BMW mit der Titanic zu vergleichen, wäre etwas übertrieben. Denn untergehen wird der Münchner Autohersteller sicher nicht. Und doch drängt sich der Eindruck auf, dass vor rund zwei Monaten in Oliver Zipse ein Kapitän das Münchner Schiff verlassen hat, der zu seinem Abschied die Kapelle noch einmal richtig zünftig aufspielen ließ – wohlwissend, dass der Dampfer gerade Richtung Eisberg steuert. Den Rettungsanker muss nun ein anderer werfen. Immerhin scheint der das Zeug zum Krisenmanager zu haben.Die Zitate von Ex-BMW-Chef Zipse aus den letzten Monaten seiner Amtszeit strotzten nur so vor Selbstbewusstsein. Ende November 2025 befand er noch: „Von einer Krise möchte ich nicht sprechen – zumindest nicht für BMW.“ Umsteuern, das war sein Credo, müssen nur die anderen. Und Ende März, zu seinem letzten Quartalsbericht, erklärte Zipse, BMW sei „auf Kurs geblieben“ und „ideal positioniert, um die Früchte zu ernten“. Wenige Monate später wird klar: die Ernte kommt in Form eines mindestens Hunderte Millionen teuren Abfindungsprogramms. Rund 8000 Beschäftigte sollen nach SZ-Informationen den Autohersteller verlassen.Es ist schwer vorzustellen, dass Zipse nicht klar war, dass auch BMW nicht länger ohne große Sparprogramme inklusive Jobabbau durch das raue, geopolitische Fahrwasser schippern kann. Die Belastungen durch die US-Zölle, der Absatzeinbruch in China, die Auswirkungen des Iran-Kriegs – das alles trifft die Münchner genauso wie die Konkurrenz aus Ingolstadt und Stuttgart, und zwar nicht erst seit wenigen Wochen. Nur dass sie dort die Lage nicht ganz so lange schöngeredet haben.Bei Porsche nahm der alte Chef die Fehler noch auf seine KappeGut möglich, dass schon im Hintergrund Gespräche mit dem Betriebsrat liefen, lange bevor Zipse den Chefposten an seinen Nachfolger Milan Nedeljković übergab. Doch öffentlich muss nun eben der Neue erklärten, warum BMW vor wenigen Wochen seine Aktionäre mit einer Gewinnwarnung schockte und nun Tausende Arbeitsplätze abbauen will.Im Vergleich dazu muss man VW-Chef Oliver Blume zumindest anrechnen, dass er bei Porsche das zweite Sparpaket inklusive großem Stellenabbau noch auf den Weg gebracht hatte, bevor er seinen Job in Zuffenhausen zu Jahresbeginn an Michael Leiters übergab. Der hatte so zwar auch keinen einfachen Start, doch es war zumindest klar, dass die großen Fehler, die Porsche zum teuren Umsteuern bei der E-Mobilität zwangen, noch aus der Blume-Ära stammten – und dass weitere Einschnitte nötig sind. Der Ton war früh gesetzt und Leiters hat innerhalb weniger Monate mit dem Betriebsrat eine Vereinbarung ausgehandelt, mit der beide Seiten einigermaßen zufrieden sind. Gerade im VW-Konzern, der quasi in einem permanenten Drama- und Krisenmodus ist, eine beachtliche Leistung.Auch bei BMW macht der Start des neuen Chefs Hoffnung. Erst seit Mai ist Nedeljković in München am Ruder und schon Ende Juli hat er sich mit den Arbeitnehmervertretern auf ein umfangreiches Sparpaket inklusive großem Stellenabbau geeinigt. Und das alles geräuschlos, ohne öffentliche Machtkämpfe. Während sich die Beschäftigten in Stuttgart, Ingolstadt und Wolfsburg zuletzt zu Tausenden vor den Werkstoren versammelten und die Wut auf das Management rausließen, genießt der neue BMW-Chef bei seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern offenbar einen Vertrauensvorschuss.Genau darin liegt die Chance für BMW. Nedeljković mag zwar nicht das ausgeprägte, unbeirrbare Selbstbewusstsein seines Vorgängers haben. Doch gerade wenn in einem Unternehmen vieles unsicher ist und den Beschäftigten einiges abverlangt wird, ist ein abwägender, teamorientierter Chef wie Nedeljković vielleicht genau der Richtige. Denn insgesamt hat sich BMW in den vergangenen Jahren ja tatsächlich in vielen Bereichen sehr gut geschlagen. In Sachen E-Mobilität schauen sie aus Stuttgart und vor allem aus Ingolstadt sehr neidisch nach München. Und dass BMW bei den Kosten besser dasteht als die Konkurrenz, ist auch ein Verdienst des neuen Chefs, der lange das Produktionsressort verantwortet hat.Nun ist zumindest klar: Auch bei BMW ist Krise. Doch es ist gut möglich, dass die Münchner sie schneller und besser überstehen als einige Konkurrenten. Wenn das geschafft ist, ist auch eine extra Portion Selbstbewusstsein wieder okay.
Kommentar: Bei BMW hat man sich die Lage zu lange schöngeredet
Krise? Haben nur die anderen! Bei BMW war man zu sehr darauf bedacht, das Vermächtnis von Oliver Zipse nicht anzukratzen.












