof zu meinem Büro in der Binz dauert die Fahrt mit dem Auto manchmal so lange wie vom Büro in die Innerschweiz. Das ist unverhältnismässig.Was sollte sich Ihrer Ansicht nach ändern?Der Stadtrat will mehr Velo- und Fussverkehr und weniger Autos. Bis zu einem gewissen Grad kann ich das verstehen. Persönlich begrüsse ich den ÖV-Ausbau sehr. Der Verkehr sollte so gesteuert werden, dass er für alle Beteiligten erträglich bleibt. Man muss doch mit dem Auto in die Stadt fahren können und vernünftig vorwärtskommen. Ich persönlich fahre jeden Tag fünfzig Kilometer in die Stadt und wieder hinaus. Ich kann mir die Zeit einrichten, wann ich fahre. Aber diese Möglichkeit haben nicht alle.Im Hotel wird die Geschichte der Zürcher Seidenindustrie erzählt. Die Lampen im Treppenhaus erinnern an die Kokons der Seidenspinner.Passend zum Artikel
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