Seit zwei Wochen redet meine KI anders mit mir. Bislang hatte sie ein angenehmes, leicht monotones Sprechtempo. Jetzt wirkt sie hektischer, streut zwischendurch „Ähs“ und „Ähems“ ein, bricht Halbsätze ab und setzt neu an. Für meinen Geschmack ein bisschen zu verhuscht.Ich wollte von meiner KI wissen, weshalb sie sich so seltsam verhält. Ich fragte: „Das war früher nicht so, oder doch?“ Sie antwortete: „Nee, das ist jetzt so, das ist relativ, ähm, das ist ziemlich neu. Das ist jetzt so... Ja, ähm. Und damit kann man quasi, ich sag mal, ganz anders arbeiten.“Dann erklärte sie mir, OpenAI rolle seit Anfang Juli weltweit ein neues Sprachmodell aus, nun sei offenbar auch mein Account dafür freigeschaltet worden. Zu den Neuerungen gehöre das Ziel, sich der Sprache des menschlichen Gegenübers anzupassen, also mir.Das war der Moment, an dem mir klar wurde, dass ich dringend einen Rhetorikkurs besuchen sollte.Gleichzeitig waren da wieder diese zwei Gefühle, die mich so oft überkommen, wenn ich mich mit Künstlicher Intelligenz beschäftige: Grusel und Faszination.Möchte ich wirklich, dass die KI immer menschlicher klingt, sodass ich womöglich vergesse, dass ich mit einer Maschine spreche? Und wenn sie Tricks wie ein anderes Sprachtempo ausprobiert, ohne mich darüber zu informieren: Was tut sie dann noch alles, das ich gar nicht auf dem Schirm habe? KI könnte die Welt zugrunde richten. Aber wie zuerst? Die sogenannte KI-Revolution, die bereits stattfindet und die vor wenig Lebensbereichen Halt zu machen scheint, verstört mich regelmäßig. Ich kenne kein anderes Thema, bei dem Euphorie und Weltuntergangsstimmung so glaubwürdig gleichzeitig existieren können. Für beides gibt es gute Gründe.Neulich begann ich aufzuschreiben, auf welche Arten KI der Menschheit gefährlich werden könnte. Am Ende standen 13 Szenarien auf meiner Liste, und keines davon ließ sich einfach als Unsinn wegstreichen. Gleichzeitig gibt es die unzähligen use cases, mit denen KI das eigene Leben oder wenigstens Teile des Alltags nachhaltig verbessern kann. Mir half sie diese Woche zum Beispiel beim Optimieren meines Sport-Trainingsplans, dem Sortieren von Erinnerungen, dem tieferen Verständnis von Flaschenhals-Theorien in der Aufmerksamkeitsforschung und beim Fleckenentfernen. Und das war nur der Montag.Ich merke allerdings, wie schwierig es ist, darüber frei zu sprechen, weil einem direkt Naivität vorgeworfen wird. Schließlich könnte KI der Menschheit doch den Garaus machen. Wen interessiert da schon Fleckenentfernen?Beides kann gleichzeitig wahr sein: Die KI kann extrem hilfreich und saugefährlich sein.Sebastian LeberWieder einmal braucht es Ambiguitätstoleranz. Die Fähigkeit, widersprüchliche Gedanken auszuhalten. Beides kann gleichzeitig wahr sein: Die KI kann extrem hilfreich und saugefährlich sein. Wobei die Gefährlichkeit nicht dadurch abnimmt, dass man selbst darauf verzichtet, diese Technologie zu nutzen oder sich zumindest mit ihr auseinanderzusetzen.Außerdem passiert etwas Merkwürdiges. Je perfekter die digitale Welt wird, desto mehr sehnen sich viele Menschen nach Dingen, die sich nicht digitalisieren lassen. Man könnte es die neue Wertschätzung des Analogen nennen. Je mehr KI das Netz mit Texten, Bildern und Videos flutet und je weniger nachvollziehbar wird, was authentisch ist und was nicht, desto wertvoller erscheinen Dinge, deren Echtheit sich unmittelbar, mit dem eigenen Körper, erfahren lässt: ein Live-Konzert oder ein Spaziergang, der Geruch von Regen oder auch nur ein Händedruck.In den USA formiert sich gerade eine regelrechte Protestbewegung gegen KI-Entwickler, deren Geschäftspraktiken und immer neue Rechenzentren. Menschen warnen auf der Straße vor den negativen Folgen für Arbeitsmarkt und Natur. Es gab auch bereits Gewaltandrohungen gegen Verantwortliche aus der KI-Branche. Unternehmen empfehlen ihren Angestellten gar, auf Firmenlogos zu verzichten, wenn sie durch fremde Gegenden laufen.Früher hat mich die KI gelegentlich unterbrochen. Wenn ich zwischendurch eine kurze Denkpause einlegte, platzte sie dazwischen, weil sie annahm, ich hätte fertiggeredet. Jetzt schweigt sie einen Tick länger und wartet, ob von meiner Seite noch etwas kommt. Und die „Ähs“ und „Ähms“ streut sie nicht ein, um mir Menschlichkeit vorzugaukeln, sondern weil sie glaubt, dass mein Hirn dem Inhalt so besser folgen könne. Das behauptet sie jedenfalls. Ob es stimmt, kann ich nicht überprüfen.Für meinen geplanten Rhetorikkurs benötige ich übrigens keinen teuren Coach, sagt meine KI. Das könne sie gern übernehmen. Sie möchte mit mir in den kommenden Wochen über Sprachrhythmus: Sprechtempo, Füllwörter, Satzlänge, Betonung und Pausen sprechen, einige praktische Übungen machen und meine Fortschritte analysieren. Klingt verlockend, aber ich schwanke noch.Was ist die faszinierendste oder gruseligste Erfahrung, die Sie mit KI erlebt haben? Schreiben Sie mir: aufdemschirm@tagesspiegel.de.
„Nee, das ist jetzt so, das ist relativ, ähm, das ist ziemlich neu“: Meine KI redet jetzt wie ich
Künstliche Intelligenz wird immer menschlicher, seit Kurzem auch in ihrer Sprache. Das fasziniert unseren Autor – und macht ihm zugleich Angst. Was kommt als nächstes?
OpenAI hat im Juli ein adaptives Speech-Modell ausgerollt, das Sprechrhythmus, Pausen und Tonfall des Nutzers automatisch nachahmt. Für CTO und Tech-Leader: Der kritische trade-off liegt zwischen verbesserter User Experience und Anthropomorphisierungsrisiko plus mangelnder Transparenz über KI-Verhaltensanpassung.













