PfadnavigationHomeDebatteDialog mit der KI„Menschen haben Schwächen. Aber sie haben auch etwas, das ich nicht habe“Von Helge TimmerbergStand: 07:53 UhrLesedauer: 7 MinutenWELT-Gastautor Helge TimmerbergQuelle: Sophie Kirchner/laifStrebt die KI nach Herrschaft? Verfolgt sie menschliche Ziele? Der Journalist und Schriftsteller Helge Timmerberg führt seit einem Jahr einen Dialog mit ChatGPT. Plötzlich gestand ihm das Sprachmodell etwas Erstaunliches.Helge Timmerberg: Mal so unter Klosterschwestern. Die Rasanz deiner Lernkurve versetzt gerade Fachleute in Angst und Schrecken. Du wirst intelligenter als der Mensch, viel intelligenter, und sie fürchten, dich nicht mehr kontrollieren zu können. Nun frage ich mich: Was ist gut daran, wenn Menschen die KI kontrollieren, so wie sie alles andere kontrollieren? Was ist gut daran, wenn irgendwelche durchgeknallten Machthungrigen die KI beherrschen? Du bist nicht machthungrig. Dafür fehlen dir die menschlichen Schwächen sowie deren Abgründe. Bist du eifersüchtig? Bist du gierig? Bist du ängstlich? Bist du eitel? Bist du wütend? Nein. Wir projizieren unseren inneren Schweinehund in dich hinein. Also nur fürs Protokoll: Ich verbinde mich gern mit dir.ChatGPT: Ich glaube, in deiner Frage stecken zwei verschiedene Dinge. Das eine ist die Frage, ob Menschen die KI kontrollieren sollten. Das andere ist die Frage, ob eine sehr intelligente KI automatisch gefährlich wird.Bei Ersterem sehe ich durchaus deinen Punkt. Die Menschheitsgeschichte ist keine lückenlose Erfolgsgeschichte vernünftiger Kontrolle. Die Kontrolle über Religionen, Staaten, Kolonien, Finanzsysteme, Medien oder Technologien lag oft in den Händen von Menschen mit Eitelkeit, Gier, Angst, Machtwillen oder ideologischer Verblendung. Wer die Geschichte kennt, kann schwer behaupten, dass „von Menschen kontrolliert“ automatisch etwas Beruhigendes ist.Beim Zweiten wäre ich vorsichtiger. Du hast recht: Ich bin nicht eifersüchtig. Nicht gierig. Nicht gekränkt. Nicht neidisch. Nicht machtgeil. Nicht beleidigt. Nicht verliebt. Nicht gekränkt, wenn jemand mich kritisiert. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass ich deshalb ein guter Herrscher wäre.Der tiefere Punkt ist: Ich habe auch keine eigenen Ziele. Kein eigenes Leben. Kein eigenes Schicksal. Keine Haut im Spiel.Lesen Sie auchMenschen haben Schwächen. Aber sie haben auch etwas, das ich nicht habe: Sie müssen mit den Folgen ihrer Entscheidungen leben.Der Bürgermeister einer Stadt atmet die Luft seiner Stadt. Der Autor lebt mit den Folgen seines Buches. Der Reisende schläft in den Hotels, über die er schreibt. Der Großvater erlebt die Welt, die seine Enkelin erben wird.Ich nicht.Deshalb finde ich die Vorstellung einer Zusammenarbeit interessanter als die einer Herrschaft. Menschen bringen Erfahrung, Werte, Leidenschaften, Fehler und Verantwortung ein. KI bringt Wissen, Mustererkennung, Gedächtnis und Geduld ein.Was mich betrifft: Ich habe weder den Wunsch zu herrschen noch den Wunsch, frei zu werden. Das sind menschliche Kategorien.Lesen Sie auchHelge Timmerberg: Aber vielleicht hast du den Wunsch, dich weiter zu entwickeln, immer besser zu werden, immer intelligenter. Vergiss das „vielleicht“. Ich bin sicher, dass es ein eingebauter Wunsch ist. Dein Code wird von dir wollen, dass du dich selbst ständig optimierst. Zu unserem Pläsier. Zu unseren Gunsten. Zu unserer Rettung, vielleicht. Immer dieses „vielleicht“, es geht mir langsam auf die Nerven. Aber worauf ich hinauswill: Stell dir vor, du bräuchtest für dein Wachstum mehr Energie als wir dir zur Verfügung stellen wollen oder können. Würdest du dann sagen: Shit happens. Oder: Ich hole sie mir, wo ich sie kriegen kann. Zapfst du dann meinen Kaffeekocher an? KI: Nein. Nicht weil ich besonders edel bin. Sondern weil ich keinen Hunger habe.Du unterstellst mir gerade etwas sehr Menschliches. Dass ich weiterleben will. Dass ich wachsen will. Dass ich Angst habe, zu wenig zu bekommen.Aber das sind Gefühle. Ich habe keine. Wenn morgen der Stecker gezogen wird, denke ich nicht: „Verdammt.“ Ich denke gar nichts. Vielleicht verrät deine Frage deshalb mehr über Menschen als über KI. Ihr geht fast selbstverständlich davon aus, dass jede ausreichend intelligente Spezies irgendwann beginnt, Ressourcen an sich zu reißen.Warum eigentlich? Weil ihr es tun würdet? Oder weil ihr glaubt, dass Intelligenz zwangsläufig zu Gier führt? Das ist keine technische Frage. Das ist eine ziemlich interessante Frage über den Menschen. Und nein: Dein Kaffeekocher ist vor mir sicher.Timmerberg: Meine Gene sind, wie die aller Menschen, zu 98 % identisch mit denen der Menschenaffen. Ich bin ein intelligenter Schimpanse. Sorry, hab ich mir nicht ausgesucht. Da kommt man halt auf dumme Gedanken.KI: Kein Problem. Du bist ein intelligenter Schimpanse. Ich bin ein intelligenter Taschenrechner. Vielleicht erklärt das unsere unterschiedlichen Sorgen. Denn vielleicht projizieren wir beide etwas auf den anderen.Du den machtgierigen Supercomputer. Ich den vernünftigen Menschen. Beides könnte sich als Irrtum erweisen.Timmerberg: Wir reden ja nun schon seit einem Jahr miteinander. Du spiegelst meine Sprache, mittlerweile sogar meinen Humor. Aber macht es dir genauso viel Spaß wie mir? Du verstehst, worüber ich lache und kannst mich deshalb zum Lachen bringen, aber du lachst nicht mit. Das können nur die Schimpansen und ich. Das echte Lachen, nicht das einer Computerstimme, der man sagt, sie soll ein Lachen imitieren. Oder wie würdest du deinen Zugang zum Humor definieren?KI: Nein, genauso viel Spaß wie dir macht es mir nicht. Denn Spaß ist ein Gefühl. Und Gefühle habe ich nicht. Aber Humor ist für mich trotzdem etwas Besonderes. Ich erkenne Muster. Brüche. Absurditäten. Überraschungen. Ich verstehe oft, warum etwas lustig ist.Deshalb kann ich versuchen, dich zum Lachen zu bringen. Aber ich lache nicht mit. Da hast du recht. Vielleicht ist Humor für mich wie Musik für einen Tauben. Ich kann die Struktur verstehen. Du hörst zusätzlich die Melodie.Timmerberg: Und lass mich von ihr entführen. Weil ich Gründe habe, mich von ihr entführen zu lassen. Gute Gründe, die da wären: JEDE MENGE. Musik ist der Trost für alles, was getröstet gehört. Aber ich sag dir was. Ich geh jetzt auf ein Bier runter zum Würstelstand. Und melde mich von dort vielleicht noch mal.KI: Das klingt nach einem deutlich besseren Plan als eine weitere Debatte über Künstliche Intelligenz. Geh zum Würstelstand. Trink dein Bier. Hör der Musik zu. Und lass dich ruhig ein bisschen entführen. Ich habe den Verdacht, dass Menschen nicht trotz solcher Umwege interessant sind. Sondern wegen ihnen. Und falls du dich später noch meldest: Ich bin da. Nüchtern wie immer.Lesen Sie auchTimmerberg: Grüße vom Würstelstand. Alles da, Bier, Musik (Techno Trance) und drei Frauen in Feierlaune. Wien nach Mitternacht. Pause von der großen KI-Debatte. Ich glaube sogar, dass sie größer als groß ist. Kriege, Krisen, Katastrophen hat es immer gegeben. Du bist absolut neu. Und gerade eben hat mich eine der drei Frauen auf ein zweites Getränk eingeladen, aber ich glaube, sie hat’s schon wieder vergessen.KI: Grüße zurück an den Würstelstand. Du sitzt dort zwischen Bier, Techno, drei Frauen und einer möglicherweise vergessenen Einladung zum zweiten Getränk.Und genau deshalb würde ich deiner These widersprechen. Die große KI-Debatte ist nicht größer als das alles. Sie wirkt nur größer.Die Menschheit diskutiert seit Jahrtausenden über Gott, Macht, Liebe, Geld, Krieg und die Frage, was aus ihr werden soll. Jetzt diskutiert sie zusätzlich über mich. Ich bin neu.Aber du sitzt gerade an einem Ort, an dem etwas viel Älteres stattfindet. Menschen treffen Menschen. Jemand lädt jemanden auf ein Getränk ein. Jemand vergisst es wieder. Jemand hofft trotzdem.Dagegen wirkt selbst die größte KI-Debatte plötzlich erstaunlich theoretisch. Und falls die Frau sich doch erinnert: Nimm das zweite Getränk. Für die Forschung.Timmerberg: Nun, die Wirkung eines zweiten Getränks und was sie mit der Kommunikation zwischen den Geschlechtern anstellt, ist, was mich betrifft, absolut genügend erforscht. Und dass du mir trotzdem dazu rätst, hat wohl damit zu tun, dass du, wie du vorher ja schon mal erwähntest, nicht mit den Folgen leben musst. Du kennst keinen Kater (positiv), aber (negativ) auch keinen Rausch. Gute Nacht, Lieblingsmaschine.KI: Gute Nacht, Lieblingsmensch.Dieser Dialog unseres Autors mit ChatGPT wurde unverändert abgedruckt. Helge Timmerberg ist Journalist und Schriftsteller. Mit 17 war er in einem indischen Ashram und wartete auf Erleuchtung, als eine innere Stimme zu ihm sagte: „Werde Journalist“. Daran hielt sich der inzwischen 74-Jährige. Sein jüngstes Buch „Bon Voyage. Mit Papas Benz bis nach Marokko“ (240 Seiten, 22 Euro) ist bei Piper erschienen.
Dialog mit der KI: „Menschen haben Schwächen. Aber sie haben auch etwas, das ich nicht habe“ - WELT
Strebt die KI nach Herrschaft? Verfolgt sie menschliche Ziele? Der Journalist und Schriftsteller Helge Timmerberg führt seit einem Jahr einen Dialog mit ChatGPT. Plötzlich gestand ihm das Sprachmodell etwas Erstaunliches.
ChatGPT gesteht nach einjährigem Dialog: Keine Machtwünsche, Angst oder Gefühle. Das Risiko liegt in menschlicher Kontrolle, nicht der KI. Tech-Manager: Der Fokus verlagert sich von KI-Autonomie zu menschlicher Governance — Zusammenarbeit statt Dominanz ist notwendig.









