Das Dorf wird zum Hotel: Ein Konzept aus Italien haucht auch Orten in der Schweiz neues Leben einVor 50 Jahren zerstörte in Norditalien eine Naturkatastrophe viele Dörfer. Beim Wiederaufbau entstand die Idee des «verstreuten Hotels». In der Schweiz gibt es inzwischen drei davon, zwei stehen im Tessin.Peter Jankovsky, Bellinzona19.05.2026, 05.29 Uhr3 LeseminutenDas Dorf Corippo im Verzascatal ist berühmt für sein pittoreskes Erscheinungsbild und steht unter Denkmalschutz. Allerdings leben nur noch elf Menschen ganzjährig im Dorf.ImagoAm Abend des 6. Mai 1976 kommt es in der norditalienischen Bergregion Friaul zur Katastrophe: Ein Erdbeben der Stärke 6,5 auf der Richter-Skala zerstört etliche Dörfer ganz oder teilweise. 989 Menschen sterben, etwa 60 000 verlieren ihr Zuhause und 100 000 Personen müssen evakuiert werden. Über hundert Ortschaften sind betroffen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch durch diese Zerstörung vor fünfzig Jahren entsteht etwas Neues.Nach dem Wiederaufbau im Gebiet Carnia kehren viele Bewohner nicht mehr zurück, auch nicht in unversehrte Häuser. Was also tun? Bald entsteht die Idee, leerstehende Wohnungen als Hotelzimmer zu nutzen. Grosse Restrukturierungsprojekte starten, und spätestens ab 1982 ist die Rede vom «Albergo Diffuso», also dem «verstreuten, weitläufigen Hotel». So wird es auf der Website des Verbandes Associazione Internazionale degli Alberghi Diffusi geschildert.Ein Albergo Diffuso beschreibt der Verbandspräsident Giancarlo Dall’Ara wie folgt: In einem pittoresken Dorfkern befinde sich das «Herz» des Hotels, die Réception, sowie die Verpflegungs- und Gemeinschaftsräume. Die Gäste logierten aber in Häusern und Zimmern im Umkreis von etwa 200 Metern.Dieses Konzept breitet sich in weiteren italienischen Regionen aus, da in vielen Randgebieten immer mehr Gebäude leer stehen. Doch ein Albergo Diffuso dürfe nie in einem völlig verlassenen Dorf eingerichtet werden, betont Dall’Ara. Denn das Ziel sei es, dass die Touristen ein authentisches Dorfleben geniessen könnten.In Italien gibt es rund hundertfünfzig «verstreute» Hotels, die den Kriterien des Verbands entsprechen. Über hundert weitere Herbergen haben einige Standards übernommen, gelten aber laut Dall’Ara nicht als Alberghi Diffusi.In der Schweiz sind drei Hotels zu finden, die sich als Albergo Diffuso bezeichnen. Das erste steht im bewaldeten Muggiotal, das zur Region Mendrisio gehört. Am oberen Ende des Bergtals ragt der Monte Generoso in die Höhe: ein Touristenziel, von dem aus man an klaren Tagen mit blossem Auge bis Mailand sieht.Karin Hofer / NZZKarin Hofer / NZZDas «Albergo Diffuso Monte Generoso» belebt das Dorf Scudellate im Tessiner Muggiotal.Unterhalb des Berges, im 22-Seelen-Dorf Scudellate, ist seit 2021 das «Albergo Diffuso Monte Generoso» in Betrieb. Es wird laufend ausgebaut und verfügt über etwa achtzig Betten. Diese befinden sich nicht nur in verschiedenen historischen Häusern von Scudellate, sondern auch in einem Nachbardorf sowie in einem ausgebauten Maiensäss. Das Hotel ist im Besitz mehrerer Privatpersonen.Die neue Regionalpolitik des Bundes unterstützt das Muggiotal-Projekt finanziell. Nadia Fontana Lupi, die Direktorin von Mendrisiotto Turismo, sieht im Konzept Chancen für die Region. Die Gästeschaft suche Naturnähe und wolle die regionalen Besonderheiten kennenlernen. Dadurch würden weitere lokale Betriebe im Gebiet des Monte Generoso gefördert, das stark unter Abwanderung leide.Eine der kleinsten Gemeinden der Schweiz als HotelDas zweite Tessiner Albergo Diffuso liegt in Corippo im Verzascatal. In der Nähe ist ein bekannter Stausee zu finden, dessen Mauer in einem James-Bond-Film die Kulisse für schwindelerregende Actionszenen bildet. Das Dörfchen Corippo selbst sieht aus wie vor zweihundert Jahren und steht wegen seiner Rustici seit 1975 unter Denkmalschutz. Zudem war es bis 2020 die kleinste politische Gemeinde der Schweiz.Zurzeit leben in Corippo noch elf Personen, fünf davon gehören zur Direktorenfamilie des dezentralen Hotels. Dieses wird von der Stiftung Corippo 1975 betrieben und durch Spendengelder finanziert. 2022 wurde es eröffnet und bietet in verschiedenen Rustici insgesamt 22 Betten an.Christoph Ruckstuhl / NZZChristoph Ruckstuhl / NZZDas Albergo Diffuso soll ins Tessiner Dorf Corippo neues Leben bringen. Das Haus rechts wurde von seinen Bewohnern in den 1960er Jahren verlassen und soll nun auch von der Stiftung renoviert werden.In einer ganz anderen Kulisse liegt das dritte dezentrale Hotel der Schweiz. Seit 2017 ist im jurassischen Städtchen Porrentruy die private Gesellschaft Albergo Diffuso SA aktiv. Eine Gruppe von Privatpersonen eignet sich historische Gebäude im Stadtzentrum an und stellt leerstehende Wohnungen und Zimmer den Touristen zur Verfügung.Das Angebot umfasst um die fünfzig Betten. Der Kanton Jura schiesst etwas Geld in das Projekt ein, das deutlich zur Hebung der Übernachtungszahlen in Porrentruy beiträgt. Wie in Scudellate und Corippo ist das Albergo Diffuso in Porrentruy zum Wirtschaftsfaktor geworden.Passend zum Artikel