PfadnavigationHomeSportFußballWMArtikeltyp:MeinungGianni InfantinoDer böse Geist, den sie selbst erschufenStand: 12:02 UhrLesedauer: 3 MinutenDie Pläne der Fifa, Teile der kommerziellen Rechte an Weltmeisterschaften in eine investorenbeteiligte Gesellschaft einzubringen, stoßen in Europa auf massiven Widerstand. Alle 55 Uefa-Mitgliedsverbände kündigen einen Boykott künftiger Fifa-Wettbewerbe an, falls die Vorschläge umgesetzt werden.Der Fifa-Präsident treibt den Fußball-Kommerz weiter auf die Spitze. Dass es so weit kommen konnte, liegt auch an den Protagonisten, die nun klagen. Sie haben das System selbst erfunden und Infantino gewähren lassen.Der Aufschrei ist so laut wie noch nie. Gianni Infantino will Teile der Fußball-Weltmeisterschaft an private Investoren verkaufen und damit weitere Milliarden scheffeln. Die Kritik ist durchaus berechtigt. Denn Infantino steht dem Fußball-Weltverband Fifa vor, nicht einem Unternehmen. Er muss keine immensen Gewinne erwirtschaften und ist keinen Aktionären verpflichtet, sondern dem Spiel. So sieht es in der Theorie aus. In Wahrheit ist dieser Mann vor allem sich selbst verpflichtet. Infantino sieht sich offenkundig auf Augenhöhe mit den Mächtigsten der Welt, als Mischung aus Staatslenker und Wirtschaftsmogul, im Stile eines Dealmakers. Als solcher hat er sich demokratischer Prozesse entledigt und merkt es offenbar nicht einmal. Dass der Schweizer einen solchen Milliardendeal überhaupt ohne Rücksprache einfädelt, spricht ebenso Bände wie die Tatsache, dass die Verbände eine extrem kurze Frist bekommen, um das Ganze abzunicken. Wer die Mail liest, die er an die Verantwortlichen geschickt hat, fühlt sich an Drücker-Methoden unseriöser Finanzdienstleister erinnert: „Sollten Sie diesen Fortschritt wünschen, steht Ihnen dieses 10-Milliarden-Dollar-Paket ab dem 1. Januar 2027 zur Verfügung und leitet die nächste Phase unserer gemeinsamen Reise ein.“WM ohne Europa? Kein Investoren-GoldDie europäischen Nationen wünschen diesen Fortschritt nicht. Das tun sie schon lange nicht mehr, nur diesmal handeln sie ausnahmsweise. Der Kontinentalverband Uefa droht offen und einstimmig mit Boykott, andere wie Asien schließen sich an – eine Kriegserklärung an die Fifa. Denn Infantino weiß: Eine WM ohne europäische Nationalmannschaft ist kein Investoren-Gold.Lesen Sie auchDoch wer droht da eigentlich? Es sind genau die Länder, die den Geist Gianni Infantino nährten. Dass er am Ende so riesig, mächtig und skrupellos sein würde, wollten sie nicht kommen sehen. Jetzt werden sie größte Mühe haben, ihn wieder in die Flasche zu bekommen.Lesen Sie auchWenn nämlich Funktionäre, Klubchefs und auch Verbände aus Europa jammern, hier würde der Fußball verkauft, sollten sie vielleicht erwähnen, dass sie dieses Prinzip selbst erfunden haben. Die Schraube überdreht? MitnichtenSie zahlen sich und ihren kickenden Angestellten seit Jahrzehnten exorbitant steigende und immer obszönere Gehälter sowie schamlos hohe Handgelder aus. Sie zerstückeln die Ligaspieltage, so weit es nur geht, und lassen die Partien von immer mehr verschiedenen TV-Sendern gegen immer mehr Honorar übertragen. Sie erdenken sich stetig neue Europapokal-Wettbewerbe. Sie gliedern ihre Profiabteilungen aus, um nicht mehr dem Vereinsrecht zu unterliegen. Sie werfen ein Sondertrikot nach dem anderen auf den Markt. Sie verlegen ihre Saisonvorbereitungen sportlich völlig sinnfrei nach Asien oder Amerika, um dort die Märkte zu bedienen. Und die alte Tante Bundesliga prüft ganz aktuell das Angebot eines US-Finanzinvestors – es soll um mindestens eine Milliarde Euro gehen.Der Verkauf des Fußballs ist seit Langem im Gange, Infantino treibt ihn auf die Spitze. Dabei haben die Verbände den Fifa-Chef gewähren lassen. Aufstockung der WM? Einführung der Klub-WM? Vor der Abstimmung längst entschiedene WM-Vergaben? Das sorgt seit vielen Jahren für Ärger. Wenn es aber darauf ankam, wurde abgenickt. Weil alle davon profitieren, und weil die Schraube längst nicht überdreht ist. Davon wird zwar seit Jahrzehnten gesprochen, es passiert aber nicht. Der Fußball wächst und wächst und wächst. Infantino werde irgendwann aufhören und zufrieden sein, glaubten sie. Doch das tat er nicht und wird es nicht tun. Das Ergebnis: der größte Machtkampf, den der Weltfußball je erlebte – Ausgang tatsächlich offen.