Wie viel bringen Deradikalisierungsstellen gegen Islamismus? «Eine ganze Menge», meint der Mann, der mit dem CSD-Attentäter Abdul Ballout gesprochen hatNach dem Anschlag in Berlin steht eine Einrichtung in der Kritik, die Jihadisten beim Ausstieg helfen soll. Ballout nahm dort kurz vor dem Anschlag zwei Termine wahr. Der Leiter der Organisation verteidigt sich: Von den eingesetzten Steuergeldern sei jeder Cent gut investiert.02.08.2026, 04.30 Uhr7 LeseminutenPolizisten untersuchen das Tatfahrzeug, mit dem der Jihadist Abdul Ballout in Teilnehmer des Berliner Christopher Street Day gerast ist.Christian Mang / ReutersDer Berliner CSD-Attentäter Abdul Ballout machte auf den Sozialarbeiter Thomas Mücke einen merkwürdigen Eindruck. Er sei im Gespräch immer wieder ausgewichen, sagt er: «Ballout wirkte sehr kontrolliert, und in dem, was er sagte, war er nicht wirklich fassbar. In den zwei Sitzungen gewährte er uns keinen einzigen Einblick in sein Weltbild.» Der dritte Termin in der Deradikalisierungsstelle Violence Prevention Network war für Montag, den 27. Juli, angesetzt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch zwei Tage vorher raste Ballout erst mit einem Transporter in eine Menschenmenge, dann hieb er mit einer Machete auf die Feiernden ein. Er griff eine Veranstaltung an, die für ihn offenkundig alles verkörperte, was er an der freiheitlichen westlichen Lebensweise hasste: die Parade zum Christopher Street Day, an dem sexuelle Minderheiten für ihre Rechte demonstrieren. Ballout tötete eine Frau, weitere 29 Menschen verletzte er zum Teil lebensgefährlich. Einen Tag nach seiner Flucht erschoss ihn die Polizei.Ballouts Tat kam nicht überraschend. Nachdem er erfolglos versucht hatte, sich dem Islamischen Staat in Syrien anzuschliessen, führten ihn die Behörden als Gefährder. Er war vorbestraft und wohl seit dem Jugendalter Teil der islamistischen Szene der Hauptstadt. Seit dem Anschlag müssen sich nicht nur die Sicherheitsbehörden und die Justiz kritische Fragen gefallen lassen, sondern auch die Deradikalisierungsstellen: Wie sinnvoll ist ihre Arbeit, wenn es einer von ihnen nicht gelungen ist, den Attentäter vom Anschlag abzuhalten? Und wie gerechtfertigt ist ihre Finanzierung durch den Staat?Im Gespräch mit der NZZ hat der 68-jährige Thomas Mücke schnell eine Antwort parat: «Wir haben bis anhin mit insgesamt 490 sogenannten gefahrenrelevanten Fällen aus dem islamistischen Milieu gearbeitet, unter anderem mit Hochrisikofällen und Rückkehrern aus jihadistischen Kampfgebieten. Von diesen 490 Fällen gab es nur einen Rückfall.» Dann setzt er zur Gegenfrage an: «Was meinen Sie, was passiert wäre, hätten wir uns der 489 übrigen Fälle gar nicht angenommen?»Deradikalisierungsstellen würden «eine ganze Menge» bewirken, beteuert Mücke. Die Abbruchquote bewege sich zwischen anderthalb und zwei Prozent, und von den eingesetzten Steuergeldern sei jeder Cent gut investiert.Ballout war noch gar nicht als Fall aufgenommen worden489 erfolgreiche Fälle, das klingt nach einer Erfolgsgeschichte. Allerdings lässt sich diese Zahl nicht unabhängig überprüfen. Und zumindest in Ballouts Fall stellt sich die Frage, ob nicht auch Mücke Hinweise auf dessen Anschlagsvorbereitungen hätte sehen können. Er sagt dazu: «Konkrete Anhaltspunkte für einen Anschlag hat es zumindest in den zwei Terminen nicht gegeben.» Sonst hätte er sofort die Sicherheitsbehörden alarmiert.Speziell ist Ballouts Fall auch deshalb, weil er eigentlich nicht zu der Deradikalisierungsstelle hätte gehen müssen; zumindest nicht kurz vor dem Anschlag.Im Mai verurteilte ein Berliner Jugendschöffengericht Ballout wegen der Planung eines Terroranschlags zu einer Jugendstrafe in Höhe von 22 Monaten. Doch das Urteil war noch nicht rechtskräftig, weil die Staatsanwaltschaft dagegen Berufung eingelegt hatte, und Ballout wurde aus der Untersuchungshaft entlassen. Eine Pflicht zum Besuch der Deradikalisierungsstelle, den das Gericht angeordnet hatte, gab es nicht.Warum er trotzdem die Stelle aufsuchte? Eine Sprecherin der Berliner Strafgerichte hat darauf keine Antwort. «Warum der inzwischen verstorbene Angeklagte sich trotzdem bereits bei einer Beratungsstelle gemeldet hat, entzieht sich unserer Kenntnis», teilt sie mit. Mücke vermutet, Ballout habe die Behörden womöglich täuschen wollen: «Wahrscheinlich wollte er signalisieren: Seht her, ich bin nicht gefährlich.»Ballout befand sich ausserdem noch in der sogenannten Clearing-Phase. Wichtig ist das deshalb, weil er damit nicht zu den von Mücke angesprochenen Fällen zählt: Bei der Clearing-Phase handelt es sich um drei Gesprächstermine, nach denen darüber entschieden wird, ob sich die Organisation des Falls annimmt. Bei Ballout hätten sie sich wohl dagegen entschieden, sagt Mücke, «weil er offenkundig nicht dazu bereit war, offen mit uns zu sprechen». Wie dem auch sei: Zum Zeitpunkt des Anschlags hat sich Ballout noch gar nicht in einem Aussteigerprogramm des Violence Prevention Network befunden.«Wir setzen auf der emotionalen Ebene an»Das Violence Prevention Network, kurz VPN, besteht seit 2004. Mücke und seine Mitstreiter hatten es ursprünglich ins Leben gerufen, um Rechtsextremisten beim Ausstieg aus der Szene zu helfen. Später begannen sie, auch Islamisten und Linksextremisten zu betreuen. Mücke beschreibt seinen Ansatz so: Es gehe seinen Mitarbeitern und ihm nicht darum, die Jugendlichen zu verurteilen, die zu ihnen kämen. «Uns interessieren die emotionalen Bedürfnisse, die die extremistische Szene bei ihnen anspricht. Auf dieser Ebene setzen wir zuerst an.»Der Berliner Sozialarbeiter Thomas Mücke ist einer der Mitgründer von VPN.Florian von PloetzKonkret heisst das: «Wir fragen die Jugendlichen, wie sie aufgewachsen sind, wir befragen sie über ihre Biografie. Vor allem aber klären wir: Ist die Person offen zu uns? Verhält sie sich authentisch?» Später helfe man den Aussteigern dabei, den Alltag jenseits extremistischer Milieus zu meistern, sagt Mücke. Selbstverständlich stehe seine Organisation während des gesamten Prozesses im «engen Austausch» mit den Sicherheitsbehörden.Die Idee zu dieser Art der Präventionsarbeit sei ihm ursprünglich Ende der achtziger Jahre gekommen, als eine Welle rechtsextremistischer Gewalt die untergehende DDR erfasste. «Als Sozialarbeiter in Berlin habe ich die sogenannten Baseballschläger-Jahre aus eigener Anschauung miterlebt», sagt Mücke.«Ich selbst wäre nie auf die Idee gekommen, die Neonazis anzusprechen, die jeden krankenhausreif schlugen, der nicht in ihr Weltbild passte. Aber ein Opfer bat mich damals darum, dass ich es versuchen soll.» Zuerst einmal habe er lernen müssen, wie man als Sozialarbeiter auf Gewalttäter zugehe. «Gleichzeitig musste ich mit dem Vorwurf umgehen, ich würde mit den Neonazis sympathisieren, wenn ich mit ihnen rede.»Als Mücke über die Arbeitsweise von VPN spricht, fällt ein entscheidender Satz. Er sagt, wer mit jungen Islamisten arbeite, der müsse ihre «Lebenswelt und die Lebensrealität kennen, er muss wissen, was sie beschäftigt». Vor dem Hintergrund der Vorwürfe, die es in der Vergangenheit gegen VPN gegeben hat, machen diese Sätze hellhörig. Vor mehreren Jahren warf die islamkritische Bloggerin Sigrid Herrmann der Deradikalisierungsstelle vor, sie beschäftige in Hessen eine Mitarbeiterin und einen Mitarbeiter, die selbst der islamistischen Szene nahestünden.Gemeinsames Beten könne helfen, sagt ein AusstiegshelferDer damalige Mitarbeiter, so der Vorwurf, soll eine Konferenz in den Vereinigten Arabischen Emiraten besucht haben, bei der auch Prediger aus dem Umfeld der Muslimbrüder zugegen gewesen sein sollen. Und die Mitarbeiterin soll Programme mit einem islamistischen Frauenverein organisiert haben, den der Verfassungsschutz beobachte. Mücke beteuert, die Vorwürfe hätten sich nicht erhärtet. «Die hessischen Sicherheitsbehörden haben alle unsere Mitarbeiter überprüft, und die zwei Kollegen wurden vollumfänglich entlastet.»Dennoch wirft die damalige Affäre Fragen auf. Wie eng darf der Umgang sein, den die Mitarbeiter einer Deradikalisierungsstelle mit radikalen Muslimen pflegen? Welches Verhalten ist akzeptabel, welches nicht? Wo genau ziehen solche Stellen die Grenze?Das Violence Prevention Network ist nicht die einzige Organisation in Deutschland, die Islamisten beim Ausstieg helfen soll. Auch der Berliner Verein Grüner Vogel ist mit dieser Aufgabe betraut. An dessen Bonner Standort ist der Islamwissenschafter Kaan Orhon tätig. Seine Organisation habe sich in den vergangenen Jahren vor allem mit deutschen Rückkehrerinnen aus dem Gebiet befasst, das der Islamische Staat in Syrien beherrscht habe, sagt der 41-Jährige im Gespräch. Von insgesamt etwa vierzig Frauen habe nur eine zeitweilig wieder Kontakt mit der islamistischen Szene gehabt.Der Bonner Islamwissenschafter Kaan Orhon sagt, die Ausstiegshilfe sei keine «umgekehrte Gehirnwäsche».FotoStube Hornig«Im Umgang mit jungen Islamisten ist es entscheidend, zuerst einmal Vertrauen aufzubauen», sagt Orhon. «Sie kommen schliesslich aus Milieus, in denen ihnen ein extremes Misstrauen gegen alles eingeimpft wird, was nicht ihrer Auslegung des Islam folgt. Viele von ihnen stellen sich sogar gegen ihre Familien und überhaupt gegen ihr gesamtes früheres soziales Umfeld.»Was dabei helfen kann? Für alle Mitarbeiter in der Ausstiegshilfe könne er nicht sprechen, sagt Orhon. Aber in seinem Fall erleichtere es den «Einstieg massiv», dass er selbst praktizierender Muslim sei. «Bei den Radikalisierten fallen die Abwehrreflexe schneller, wenn ich ihnen zeige, dass man den Islam auch anders leben kann. Es kann helfen, erst einmal gemeinsam zu beten.»«Wir betreiben keine umgekehrte Gehirnwäsche»Ein Aspekt seiner Arbeit ist Orhon besonders wichtig: Es gehe nicht darum, «Musterdemokraten» heranzuzüchten. Sicher sei es wünschenswert, wenn die Rückkehrerinnen und die jungen Islamisten am Ende des Prozesses zum Beispiel Atheisten, Homosexuelle und Juden akzeptieren würden, sagt er. Garantiert sei das aber nicht, zumal es auf etwas anderes ankomme: «Das Wichtigste ist, dass sie ihr Leben selbständig bestreiten können und dass sie damit aufhören, sich selbst und andere zu gefährden.»Orhon spricht von sich selbst als Ausstiegsbegleiter, der Begriff der Deradikalisierung trifft es aus seiner Sicht weniger gut. Er möchte dem Missverständnis vorbeugen, dass «wir eine Art umgekehrte Gehirnwäsche betreiben», wie er sagt. Das würde dem Ansatz des begleiteten Ausstiegs, aber auch jenem der Behörden und des Rechtsstaats widersprechen. Die Ausstiegshilfe sei auch kein Wundermittel, das die Arbeit der Sicherheitsbehörden überflüssig mache, betont er. Sie funktioniere nur dort, «wo das Gegenüber für ein Gespräch empfänglich ist».In einem Extremfall hatte Orhon mit einem Mann zu tun, der nach Somalia ausgereist war, bei der Terrorgruppe al-Shabab mitkämpfte und sich von dort aus dem Islamischen Staat anschliessen wollte. «Das Einzige, was er an seiner Zeit bei al-Shabab kritisch sah, war die dort verbreitete Korruption. Mit dem gewalttätigen Jihadismus hatte er nach wie vor kein Problem.» Hätte er die Möglichkeit, sich dem IS anzuschliessen, dann würde er es wieder versuchen, soll der Mann nach Orhons Schilderung gesagt haben. Anders als viele Aussteiger musste er seine vollständige Haftstrafe absitzen.Laut Orhon gibt es auch Fälle, in denen Jihadisten in Haft einen Ausstiegsprozess durchlaufen hätten, aber zurück in Freiheit wieder Anschluss in der Szene suchten. So sei es etwa beim Salafisten und früheren Terrorhelfer Sven Lau gewesen, der im Gefängnis an einem Ausstiegsprogramm der staatlichen Stelle API teilgenommen hatte, danach aber wieder Anschluss im islamistischen Milieu suchte. Trotzdem solle man den Ausstieg, bei dem es Chancen auf Erfolg gebe, in jedem Fall versuchen, meint Orhon.So sieht es auch der Berliner Sozialarbeiter Thomas Mücke. Seit dem islamistischen Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day riefen wieder mehr Eltern bei ihm an, sagt er, weil sie sich wegen ihrer radikalisierten Kinder sorgten. Seine Mitarbeiter und er täten ihr Bestes, um ihnen zu helfen. «Nur wäre es schön, wenn dafür kein Anschlag mit einem Todesopfer nötig gewesen wäre.»Passend zum Artikel
Nach CSD-Anschlag: Deradikalisierer Thomas Mücke verteidigt sich gegen Vorwürfe
Nach dem Anschlag in Berlin steht eine Einrichtung in der Kritik, die Jihadisten beim Ausstieg helfen soll. Ballout nahm dort kurz vor dem Anschlag zwei Termine wahr. Der Leiter der Organisation verteidigt sich: Von den eingesetzten Steuergeldern sei jeder Cent gut investiert.














