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Stellenstreichungen: Frisst die KI-Revolution ihre Ingenieure? Techunternehmen wie DeepL und Cloudflare, aber auch die Commerzbank wollen Mitarbeiter durch KI ersetzen. Müssen nun ausgerechnet die Menschen die KI fürchten, die sie großgemacht haben?

Andreas Menn 15.05.2026 - 13:27 Uhr DeepL-Logo: Das KI-Start-up entlässt jeden vierten Mitarbeiter. Foto: IMAGO/ZoonarAm Freitag vergangener Woche setzt Jarek Kutylowski auf LinkedIn einen Beitrag ab, der zunächst sein Unternehmen durchrütteln soll und dann die ganze Branche. Es gebe keinen einfachen Weg, die Nachricht zu übermitteln, also komme er gleich zur Sache, schreibt der Chef des Kölner KI-Start-ups DeepL: 250 Mitarbeiter würden entlassen – jeder vierte also.Der Grund: „Wir erleben derzeit einen massiven Strukturwandel hinsichtlich der Art der Arbeit, wer sie verrichtet und wie viele Menschen nötig sind, um sie gut zu erledigen – und dieser Wandel ist auf die KI zurückzuführen“, schreibt Kutylowski. Man sähe gerade erst den Beginn dieser Entwicklung.Ob es wirklich nur die KI ist – oder nicht auch ein Problem mit Wettbewerb und dem Geschäftsmodell von DeepL –, das lässt sich schwer prüfen. Dennoch: Der Kahlschlag bei den Kölnern ist ein Weckruf für die Mitarbeiter in der deutschen Tech-Branche, und zwar nicht der erste. In den USA häufen sich die Massenentlassungen, die aus den Vorstandsetagen mit dem Fortschritt bei künstlicher Intelligenz begründet werden.Künstliche Intelligenz Cloudflare-Chef warnt – Geschäftsmodell vieler Webseiten löst sich auf Bald werden vor allem Bots Webseiten aufrufen: Matthew Prince erklärt, wie das die Digitalökonomie umkrempelt, wer sich fürchten muss und wieso es einen Überraschungsgewinner geben könnte. von Philipp Alvares de Souza Soares„Hundertfach produktiver“Erst am vergangenen Donnerstag trennte sich der Internetdienst Cloudflare aus San Francisco von 1100 Mitarbeitern, also 20 Prozent der Belegschaft. KI habe Mitarbeiter plötzlich um das zehn-, ja bis zu hundertfache produktiver gemacht, begründete CEO Matthew Prince den Schritt laut dem Magazin „TechCrunch“: „Es war, als würde man von einem Handschrauber auf einen Akkuschrauber umsteigen.“Schon im Februar kündigte die US-Fintech-Firma Block 40 Prozent ihrer Belegschaft; Microsoft bot im April sieben Prozent seiner US-Mitarbeiter einen frühen Ruhestand an. Die Übernachtungs-Plattform AirBnB gab kürzlich an, 60 Prozent ihres Codes werde schon von KI geschrieben. Meta wiederum verkündete den Abbau von 8000 Stellen – jeder zehnte Mitarbeiter muss gehen. Ein großer Teil der Arbeit in der Techindustrie, sagte Meta-Chef Mark Zuckerberg laut der „New York Times“, werde eines Tages von KI-System erledigt.Es klingt ironisch: Jahrelang waren Softwareentwickler heiß begehrte Talente, die die Schlüsseltechnologie der heutigen Zeit mitentwickelt haben. Jetzt soll ausgerechnet die ihnen als erste den Job kosten? Und wie geht es weiter: Überrollen KI-Agenten und Co. den gesamten Arbeitsmarkt?Davon sind viele Deutsche offenbar überzeugt. Laut einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom meinen 22 Prozent der Befragten, dass in ihrem Unternehmen heute bereits Stellen nicht mehr nachbesetzt oder sogar abgebaut werden, weil eine KI entsprechende Aufgaben übernimmt.Dazu kommen Meldungen aus anderen Branchen, etwa von der Commerzbank, die 3000 Stellen abbauen will. Auf Künstliche Intelligenz (KI) entfalle dabei ein „sehr großer Teil“, sagte Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp der Deutschen Presse-Agentur in Frankfurt. „KI ist sehr kraftvoll in verschiedenen Bereichen.“ Die Auswirkungen seien größer als man vor gut einem Jahr angenommen habe.Bettina Orlopp Großteil des Jobabbaus bei der Commerzbank entfällt auf KI Die Commerzbank will im Übernahmekampf mit der Unicredit weitere 3000 Stellen streichen. Nun erklärt Chefin Orlopp, wo Jobs wegfallen und welche Rolle KI spielt. KI-Agenten übernehmenLaut einer Studie des Massachusetts Institute of Technology, dem so genannten Iceberg Index, könne KI in den USA schon Aufgaben übernehmen, die insgesamt 11,7 Prozent der Gehälter entsprächen. Analysten der Investmentbank Goldman Sachs wiederum kalkulieren, dass im vergangenen Jahr in den USA 16.000 Jobs pro Monat aufgrund von KI verloren gingen.Folgt man dagegen einer Studie des US-Wirtschaftswissenschaftlers Eric Brynjolfsson von der Stanford University aus dem vergangenen November, dann hat KI nicht zu nennenswerten Entlassungen geführt. Bei der Auswertung von Millionen von Gehaltsabrechnungen in den USA stellte Brynjolfsson einen anderen Effekt fest: Vor allem junge Leute erhalten weniger Jobs.Nach 2022, so das Ergebnis der Studie, sank die Zahl neuer Stellen für 22- bis 25-jährige Softwareentwickler um fast 20 Prozent. Auch im Kundendienst sank die Zahl der Neuanstellungen junger Mitarbeiter. Statt breitem Stellenabbau vollzieht sich der Studie zufolge offenbar ein stiller Abbau von Einstiegsjobs.Forscher des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung haben sogar gute Nachrichten für ITler. In einer Studie haben sie eine Prognose erstellt, wie sich künstliche Intelligenz am deutschen Arbeitsmarkt in den nächsten 15 Jahren auswirken wird. Ergebnis: 800.000 Stellen werden wegfallen, davon etwa 120.000 im Bereich der Unternehmensdienstleistungen. Dafür entstünden allerdings auch 800.000 neue Jobs, darunter 110.000 in der Informationstechnik.Künstliche Intelligenz Das große KI-Einmaleins Wann steuert künstliche Intelligenz Roboter? Und hat Deutschland genug Rechenleistung? Ein KI-Experte beantwortet aktuelle Fragen. von Lisa KsienrzykMehr IT-Kräfte einstellen, obwohl KI automatisch Code schreiben kann? Bei IBM passiert genau das. Der IT-Konzern kündigte im Februar an, seine Einstiegsjobs zu verdreifachen, von Softwareentwicklern über Marketing-Experten bis hin zu Beratern. Programmierer sollen künftig weniger Code schreiben – das übernimmt mehr und mehr eine KI – und dafür enger mit Kunden zusammenarbeiten.Eine neue Arbeitsteilung zeichnet sich also ab. „Historisch gesehen hat Technologie Arbeit nie verdrängt, sondern sie umgestaltet“, sagt Marian Klee, Chefin beim KI-Unternehmen Brighter AI. „Bei der KI beobachten wir dasselbe Muster: Sie automatisiert Aufgaben und schafft so Raum für komplexere und oft höherwertige Tätigkeiten.“Wo etwa große Datenmengen schnell durchforstet und analysiert werden müssen, ist die KI im Vorteil. Sichtbar wird das etwa beim IT-Unternehmen Dynatrace, dessen Softwareplattform komplexe IT-Infrastrukturen überwacht und optimiert. Dabei setzt das Unternehmen mehr und mehr KI-Systeme ein. „KI-Agenten können schneller agieren als jedes menschliche Team“, sagt Bernd Greifeneder, Technikchef bei Dynatrace.Ähnlich in der Cybersicherheit – wo Hacker inzwischen KI nutzen, um blitzschnell Sicherheitslücken zu finden. Da hilft nur noch KI als Gegenmittel. Sie „ermöglicht es selbst kleineren Unternehmen mit wenig oder keiner eigenen Security-Expertise, sich deutlich besser gegen Angriffe zu schützen“, sagt Max Heinemeyer, Chief Information Security Officer beim britischen Cybersicherheitsanbieter Darktrace.Amphenol Der heimliche KI-Gewinner hinter den Rechenzentren heißt Amphenol Amphenol ist ein Schlüsselunternehmen für Rechenzentren. Seine Elektronikteile schaffen Kapazitäten für die Künstliche Intelligenz. Warum die Aktie einen Blick wert ist. von Matthias HohenseeWo KI zunehmend Software bereitstelle und den IT-Betrieb übernehme, verlagere sich die menschliche Rolle vermehrt auf die Architektur von Software und auf die Bestimmung der Ziele, auf die die KI-Systeme hinarbeiten, sagt Dynatrace-Technikchef Greifeneder. „Das ist eine Aufwertung der Rolle, keine Reduzierung.“Neuer Job: Agent TrainerEin Wandel der menschlichen Arbeit kündigt sich also an. Vor allem werden immer mehr Beschäftigte lernen müssen, mit KI umzugehen. „Wer diese neuen Werkzeuge souverän nutzen kann, wird gegenüber denjenigen im Vorteil sein, die sich ihrer Einführung verweigern“, sagt Darktrace-Manager Heinemeyer.Dabei tauchen auch völlig neue Jobs auf. „In jeder Organisation, die KI ernsthaft einsetzt, entstehen neue Rollen“, sagt Laurenz Kirchner, Managing Director beim Münchner IT-Dienstleistungs- und Beratungsunternehmen Valantic, „vom Agent Trainer bis zum Knowledge Scientist, der das unstrukturierte Wissen aus Zehntausenden von Dokumenten, Präsentationen und Prozessbeschreibungen für KI-Systeme nutzbar macht.“Viele Jobs dürften bei allem Wandel auch in absehbarer Zukunft bestehen bleiben – etwa in der Forschung. „Wir stellen weiterhin Menschen ein, die tiefes Fachwissen und praktische Erfahrung in Experimentalphysik, Nanofabrikation oder Messtechnik mitbringen“, sagt Thomas Luschmann, Mitgründer des Münchner Quantencomputing-Start-ups Peak Quantum.Automarkt KI-Simulationen sind der Entwicklungsturbo für autonomes Fahren KI-generierte Gefahrenszenarien verändern die Entwicklung autonomer Autos grundlegend. Doch ob und wie Simulationen reale Testfahrten ersetzen, entscheidet sich an anderer Stelle. von Mario HommenDokumentation, Recherche, Planung oder interne Abstimmung würden mit KI aber schneller – und das schaffe Freiraum für die eigentliche Forschungs- und Entwicklungsarbeit. „KI kann dort unterstützen, aber sie übernimmt kein Experiment und ersetzt keine wissenschaftliche Intuition.“Und dann wäre da noch das Jevons-Paradoxon. Der britische Ökonom William Stanley Jevons stellte fest, dass technologische Fortschritte, durch die eine Ressource effizienter genutzt wird, paradoxerweise zu einem höheren Verbrauch dieser Ressource führen.Sichtbar wird das offenbar schon bei der Ressource Kundenservice. Dort übernehmen zunehmend KI-Agenten Standardanfragen, so auch solche des Internettelefonanbieters Sipgate. Überraschender Effekt: „Sobald die KI Standardanfragen sinnvoll und ohne Wartezeit übernimmt, greifen wieder mehr Kunden zum Hörer“, sagt Tom Mois, Geschäftsinhaber von Sipgate. „Das führt dann bei den Beschäftigten zu mehr Anrufen zu den komplexeren Themen.“Trotz KI entsteht also mehr Arbeit. Das wäre eine gute Nachricht für Beschäftigte – und könnte die Wirtschaft produktiver machen. Die Marktforscher von Gartner sagen genau das voraus: Autonome Systeme würden bis zu den Jahren 2028 und 2029 unter dem Strich neue Arbeitsplätze schaffen - angetrieben durch neue Arbeitsformen, die nicht durch KI ersetzt werden können.Doch die Experten könnten sich auch irren. Und ihre Prognose setzt voraus, dass sich Arbeitskräfte, Abläufe, Organisationen im gleichen Tempo anpassen, wie die KI Einzug hält. Wenn nicht, könnten Unternehmen mit ihren KI-Investments in eine Falle tappen, schreiben die Forscher Brett Hemenway Falk und Gerry Tsoukalas von der University of Pennsylvania in ihrer Studie „The AI layoff trap“: „Wenn KI menschliche Arbeitskräfte schneller verdrängt, als die Wirtschaft sie wieder aufnehmen kann, besteht die Gefahr, dass dadurch genau die Verbrauchernachfrage untergraben wird, von der Unternehmen abhängig sind.“Die ersten DeepL-Mitarbeiter suchen mit Posts auf LinkedIn schon nach neuen Stellen. „Professioneller Optimist, erfahrener Vertriebler und ab jetzt #OpenToWork