Trostpflaster mit Toast und StuzzichiniAuf die Auferstehung des Grand Hotel wartet Locarno noch immer. Dafür gibt’s nun ein neues Grand Café – dank etwas Hochstapelei.Urs Bühler06.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenIllustration Benedikt RugarLocarno ist wieder im nostalgischen Bann der Leinwände: Das Publikum des Filmfests, das diesen Mittwoch begonnen hat, schwitzt und träumt vielleicht vom Glanz alter Tage, als Stars wie Marlene Dietrich hier Hof hielten. Für diesen Glamour steht wie kein anderer Bau das denkmalgeschützte Grand Hotel, in dessen Park das Freiluftkino eingerichtet war, ehe es 1970 auf die Piazza Grande zog.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zuletzt stand der gut 150-jährige Palazzo über zwanzig Jahre leer. Nun aber möchte der Tessiner Bauunternehmer Stefano Artioli die verfallene Nobelherberge aus dem Dornröschenschlaf wecken. Gegen 80 Millionen Franken sollen laut Ankündigungen in dieses Projekt fliessen – es könnten mehr werden.Es gibt noch viel zu tun bis zur Auferstehung des Grand Hotel Locarno.Urs BühlerDie Wiedereröffnung, ursprünglich schon für dieses Jahr erhofft, wird auf nächsten Frühling erwartet. Die Pressekonferenz fürs 79. Locarno Film Festival aber hat diesen Juli auf der Baustelle stattgefunden. Man sah: Es gibt noch viel zu tun. Und im altehrwürdigen Ballsaal, dessen Deckenfresken die einstige Pracht erahnen lassen, versprühte der 65-jährige Artioli die für ihn typische Mischung aus Grossspurigkeit und Generosität.Es geht um mehr als ein Hotel, nämlich um die Sehnsucht eines Städtchens, mit dem Fünfsternhaus einstigen Ruhm auferstehen zu lassen. Bis es so weit ist, müssen sich Publikum und Bevölkerung mit gastronomischen Trostpreisen oder -pflastern begnügen. Wenn noch kein Grand Hotel, dann wenigstens ein Grand Café, könnte sich Artioli gesagt haben. Und so heisst die frisch umgebaute Bar «Paolino» im vormaligen Globus-Haus, das jüngst ebenfalls von seiner Artisa Group aufwendig saniert worden ist, seit Juni «Grand Café Paolino».Das «Grand Café Paolino» bietet freie Sicht auf den Laufsteg des Alltags.Urs BühlerNun ja, von der Grandezza klassischer Grand Cafés ist im vergleichsweise kleinen Gastraum wenig zu spüren. Das Interieur ist von edler Beliebigkeit geprägt, die zurzeit landauf, landab als chic gilt; die aparte Terrasse vor den Arkaden bietet immerhin gut hundert Sitzplätze – und Blick auf die Leinwand. Allerdings nur von hinten, im Gegensatz zum Gran Caffè Verbano, das seit 1838 an die Piazza Grande lädt. Dafür hat man im «Paolino», in dessen Nähe übrigens Ticinowine und die NZZ am Filmfest erstmals eine gemeinsame Weinbar präsentieren, täglich von frühmorgens bis spätabends freie Sicht auf den Catwalk des Alltags.Anders als beim berühmten Zürcher «Gran Café» heisst dieser Laufsteg nicht Limmatquai, sondern Largo Franco Zorzi, benannt nach einem freisinnigen Politiker. Touristen trampeln in Wanderschuhen vorbei, Wannabe-Starlets trippeln auf hohen Absätzen, dazwischen nehmen Glücksritter auf der Suche nach dem Jackpot des Lebens das Kasino ins Visier.Die Servicequalität im «Paolino» ist (noch) schwankend. Einmal ist eine hochmotivierte Kellnerin im Einsatz, ein anderes Mal ein eher abgelöschter Zeitgenosse, der riecht wie ein Aschenbecher. Auch kulinarisch wird die Gastronomie dieser Stadt nicht in neue Sphären geführt. Eine Empfehlung gilt dem Süssgebäck, geliefert von der ausgezeichneten Pasticceria Peri in Verscio. Gut schmeckten uns zudem eine Pizza Margherita (Fr. 16.–) im römischen Stil, eine Abwechslung zur landesweiten Dominanz der teiglastigeren Versionen neapolitanischer Prägung, und ein Avocado-Toast (Fr. 12.50).Stuzzichini inbegriffen.urs.Die Preise tragen dazu bei, dass sich Zürcher Gäste fast wie daheim fühlen. Der Espresso ist zwar ortsüblich günstig (Fr. 2.80, al banco Fr. 2.50), der Doppio hingegen kostet mehr als einen Fünfliber. Ansprechend ist die Auswahl an Cocktails, die meisten à 14 Franken, wobei nach der norditalienischen Tradition der Stuzzichini ein nettes Apéroplättchen inkludiert ist. In Zürich wird man bekanntlich bestenfalls mit spanischen Nüssli abgespeist, mit wenigen Ausnahmen: Das «Collana» auf dem Sechseläutenplatz etwa serviert diesen Sommer zu ausgewählten Drinks selbstgemachte Häppchen, in Kooperation mit der italienischen Spirituosenfirma, die Partnerin der Filmfestivals von Cannes bis Locarno ist.Im «Paolino» tröstet man sich also über die Wartezeit bis zur Wiedergeburt des Grand Hotel hinweg – und bis zur grosszügigen Neugestaltung der Flaniermeile zwischen Rotonda und Seeufer in den nächsten fünf Jahren. Sie trägt das Motto «La Nouvelle Belle Époque», und die erste Etappe bezieht ab 2027 besagten Largo Zorzi ein. Der für diese veranschlagte Kredit von 16 Millionen Franken würde an der Limmat gerade einmal für ein paar Dutzend öffentliche Toiletten mit Züri-Finish reichen. Am Lago Maggiore könnte er frischen Schub an bester Lage bringen.Grand Café PaolinoLargo Franco Zorzi 4, 6600 LocarnoTelefon 091 751 20 24Für diese Kolumne wird unangemeldet und anonym getestet und am Ende die Rechnung stets beglichen. Der Fokus liegt auf Lokalen in Zürich und der Region, mit gelegentlichen Abstechern in andere Landesteile.Die Sammlung aller NZZ-Restaurantkritiken der letzten fünf Jahre finden Sie hier.Passend zum Artikel
Trostpflaster in Locarno: Grand Café statt Grand Hotel
Auf die Auferstehung des Grand Hotel wartet Locarno noch immer. Dafür gibt’s nun ein neues Grand Café – dank etwas Hochstapelei.






