In Uberto Pasolinis Film „Rückkehr nach Ithaka“ (2025) gelingt es Odysseus, dargestellt von Ralph Fiennes, seinen Bogen zu spannen, indem er ihn über das Feuer hält und biegbar macht. Pasolini nutzt die Bogenprobe, um Odysseus als einen Helden in Szene zu setzen, der sich weniger auf seine Kraft als seinen Verstand verlässt. Christopher Nolan kehrt in seiner Verfilmung der Odyssee zur homerischen Version zurück, nach der bereits die Freier versuchen, den Bogen mithilfe von Talg und Feuer zu spannen. Sein Odysseus, Matt Damon, hängt mit einer gewaltigen Anstrengung die Saite ein und beginnt den Freiermord, den er anders als bei Homer allein vollbringt – Telemach soll nicht das Blut der anderen Aristokraten an seinen Händen haben. Bereits in dieser Szene, in ihrem behutsam kalibrierten Verhältnis zur homerischen Vorlage, zeigt sich, dass Nolans Werk nicht bloß ein Unterhaltungsfilm ist, der ein Millionenpublikum begeistern muss, um die Produktionskosten von einer Viertelmilliarde Dollar einzuspielen, sondern trotz des alltäglichen Idioms und des in Mythenfilmen bisher verpönten amerikanischen Englisch der Schauspieler auch eine fein ziselierte Homeradaption.Wo Pasolini mit der Ankunft des Odysseus auf Ithaka einsetzt und damit nur die zweite Hälfte der Odyssee auf die Leinwand bringt, da verfilmt Nolan das ganze Epos und folgt im Großen und Ganzen dessen Aufbau. Wie Homer erzeugt er Spannung, indem er uns zuerst nach Ithaka führt, wo Penelope und Telemach auf Odysseus warten, während die Freier das Hab und Gut der Königsfamilie verzehren. Anders als Homer lässt Nolan uns Odysseus seine Irrfahrten nicht selbst erzählen – damit würde er sich auch der von ihm spektakulär genutzten Möglichkeit des Films berauben, Polyphem, Skylla und Charybdis und die anderen exotischen Widersacher zu visualisieren. Aber Nolan stellt die Abenteuer zumindest teilweise in Rückblenden als die Erinnerung dar, die Odysseus hat, jedoch bei Kalypso und nicht am Hofe der Phaiaken, die zu den von Nolan gestrichenen Elementen gehören.Die finale ProphezeiungAns Ende setzt Nolan eine Szene, die in der Odyssee nur antizipiert wird, aber bereits dort den Abschluss der Handlung aufbricht. Homer lässt Odysseus Penelope von einer Prophezeiung des Teiresias erzählen: Er werde nach seiner Rückkehr noch einmal aufbrechen und so weit ins Landesinnere vordringen müssen, bis er einem Mann begegne, der das Ruder auf seinen Schultern für eine Schaufel halte. Nachdem er dort Poseidon geopfert habe, werde er in Frieden altern und einen sanften Tod sterben. Am Ende von Nolans Film sticht Odysseus tatsächlich in See, um gen Westen zu segeln, wo er Opfer für seine gefallenen Kameraden darbringen will. Sein Schicksal ist das Exil.Die vaterlose Hofgesellschaft: Penelope (Anne Hathaway) und Telemach (Tom Holland)dpaNolan strafft die Handlung durch den Verzicht auf einzelne Abenteuer, neben dem Aufenthalt auf der Phaiaken-Insel Scheria auch die Begegnung mit dem Windgott Aiolos und die Landung bei den Lotos-Essern. Bemerkenswert ist die erzählerische Ökonomie, mit der Nolan auf der anderen Seite einzelne Elemente des Epos hervorhebt und rekonfiguriert. Der flohbelauste Hund Argos, in seiner jämmerlichen Verfassung ein Spiegelbild seines Herrn, ist im Epos der Einzige, der seinen Herrn vom Anblick her erkennt – und in diesem Moment das Zeitliche segnet. Bei Nolan hat der Hund schon lange vor dieser Wiedererkennungsszene, die sich über Speziesgrenzen hinwegsetzt, einen Auftritt und wird von Telemach und dem Schweinehirten Eumaios gegen die Freier verteidigt.Ein Beispiel für die Bedeutung von Artefakten im homerischen Epos ist die Brosche, die Odysseus als Bettler vor Penelope beschreibt, um zu beglaubigen, dass er ihren Mann gesehen hat. Auf ihr hält „ein Hund ein buntgeschecktes Rehkalb und fixierte es mit seinem Blick, während es zappelte“. Nolan vergibt die Pointe, dass sich in dieser Darstellung der bevorstehende Freiermord spiegelt, und macht die Brosche zu einer Athene-Statuette. Dafür verankert er sie in wichtigen Szenen: Penelope gibt sie Odysseus beim Abschied, nach dem Freiermord schließlich dient sie als Ausweis seiner Identität. Zudem bringt die Brosche das enge Verhältnis des Odysseus zu Athene zum Ausdruck, die als einzige Gottheit im Film auftritt, wobei unklar bleibt, ob sie real oder nur eine Phantasie des Odysseus ist.Eine epische MadeleineOdysseus muss bei Nolan nicht befürchten, Gefährten an die Lotosesser zu verlieren; stattdessen droht er sich selbst zu verlieren, im Konsum der Droge namens Kalypso. Nachdem ihn die Wellen bewusstlos und schwer verletzt an das Gestade von Aiaia angespült haben, hilft ihm der Lotos, den Schmerz über den Verlust seiner Gefährten zu ertragen. Nur langsam, in Bruchstücken kommen die Erinnerungen wieder, bis schließlich die Athene-Brosche zur epischen Madeleine wird, mit deren Hilfe Odysseus sich auch wieder an seine Frau Penelope erinnern kann. Aus Kalypsos Versuch, ihn in ihren Armen seine Heimat vergessen zu lassen, wird bei Nolan eine tatsächliche, wenn auch nur vorübergehende Amnesie, die, von der Droge gestützt, Odysseus von der Wucht traumatischer Erfahrungen abschirmt.Irgend jemand brennt die halbe Stadt nieder und schiebt ihm die Schuld in die Schuhe: Können die Taten der im Pferd versteckten Griechen dem Erfinder des listigen Geschenks als Kriegsverbrechen zur Last gelegt werden?Melinda Sue Gordon/Universal StudiosAm Ende des Epos kehrt der homerische Odysseus von der Rolle eines passiven zu der eines aktiven Helden zurück. Er muss nun nicht länger Angriffe erdulden und vor übermächtigen Gegnern seine Identität verleugnen, sondern tritt wie ein iliadischer Krieger den Angehörigen der Freier in einer offenen Feldschlacht gegenüber. Nur Zeus kann ihn stoppen und mit einer göttlichen Amnestie Ithaka befrieden. Zugleich wirft Homer einen kritischen Blick auf seinen Helden und beziffert die Kosten von dessen Rückkehr: Odysseus hat seine Gefährten nicht zurückgebracht, mit den Freiern löscht er eine ganze Generation junger Adliger aus. Nolan mildert diese Kritik ab. Er verschweigt die Verantwortung des Odysseus nicht, macht sie sogar in einer Weise zum Thema, die an die ethischen Reflexionen seiner Batman-Filme erinnert, hebt aber die Sorge des Odysseus um seine Männer hervor und macht die Versöhnung mit ihnen zum Ziel seiner letzten Reise.Zugleich dekonstruiert Nolan das Konzept des Kriegshelden. Kirkes Verwandlung der Gefährten in Schweine hat die Züge einer ovidschen Metamorphose, die das Wesen des Verwandelten offenlegt: Während die Zauberin in einem grausigen Akt die Menschen- zu Schweinekörpern umformt, stellt sie fest, die Männer hätten sich davor bereits wie Schweine aufgeführt. Vor allem schält sich als Gravitationszentrum der Handlung die Zerstörung Trojas heraus. Von Anfang an gibt es Rückblenden darauf, am Ende werden diese Szenen länger und erinnern in ihrer Intensität an die Schlachtdarstellung in Nolans Weltkriegsfilm „Dunkirk“ von 2017. Während Odysseus entgeistert durch das Gemetzel stolpert, kommentiert seine Stimme das Geschehen aus dem Off. Sie erklärt die Einnahme Trojas, bei Homer die Quelle unvergänglichen Ruhms für die Griechen, zum Zivilisationsbruch. In Trojas Mauern sei der Kampf zur Jagd degeneriert, die Erfahrung habe ihn schwer traumatisiert und ihm alles, auch die Heimat, geraubt. In einem Schlüsselsatz des Films stellt Odysseus fest: Die ominösen Seevölker, die verschiedene Figuren als Gefahr für die griechische Zivilisation perhorresziert haben, sind sie selbst, die wahren Barbaren stecken in den Griechen.Wie in Pasolinis „Rückkehr nach Ithaka“ fehlen auch in Nolans „Odyssee“ die finale Auseinandersetzung und von Zeus verordnete Versöhnung mit den Bewohnern von Ithaka. Aber während Pasolini den Fokus auf die Intimität des Paares verengt und die Frage aufwirft, wie Odysseus und Penelope, von Ralph Fiennes und Juliette Binoche mit großer Sensibilität verkörpert, wieder zusammenfinden können, weitet ihn Nolan makroskopisch auf die Dimension der Zivilisation aus. Die Odyssee wird zum Schauplatz der Dialektik der Aufklärung, die Nolan bereits in „Oppenheimer“ vermessen hat; in der archaischen Welt des Epos verdichten sich die Ängste des Anthropozäns, dass sich die menschliche Zivilisation selbst auslöscht. Das von Nolans Helden immer wieder beschworene Gesetz des Zeus verspricht eine unverbrüchliche Ordnung, aber der epische Götterapparat hat im Film keinen Platz mehr – der Olymp ist leer, die Helden sind wie die modernen Menschen allein mit den Folgen ihres Handelns.