Frank Steinicke untersucht, wie „menschlich“ Computer wirken, wenn sie sprechen, lächeln und unsere Emotionen spiegeln – und wie sich Schule, Medizin, Kriegsführung und der Arbeitsmarkt verändern, wenn KI plötzlich nicht mehr Werkzeug, sondern scheinbarer Partner wird.Das neue Gebäude der Universität Hamburg im Stadtteil Rotherbaum ist noch nicht ganz fertig, auch Monate nach dem Bezug wird noch gewerkelt. Die MINT-Studiengänge, die hierher gezogen sind, erlebten einen Start unter schwierigen Bedingungen, selbst die Informatiker mussten mehrere Wochen ohne eine Wlan-Verbindung auskommen. Nicht eben ideal in einer Zeit, in der der technische Fortschritt so rasant vorankommt. Professor Frank Steinicke ist mit seinem Team dennoch am Ball geblieben, denn gerade in seinem Spezialgebiet tut sich so viel wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Er untersucht als Professor die Umstände und Bedingungen für die Interaktion zwischen Menschen und Computern – und beschreibt aktuelle Chancen und Risiken.WELT: Herr Professor Steinicke, Sie forschen seit Jahren an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Ist Ihr Themenfeld durch den KI-Boom der vergangenen anderthalb Jahre noch einmal stärker in den Fokus gerückt? Erst jüngst wurde zum Beispiel bekannt, dass eine KI selbstständig aus ihrem Umfeld „ausgebrochen“ war und sich in ein anderes System einhackte.Frank Steinicke: Ja, das merken wir sehr deutlich. Künstliche Intelligenz, vor allem generative KI, ist spätestens seit ChatGPT in aller Munde. Entscheidend ist dabei nicht nur die Technologie selbst, sondern die Art, wie Menschen dadurch mit Computern umgehen. Man muss nicht mehr programmieren, damit ein Computer etwas tut. Man gibt eine Anweisung in nahezu natürlicher Sprache. Das verändert die Mensch-Maschine-Interaktion grundlegend. Gleichzeitig wirkt KI dadurch sehr vermenschlicht. Sie antwortet, erklärt, formuliert – und erscheint zunehmend anthropomorph, also menschenähnlich. Daraus ergeben sich viele neue Fragen: Wie wollen wir künftig mit solchen Systemen umgehen? Wie viel Vertrauen schenken wir ihnen? Und wie verändert sich unser Verhältnis zu Technik, wenn diese Technik auf einmal mit uns spricht?WELT: Viele Menschen hatten zuletzt zudem bei den Robotik-Videos aus China, etwa von tanzenden humanoiden Robotern, das Gefühl: Da passiert gerade etwas in der Gegenwart, das lange nach Science-Fiction aussah. Ging es Ihnen als Forscher ähnlich?Steinicke: Es war jedenfalls auch für mich überraschend zu sehen, wie schnell die Entwicklungen hier voranschreiten. Natürlich gab es schon seit vielen Jahren beeindruckende Roboter, etwa von Boston Dynamics. Aber wenn man dann eine ganze Gruppe von Robotern sieht, die sich derart synchron und komplex bewegen können, hat das eine andere Qualität.Lesen Sie auchWELT: Vielleicht habe einige in Europa sogar gehofft, dass das die Videos nur eine KI-Illusion ist…Steinicke: Gut möglich. Es machte allen deutlich, dass in der Robotik tatsächlich sehr schnelle, disruptive Entwicklungen möglich sind. Herausforderungen, von denen wir noch vor Kurzem gesagt hätten, dass sie vielleicht in fünf bis zehn Jahren gelöst werden, werden bereits heute gemeistert.WELT: Was genau fasziniert Sie an ihrem Forschungsfeld?Steinicke: Ich komme ursprünglich aus dem Bereich der dreidimensionalen grafischen Welten. In meiner Promotion habe ich mich damit beschäftigt, wie man solche 3D-Welten, zum Beispiel Stadtmodelle, visualisieren kann. Dabei wurde eine Frage immer zentraler: Wie interagieren Menschen eigentlich mit solchen digitalen 3D-Räumen? Mit Maus und Tastatur funktioniert das nur begrenzt, wenn man sich in einer dreidimensionalen Welt bewegen will. Deshalb werden andere Technologien interessant: Datenbrillen, Gesten, Bewegung, Sprache. In den vergangenen Jahren ist dann die künstliche Intelligenz vermehrt hinzugekommen. Plötzlich kann ich mit solchen Systemen sprechen, Gesten können über Kameras erkannt werden, Sensoren können Blickrichtung, Emotionen oder Bewegungen erfassen. Mich fasziniert die Frage, wie wir in der Zukunft mit digitalen Welten umgehen, wenn physische Realität und digitale Virtualität immer stärker verschmelzen.WELT: Viele kennen mittlerweile immersive Museen, in denen Kunst oder Naturwissenschaften großflächig an Wände projiziert werden und der Mensch sich darin bewegt. Sind solche Angebote Vorboten dessen, was an neuen Lebensumfeldern kommt?Steinicke: Sie zeigen zumindest, was möglich ist. Diese Installationen sind heute noch aufwendig: Man braucht Projektoren, Technik, einen bestimmten Raum. Es ist noch nicht wirklich holografisch, sondern eher eine Projektion an Wände. Aber solche Angebote machen erfahrbar, wie digitale Räume wirken können. Ähnliches gilt für Datenbrillen oder Smartglasses. Sie sind noch klobig, aber die Entwicklung geht klar dahin, dass sie kleiner werden, und bald die Form einer Sonnenbrille haben. Wenn eine solche Brille perfekt Informationen in den Raum projizieren kann und dabei KI integriert ist, könnte das ein ähnlicher Wendepunkt werden wie das vor fast 20 Jahren Smartphone. Und dann ist das Smartphone vielleicht irgendwann ein Relikt aus einer früheren Phase der Mensch-Maschine-Interaktion.WELT: Was erforschen Sie und Ihr Team dabei konkret? Sie bauen ja nicht einfach die nächste Datenbrille.Steinicke: Wir interessieren uns vor allem für die Entwicklung und Evaluierung der Schnittstelle. Also dafür, wie Menschen mit neuen Technologien interagieren. Derzeit läuft KI-Interaktion meist noch textbasiert: Ich tippe etwas ein und bekomme eine Antwort. Ein bisschen kennen wir Sprachsteuerung aus dem Smart Home oder vom Smartphone. Uns interessiert, wie diese Schnittstelle künftig aussehen kann. Zum Beispiel arbeiten wir mit digitalen, menschenähnlichen Agenten. Das können Figuren sein, die auf einem Bildschirm, in einer Datenbrille oder in einer virtuellen Umgebung erscheinen und mit denen man spricht wie mit einem Menschen – mit Sprache, Gestik, Blickkontakt und Mimik. Dann wird spannend: Vertraue ich einer KI eher, wenn sie ein Gesicht hat? Vertraue ich ihr noch mehr, wenn sie aussieht wie jemand, den ich kenne? Was passiert, wenn sie lächelt, mich anschaut oder meine Emotionen spiegelt?WELT: Das klingt auch nach Risiken. Wenn man diesen Gedanken weiterdenkt, landet man schnell bei politischen und gesellschaftlichen Fragen.Steinicke: Natürlich. Heute gibt es im Internet bereits Millionen von Bots, die Meinungen beeinflussen sollen. Wenn wir in zehn oder fünfzehn Jahren mit Datenbrillen in digitalen Räumen unterwegs sind und dort KI-basierten verkörperten Agenten begegnen, die aussehen wie Menschen, sich wie Menschen verhalten und vielleicht sogar unsere Emotionen interpretieren können, dann wird die Frage der Manipulation noch wichtiger. Solche Systeme könnten sehr adaptiv auf einzelne Menschen reagieren. Deshalb müssen wir verstehen, wie sie wirken, bevor sie massenhaft eingesetzt werden.Lesen Sie auchWELT: Wie gehen Sie dabei praktisch vor?Steinicke: Wir nutzen verfügbare Hardware und Software und bauen damit Prototypen. Wir nehmen etwa ein dreidimensionales menschliches Modell, verbinden es mit einem Sprachmodell und sorgen dafür, dass Lippenbewegungen, Stimme, Mimik und Verhalten zusammenpassen. Viele Bausteine gibt es bereits: Sprachmodelle, Sprachausgabe, 3D-Modelle. Wir verbinden sie, entwickeln Teile selbst weiter und testen dann, wie Menschen darauf reagieren. Das geschieht in Studien. Dabei wird untersucht, ob ein Agent anders wahrgenommen wird, wenn er generisch aussieht oder einer bekannten Person ähnelt. Die Versuchspersonen sind häufig Studierende, manchmal aber auch ganz gezielt andere Gruppen, etwa ältere Menschen oder Menschen mit bestimmten Erkrankungen, je nach Forschungsfrage.WELT: Was die KI angeht – da gibt es grob gesagt das Team Optimismus und das Team Pessimismus, wenn es um die Auswirkungen auf die Gesellschaft geht. Wo siedeln Sie sich an?Steinicke: Ich würde sagen: Weder zu optimistisch noch zu pessimistisch, sondern realistisch, um Chancen, aber auch Gefahren zu sehen. Für fast alle Studien holen wir ein Ethik-Votum ein, bei der eine Kommission prüft, ob die erwarteten Erkenntnisse mögliche Risiken rechtfertigen. Grundsätzlich finde ich es sehr nachvollziehbar, dass Menschen bei schnellen technischen Entwicklungen Sorgen haben. Technologie entwickelt sich exponentiell, die menschliche Evolution dagegen extrem langsam. Über sehr lange Zeit war die Welt, in die Menschen hineingeboren wurden, im Wesentlichen dieselbe Welt, die sie wieder verließen. Seit wenigen Generationen ist das anders. Wer heute geboren wird, erlebt innerhalb eines Lebens Internet, KI, Robotik, autonome Systeme. Wir Menschen haben nie wirklich gelernt, mit dieser Geschwindigkeit umzugehen, aber vielleicht passt sich die Menschheit dem Tempo auch an.WELT: Was bedeutet das alles für Schule, Studium und Bildung? Wenn KI Texte schreibt, rechnet, programmiert und Wissen bereitstellt – was müssen Menschen dann noch selbst können?Steinicke: Das ist eine der zentralen Fragen. Ich finde den Vergleich mit der Mathematik hilfreich. Früher haben wir sehr viel Energie darauf verwendet, Menschen das Rechnen beizubringen. Heute haben wir Taschenrechner, trotzdem brauchen junge Menschen ein Gefühl für Zahlenräume und mathematische Operationen. Sie müssen nicht jede schriftliche Rechenoperation bis in riesige Zahlenräume beherrschen, aber sie müssen verstehen, was geschieht. Ähnlich könnte es bei Sprache sein. KI kann Texte formulieren, oft sogar besser als vom Menschen. Aber Menschen brauchen weiterhin Sprachverständnis, Urteilsfähigkeit, ein Gefühl für Sätze, Bedeutungen und Zusammenhänge. Vor allem müssen sie in der Lage sein, Fakten zu prüfen und sich eine eigene Meinung zu bilden. KI kann zwar sehr gut Text, Bilder oder Videos produzieren, aber ist nicht automatisch eine verlässliche Faktenmaschine.WELT: Und dennoch wird sie auch bei wichtigen Entscheidungen eine erhebliche Rolle spielen. Wer soll diese künftig treffen – Mensch oder Maschine?Steinicke: Wenn Entscheidungen über Menschen getroffen werden, muss am Ende ein Mensch verantwortlich bleiben. KI kann auf dem Weg dahin unterstützen, Analysen liefern, Muster erkennen, Vorschläge machen. Aber es braucht Transparenz: Welche Informationen liefert das System? Wie verlässlich sind sie? Wo braucht es eine zweite oder dritte Quelle? Gleichzeitig wird es Bereiche geben, in denen KI nachweislich bessere Entscheidungen trifft als Menschen. Wenn autonome Fahrzeuge irgendwann deutlich weniger Unfälle verursachen als menschliche Fahrer, wird man sagen müssen: Dann sollten wir diese Technik nutzen – mit dem passenden rechtlichen Rahmen. Anders sieht es bei Entscheidungen über Leben und Tod aus, etwa im militärischen Bereich. Das sind klare rote Linien, die wir nicht überschreiten dürfen.WELT: Beobachten Sie auch, wie sich durch Drohnen, KI und Robotik die Kriegsführung verändert, gerade jetzt in der Ukraine?Steinicke: An unserer Fakultät gibt es eine Zivilklausel. Wir forschen also nicht für militärische Zwecke. Als Bürger beobachte ich diese Entwicklung aber natürlich. Es ist erschreckend, wie stark neue Technologien Kriege verändern können. Gleichzeitig sieht man, dass sich scheinbar militärisch unterlegene Staaten durch Drohnentechnologie in die Lage versetzt werden können, sich mit vergleichsweise geringen Mitteln zu verteidigen. Dystopisch wird es, wenn man sich autonome Roboterarmeen vorstellt, die skalierbar und günstig produziert werden. Am Ende bleibt aber leider: Kriege werden nicht dadurch entschieden, dass zwei Roboterarmeen gegeneinander antreten und der Gewinner feststeht. Kriege zielen immer auch auf Gesellschaften, Moral, Infrastruktur und Menschen. Genau deshalb ist diese Entwicklung so gefährlich.WELT: Ein politischer Punkt, der gerade viel diskutiert wird, ist die technische Abhängigkeit Europas von den USA und China. Wie wichtig wäre eine stärkere digitale Souveränität?Steinicke: Extrem wichtig. Im wissenschaftlichen Bereich ist Europa übrigens durchaus stark. Wir haben hervorragende Forscherinnen und Forscher, die auf den bedeutendsten wissenschaftlichen Konferenzen ihre Ergebnisse publizieren. Aber im kommerziellen Bereich dominieren derzeit die USA und China, auch durch massive staatliche Unterstützung und enormes Kapital. Europa muss aufpassen, nicht weiter abgehängt zu werden. Es braucht Investitionen in Infrastruktur, also etwa GPU-Server, in Ausbildung, Forschung und in die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in Produkte. Gerade in exponentiell wachsenden Technologiefeldern ist ein Vorsprung sonst nur noch schwer aufzuholen.Lesen Sie auchWELT: Fehlt dazu Europa der politische Wille?Steinicke: Ich glaube, es gäbe gerade jetzt ein Zeitfenster. Viele Menschen sehen, dass man sich auf bestimmte internationale Partner nicht mehr so verlassen kann wie früher. Wenn es den politischen Willen gäbe, digitale Souveränität ernsthaft voranzutreiben, könnten viele Bürger das nachvollziehen. Europa ist ein riesiger Binnenmarkt. Man könnte überzeugender fordern: Wir wollen eigene digitale Infrastrukturen, eigene Plattformen, eigene KI-Systeme, die unseren rechtlichen und ethischen Standards entsprechen. Dazu gehört auch, nicht immer nur abhängig zu sein von amerikanischen oder chinesischen Diensten. Ich sehe aber bisher nicht, dass dieser Wille konsequent genug umgesetzt wird.WELT: In der Gesellschaft gibt es Offenheit gegenüber KI, aber auch heftigen Widerstand. Das merken wir in den Redaktionen, aber vermutlich auch Sie in der Forschung. Wird KI zu einem ideologischen und zu einem politischen Konfliktthema?Steinicke: Ich glaube nicht, dass eine vollständige Ablehnung von KI durch eine größere Gruppe realistisch ist. Wer sagt, er nutze gar keine KI, müsste fast vollständig digitalen Detox betreiben. KI steckt schon heute an vielen Stellen, an denen man sie nicht sofort vermutet: bei Übersetzungen, Textoptimierung, Bildbearbeitung, Empfehlungssystemen. Natürlich gibt es Menschen, die KI möglichst wenig nutzen wollen und das ist legitim. Gerade deshalb ist es wichtig, KI-Systeme in Europa so zu entwickeln, dass sie unseren Vorstellungen von Datenschutz, Privatsphäre, Ethik und Recht entsprechen. Wenn Menschen das Gefühl haben, ihre Daten werden beliebig verwendet, entsteht Ablehnung. Wenn Systeme transparent, kontrollierbar und rechtskonform sind, kann Vertrauen wachsen.WELT: Auch Informatiker galten lange als besonders sichere Berufsgruppe. Ändert KI selbst dort den Arbeitsmarkt?Steinicke: Ja, das beobachten wir zum ersten Mal deutlich. Früher mussten Informatikerinnen und Informatiker oft kaum Bewerbungen schreiben, weil sie schon während des Studiums gearbeitet und dann übernommen wurden. Jetzt sehen wir, auch wegen der wirtschaftlichen Lage, dass Bewerbungen wieder wichtiger werden. Unternehmen glauben, manche Aufgaben mit KI erledigen zu können: Webseiten aktualisieren, Code schreiben, Systeme konfigurieren. Ich halte es aber für einen Trugschluss, daraus zu schließen, dass man keine Fachleute mehr braucht. Viel KI-generierter Code kann unsicher, ineffizient oder schwer nachvollziehbar sein. In einigen Jahren werden wir vielleicht auf Systeme schauen und sagen: Das wurde damals schnell mit KI gebaut, aber niemand versteht es mehr richtig, und jetzt treten Sicherheitslücken oder Fehler auf. Dann braucht man erst recht Menschen, die die Grundlagen verstehen.WELT: Ein großes Zukunftsfeld ist Medizin. Kann KI dort helfen, gerade weil Personal und Therapieplätze fehlen?Steinicke: Ja, wir haben uns zusammen mit dem UKE unter anderem damit beschäftigt, ob KI-Agenten in therapeutischen Kontexten unterstützen können. Der Hintergrund ist: In Hamburg wartet man teils viele Monate auf einen Therapieplatz. Die Frage war, ob ein Erstkontakt schneller ermöglicht werden kann – nicht mit Google, sondern mit einer KI, die an eine echte Gesundheitsinstitution angebunden ist. Wir haben echte Therapeuten digitalisiert, also Gesicht und Stimme nachgebildet, und getestet, wie Gespräche mit solchen Agenten funktionieren. Das geschah immer unter Aufsicht echter Therapeutinnen und Therapeuten. Erstaunlicherweise fiel das Ergebnis auch aus Sicht der Fachleute relativ positiv aus.WELT: Heißt das, Menschen lassen sich künftig von Maschinen therapieren?Steinicke: So weit würde ich nicht gehen. Ursprünglich dachten wir eher an einfache Begleitung: Termine machen, an Termine erinnern, Fragebögen durchgehen. Die Therapeuten selbst waren dann aber daran interessiert zu sehen, wie weit solche Systeme unterstützen können. Sie könnten zum Beispiel zusätzliche Hinweise liefern oder standardisierte Fragen stellen. Aber die KI darf nicht die letzte Instanz sein. Sie kann halluzinieren, falsch reagieren, eine Situation nicht angemessen einschätzen. Deshalb muss gerade im Gesundheitsbereich am Ende immer ein Mensch Verantwortung tragen und gemeinsam mit dem Patienten entscheiden.WELT: Emotionen gelten als besonders heikel. Kann KI Gefühle überhaupt richtig erkennen?Steinicke: KI kann Emotionen nur äußerlich erfassen: über Gesichtsausdruck, Stimme, Blick, Körpersprache. Sie kann vielleicht erkennen, ob ein Lächeln echt wirkt oder nicht. Aber sie kann nicht wirklich in den Kopf eines Menschen schauen. Auch Therapeutinnen und Therapeuten können das nicht vollständig, aber sie bringen menschliches Verständnis und Erfahrung mit. Deshalb ist Emotionserkennung durch KI ein sehr sensibler Bereich und im europäischen AI Act auch stark reglementiert. In der Forschung können wir bestimmte Dinge untersuchen. Für reale Anwendungen muss man sehr streng prüfen, was zulässig und verantwortbar ist.WELT: Haben Sie denn herausgefunden, welchen digitalen Gesichtern Menschen besonders vertrauen?Steinicke: Wir sehen, dass Menschen einem Agenten signifikant mehr vertrauen, wenn er aussieht wie jemand, den sie kennen. Das hat natürlich große Konsequenzen. Wenn KI-Agenten aussehen wie Politiker, Prominente oder fast wie bekannte Personen, kann das Vertrauen erzeugen – und auch manipulativ genutzt werden. Außerdem hängt viel vom Kontext ab. Eine KI, die nur einen Termin vergibt, muss ich nicht selbst gestalten. Bei einem therapeutischen Agenten möchten Menschen eher Einfluss darauf haben, wie er aussieht. Bei virtuellen Tutoren haben wir gesehen, dass eine thematische Nähe hilft: Wenn mir ein Agent etwas über Raumfahrt beibringt und aussieht wie ein Astronaut, erhöht das Motivation, emotionale Bindung und auch den Lerneffekt. Entscheidend ist also nicht nur, dass die Technik funktioniert. Entscheidend ist, wie menschlich sie wirkt – und was das mit uns macht.Zur Person: Prof. Frank Steinicke, 1977 in Rheine geboren, ist Professor für Mensch-Computer-Interaktion an der Universität Hamburg und leitet dort die Forschungsgruppe Human-Computer Interaction. Er studierte Mathematik mit Nebenfach Informatik an der Universität Münster, wo er promovierte und sich habilitierte. Nach einer Professur für Medieninformatik an der Universität Würzburg wechselte er 2014 nach Hamburg. Steinicke veröffentlichte mehr als 300 wissenschaftliche Arbeiten und gilt international als einer der führenden Experten. Für seine Arbeiten wurde er 2023 mit dem IEEE VGTC Virtual Reality Technical Achievement Award ausgezeichnet, 2024 in die Akademie der Wissenschaften in Hamburg aufgenommen und 2025 in die XR Hall of Fame berufen.