Sir Christopher Nolan hat „The Odyssey“ auch in Griechenland gedreht. Doch nicht einmal für „Interstellar“ dürften die Location Scouts des britisch-amerikanischen Filmregisseurs derart mit dem Auskundschaften passender Drehorte beschäftigt gewesen sein wie für die Verfilmung des homerischen Epos über die leidvolle Heimkehr des Odysseus aus dem Trojanischen Krieg in seine Heimat Ithaka, die diese Woche in die Kinos kommt.Das liegt einerseits an Nolans Abneigung gegen zu viel Computergeneriertes in den Erzeugnissen seiner Branche – aber es liegt auch an der antiken Vorlage. Die führt den Leser oder Zuhörer an mehr als ein Dutzend verschiedene Schauplätze: Bei den Lotophagen bekommt Odysseus erste Probleme mit der Disziplin seiner Männer, bei den Kyklopen entgeht er knapp einem menschenfressenden Riesen, von der Insel des Aiolos schafft er es fast nach Hause, wird dann aber wieder zurückgetrieben, bei den Laistrygonen verliert er seine Flotte bis auf ein einziges Schiff, auf der Insel der Kirke erfährt er, dass er in der Unterwelt nach dem Weg fragen muss. Er passiert die Sirenen sowie Skylla und Charybdis unter Todesgefahr, bei den Rindern des Helios missachten seine verbliebenen Leute eine entscheidende Anordnung und kommen anschließend alle um. Allein wird Odysseus auf der Insel der Kalypso angeschwemmt, die ihn dann jahrelang nicht weglässt. Als er endlich fahren darf, erleidet er abermals Schiffbruch, kommt aber zu den freundlichen Phaiaken, die ihn schließlich nach Ithaka bringen.Odysseus am NiederrheinUm das zu visualisieren, hat Nolan seine Schauspieler unter anderem auf Inseln vor Italien, nach Malta, Marokko, Schottland und Island fliegen lassen. Matt Damon als Odysseus und Zendaya als Athene mussten sogar auf die Halbinsel Dakhla im Süden der Westsahara an der afrikanischen Atlantikküste – sehr zum Missfallen aller Gegner der territorialen Ansprüche Marokkos auf dieses Gebiet, das es seit 1976 beherrscht.Nun sind Drehorte natürlich immer nur Kulisse. Doch erstaunlicherweise ist unter den eben genannten geographischen Räumen keiner, der nicht irgendwann schon einmal als möglicher Originalschauplatz des homerischen Epos ins Gespräch gebracht worden wäre – und lange nicht nur diese. Selbst Deutschland hätte einen Odysseus-Ort vorzuweisen, erwähnt doch der Römer Tacitus in seinem Werk „Germania“ Berichte, denen zufolge Asciburgium, das heutige Asberg, ein Stadtteil von Moers in Nordrhein-Westfalen, von Odysseus gegründet worden sei, wohl bei irgendeinem Landgang, den Homer weggelassen habe. Es sei dort sogar ein Altar mit dem Namen des Laertes – des Vaters des Odysseus – gefunden worden sowie „gewisse Grabmale mit griechischen Inschriften“.Odysseus kam bis zum Niederrhein? Das ist längst nicht die wildeste Theorie zur geographischen Verortung jener Reise. So veröffentlichte ein gewisser Anton Krichenbauer 1877 ein Buch mit dem Titel „Die Irrfahrt des Odysseus als eine Umschiffung Afrikas“. Demnach wohnten die Kyklopen an der Küste Somalias, Aiolos auf den Seychellen und Kirke östlich von Madagaskar. Einer 1885 publizierten Idee des amerikanischen Theologen William F. Warren zufolge – immerhin der erste Präsident der Boston University – ist Odysseus bis zum Nordpol gekommen, und der deutsche Ökonom Friedrich Soltau vermutete ihn 1887 unter anderem im antarktischen Eismeer. Der Bonner Orientalist Hubert Daunicht schrieb 1971, die Odyssee spiele in Wahrheit in Ostasien – die Kyklopen hausen bei ihm in der Gegend von Wladiwostok und die Laistrygonen in Korea –, und die österreichische Ethnologin Christine Pellech traute dem Mann aus Ithaka 1983 sogar eine komplette Weltumsegelung zu.Drogenkonsum auf DjerbaDie meisten der um die einhundert verschiedenen Theorien darüber, wo auf der Landkarte Odysseus denn nun herumgeirrt sein könnte, versuchen sich indes durchaus auf Gegenden zu beschränken, von denen bekannt ist, dass sie in der Antike nautisch erschlossen oder zumindest erschließbar waren. Und die meisten vermögen auch zu unterscheiden zwischen Odysseus als einer Figur der Troja-Saga einerseits – deren möglicher historischer Kern in der Spätbronzezeit um 1300 vor Christus zu suchen wäre – und einem Seefahrer andererseits, der zur Zeit der schriftlichen Abfassung des Epos fünfhundert Jahre später reale Orte besucht haben und dessen Berichte Homer verarbeitet haben könnte.So oder so war das Verlangen, die Stationen der Irrfahrt in der Realität zu identifizieren, schon in der Antike übermächtig. Der früheste, der ihm gesichert nachgegeben hat, war im 5. Jahrhundert v. Chr. der Geschichtsschreiber Herodot, der die drogensüchtigen Lotophagen in der Gegend von Djerba im heutigen Tunesien verortet. Eine Generation später berichtet Thukydides, seine Zeitgenossen sähen in Sizilien die Heimat der Lotophagen und Kyklopen, die Aiolos-Insel als eine der Liparen und sie platzierten Skylla und Charybdis in der Straße von Messina. Dort gibt es noch heute einen Ort namens Scilla mit einem Felsen, auf dem man sich das eine der beiden Seeungeheuer vorstellen kann, während das andere mit den tückischen Strömungen in der Meerenge zusammenhängen könnte.Griechen am PolarkreisBereits im Altertum lassen sich drei Gruppen von Lokalisierungstheorien unterscheiden: solche, die sich auf das Mittelmeer beschränken, solche, die auch das Schwarze Meer miteinbeziehen, und schließlich die der „Extraokeaniker“, denen zufolge Odysseus durch die Meerenge von Gibraltar in den Atlantik, den Okeanos, hinaussegelte und dort mitunter bis in den hohen Norden geriet. Die Nordland-Theorien erfreuten sich vor allem bei Autoren aus dem germanischen Sprachraum einiger Beliebtheit. Sie argumentieren dabei gerne mit einer Stelle aus der Laistrygonen-Episode (10. Gesang, Verse 82–86), die sich ihrer Ansicht nach als Beschreibung einer Gegend mit ausbleibenden oder extrem kurzen Nächten im Sommer auffassen lasse, wie sie in hohen Breiten zu erleben sind.Wo sind wir hier eigentlich? Odysseus und die Sirenen auf einem 1891 entstandenen Gemälde des britischen Künstlers John William Waterhouse.Picture AllianceÜberhaupt können sich Odysseus-Geographen auf eine Fülle exakter Angaben in dem homerischen Text berufen. Und zwar auch und gerade in den Abenteuerberichten, die im Zentrum fast jeder Nacherzählung oder Verfilmung stehen, obwohl sie nur vier der vierundzwanzig Gesänge und damit weniger als ein Fünftel des gesamten Epos umfassen. Die übrigen zwanzig Gesänge spielen auf Ithaka, in Pylos und in Sparta, also an unzweifelhaft realen Orten. Doch wie steht es zum Beispiel mit dieser Passage, die von Odysseus nach seinem Aufbruch von der Insel der Kalypso berichtet: „Sodann steuerte er mit dem Ruder sachkundig im Sitzen, und ohne einzuschlafen, behielt er die Plejaden im Auge und das Sternbild des Bärenhüters sowie die Bärin, die sie auch Wagen nennen (…). Denn diese beim Durchqueren des Meeres linkerhand zu halten, hatte ihm die göttliche Kalypso geraten. Siebzehn Tage segelte er dann über die See, am achtzehnten aber erschienen die schattigen Berge des Landes der Phaiaken.“Ein Echo des griechischen Kolonialismus?Auch an etlichen anderen Stellen liefert Homer exakte Angaben über Reisezeiten und Himmels- oder Windrichtungen. Das lädt dann geradezu dazu ein, damit sowie mittels Informationen über Wind- und Strömungsverhältnisse eine komplette Reiseroute zu rekonstruieren. Den wohl gründlichsten Versuch dazu unternahmen 1968 die Brüder Armin und Hans-Helmut Wolf in einem Buch, das Armin Wolf nach dem Tod seines Bruders noch einmal erweitert hat. Ihre Rekonstruktion, der die hier gezeigte Karte zugrunde liegt, passt zu vielen Vorstellungen, die bereits in der Antike kursierten. Eigentümlich ist der Wolf’schen Rekonstruktion vor allem die Identifikation der Aiolos-Insel mit Malta sowie die des Phaiakenlandes, das die meisten anderen Theorien als eine Insel auffassen, mit Kalabrien.Doch wie sinnvoll sind solche Rekonstruktionen? Die Brüder Wolf erheben zumindest implizit den Anspruch, hier einen Beitrag zur historischen Einbettung der Dichtung geleistet zu haben. Denn zu der Zeit, als sie entstand, als also ein Autor, der vielleicht Homer hieß, mündlich tradierte Passagen, von denen die ältesten vielleicht tatsächlich noch Erinnerungen an die Spätbronzezeit bewahren, zu einem mehr als 12.000 Verse umfassenden Epos integrierte – zu genau dieser Zeit begann der griechische Kulturraum nach Westen zu expandieren. Griechische Städte wie Korinth gründeten Kolonien in Sizilien und Unteritalien.„Die Faktentreue der Fahrt hat mich nie sehr interessiert“Und tatsächlich tritt Odysseus an manchen Stellen des Epos wie ein Entdeckungsreisender auf, etwa wenn er von einer Insel vor der Kyklopenküste aus auf dieser Anzeichen von Besiedlung erspäht und beschließt, herüberzurudern, um „etwas über diese Männer in Erfahrung zu bringen, was für welche das sind“. Allerdings, hier und noch mehr bei den Laistrygonen erweist sich seine Neugier als durchaus verhängnisvoll. Und mit dem alles übergreifenden Thema des „Nostos“, der Heimkehr, liefert Homer eigentlich das genaue Gegenteil einer kolonisatorischen Propaganda.„Dem sogenannten Homer muss die Reiseroute zumindest in groben Zügen vorgeschwebt haben“, sagt der Schweizer Altphilologe Kurt Steinmann, der 2007 im Züricher Manesse-Verlag die aktuell vielleicht schönste Versübersetzung der Odyssee ins Deutsche veröffentlicht hat. Und doch, viel anfangen kann Steinmann auch mit den Ergebnissen der Brüder Wolf nicht. „Für mich ist die Odyssee primär ein poetisches Konzept. Die Faktentreue der Fahrt hat mich nie sehr interessiert.“ Während Steinmann lediglich keinen Nutzen in der Nachzeichnung der von Homer geschilderten Fahrt auf einer Landkarte sieht, stehen derlei Bemühungen für Oliver Primavesi, Professor für griechische Philologie an der Universität München, einem besseren Verständnis des Epos durchaus im Wege.„Gegen den Grundgedanken der Dichtung“„Die generelle Darstellung des Odysseus in den Irrfahrten kann so zusammengefasst werden, dass er Heldenqualitäten in unheldischen Situationen beweist“, sagt Primavesi. Nachdem seine Flotte auf der Rückfahrt von Troja nach Ithaka bei Kap Melea abgetrieben wurde, findet sich der Held ein ums andere Mal in Lebenslagen wieder, in welche die Protagonisten der Ilias, des anderen Epos, das unter dem Namen Homers überliefert ist, nie kommen. Während diese sich ihrer Zugehörigkeit zum Kriegeradel im Kämpfen und Beutemachen versichern müssten, unterwerfe der Autor der Odyssee seine Hauptfigur einem „epischen Experiment“.Odysseus müsse nun, so gut er nur kann, lauter Dinge tun, die er als König von Ithaka und Feldherr vor Troja nie machen musste, die aber zeigen, dass er seiner Stellung intrinsisch würdig ist und nicht nur aufgrund ererbter Privilegien: Sich an Felsen klammern, schwer zerschrammt und verdreckt fremde Prinzessinnen um Hilfe anflehen, professionell ein Floß bauen – oder eben nach den Sternen navigieren. Vor dem Hintergrund dieser „Ausweitung des Heldischen“, so Primavesi, seien alle diese nautischen Angaben zu verstehen. „Odysseus muss navigieren, also navigiert er wie ein Profi. Dem auf einer Landkarte nachzuspüren, was das nun in Knoten und Seemeilen heißt, das geht gegen den Grundgedanken der Dichtung. Und dass das schon in der Antike nicht verstanden wurde, macht es nicht besser.“Primavesi betont, dass die Geschichte natürlich trotzdem auch an Orten spielen kann, die es wirklich gibt oder gab. „Aber je mehr man dann eine kleinbürgerliche Realienkunde verfolgt, desto weiter entfernt man sich von der Idee, dass es sich hier um ein episches Experiment handelt, das den Helden aller Privilegien entkleidet und in ein vollkommenes Phantasieland setzt, in dem er dann trotzdem besteht. Am Ende ist er also gar nicht in einem Zauberreich, wo er sich wunderbar bewährt, sondern auf Sizilien oder in der Meerenge von irgendwo.“Selbst wenn manche Details in der Odyssee also tatsächlich auf den Besuch Homers oder eines seiner Gewährsleute auf Djerba, Malta oder selbst Island zurückgeht, so sind das doch nichts als Requisiten und Informationen darüber, ästhetisch so bedeutungslos wie ein Wissen um die Aufenthaltsorte der Location Scouts eines Spielfilms. Andererseits, gerade dort, wo besonders gut erzählt wird, befördert das zuweilen die Sehnsucht nach dem konkret Räumlichen. Besonders erfolgreiche Filmproduktionen wurden schon an so manchen ihrer Drehorte zu einem Segen für den Tourismus.
Christopher Nolan und die Odyssee: Wo irrte Odysseus?
Christopher Nolans „The Odyssey“ bringt die Irrfahrt zurück ins Kino. Seit der Antike werden ihre Schauplätze auf Landkarten gesucht, obwohl gerade diese Genauigkeit den poetischen Sinn des Epos verfehlen könnte.












