Ein befreundetes Paar, nennen wir die beiden Marlene und Steven, berichtete mir kürzlich, dass es KI inzwischen bei Streitgesprächen einsetzt. Wenn die beiden sich festfahren, legen sie ein Smartphone vor sich auf den Tisch, schildern das Problem jeweils aus ihrer Sicht und hören sich dann die Vorschläge der Maschine an. Wer könnte den anderen in welchem Punkt missverstanden haben? Wer könnte etwas anders gemeint haben, als er es formulierte? Welche Frage könnte Marlene jetzt Steven stellen, um dessen Sichtweise besser nachvollziehen zu können?Selbst bei der Planung ihrer Hochzeitsfeier half die KI, Unstimmigkeiten ausräumen, sagt Marlene.Es ist sehr auffällig. In meinem Umfeld kenne ich inzwischen etliche Menschen, die KI auf die eine oder andere Weise für sich nutzen und durch Ausprobieren sehr konkrete use cases gefunden haben. In der öffentlichen Debatte stehen dagegen die Gefahren und das Zerstörungspotential der Technologie im Vordergrund. Das ist nicht falsch, aber warum so ausschließlich? Wer darüber spricht, wie KI sein Leben bereichert oder erleichtert, gerät sofort in Verdacht, unkritisch und naiv zu sein. Als in den 1990er Jahren der Siegeszug des Internets begann, war das anders. Es gab auch damals warnende Stimmen, aber ebenso Neugier, Experimentierlust, spielerische Annäherung an eine neue Technologie. Das fehlt jetzt. Wegschauen bringt nichts Dass der Einsatz künstlicher Intelligenz enorme Risiken birgt, für jede Gesellschaft und auch für die Menschheit als Ganzes, ist Fakt. Doch die Risiken dieser Technologie werden nicht kleiner, nur weil man sich weigert, sie selbst zu benutzen.Vor zwölf Monaten gehörte ich noch selbst zum Lager derer, die sich von KI am liebsten komplett fernhielten. Dann erzählte mir ein Gesprächspartner, er sei verwundert, dass seine Söhne überhaupt nicht mehr googelten, sondern ihre KI befragten – und zwar per Sprachsteuerung. Im Baumarkt habe einer von ihnen ins Smartphone geredet und sich nach dem besten Bodenbelag für sein Zimmer erkundigt. Der Mann, der mir diese Geschichte erzählte, stand daneben und wunderte sich.Bald darauf begann ich, mit KI zu experimentieren. Nicht aus Silicon-Valley-Euphorie oder weil ich glaube, dass Maschinen bald die Welt retten. Sondern aus reiner Neugier. Und je länger ich herumprobierte, desto stärker veränderte sich mein Blick. Gerade in progressiven, digital geprägten Milieus reagieren viele Menschen auf KI mit einer fast moralischen Abwehrhaltung. Das empfinde ich als einseitig. Für mich funktioniert KI am ehesten als Sparringspartner, Strukturierer, Denkverstärker. Manchmal auch als Bremse beziehungsweise Realitätschecker. Zum Beispiel frage ich die KI, welchen Aspekt einer Thematik ich gerade übersehe, und die Maschine gibt Anregungen. Sie gewährt Perspektiven, auf die ich allein nie gekommen wäre. Wer hat schon eine fertige Meinung? Viele benutzen KI bislang noch wie eine komplizierte Suchmaschine und glauben, es bräuchte erst einen möglichst ausgeklügelten, schriftlich formulierten Prompt, weil einen die KI ansonsten an der Nase herumführe. Diese hohe Hürde führt dazu, dass manche lieber komplett auf Distanz bleiben, nichts ausprobieren, keine Erfahrung sammeln.In Berlin findet diese Woche die Digitalkonferenz re:publica statt. Tausende Menschen werden dort über KI diskutieren: über Chancen, Risiken, Macht, Angst, Kreativität und Kontrolle. Ich glaube nicht, dass ich bereits eine fertige Meinung dazu habe. Womöglich hat gerade niemand eine. Aber KI-Kompetenz entsteht sicher nicht durch Distanz, und Wegschauen war noch nie eine besonders gute Zukunftsstrategie.Gerade weil KI alles verändert, ist es wichtig, dass nicht nur die Lauten, Skrupellosen und Profitgetriebenen lernen, mit ihr umzugehen.Auf der re:publica warnt die Autorin Karen Hao in ihrer Opening Keynote vor der enormen Machtkonzentration rund um OpenAI und Silicon Valley. KI bedeute nicht automatisch Fortschritt, sondern immer auch eine politische und ökonomische Machtfrage. Auch vor diesem Hintergrund erscheint es mir seltsam, wenn ausgerechnet reflektierte und demokratisch gesinnte Menschen beschließen, sich möglichst wenig mit KI zu beschäftigen.In anderen Lebensbereichen loben wir Menschen für ihre Ambiguitätstoleranz – also die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten. Beim Thema KI scheint das, zumindest in der öffentlichen Debatte, nicht zu gelten.